karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Faschistisch motivierte Übergriffe im Freiamt
Eine kurze Einführung zur folgenden Chronologie

Schon seit ungefähr zwei Jahren hat sich das rechtsextreme Lager im Freiamt vergrössert und mit verschiedenen Aktionen auf sich aufmerksam gemacht. Sei es mit Anpöbeleien an Festen, gezieltem Suchen und Verprügeln von Andersdenkenden oder mit Nazi-Parolen vor Häusern, wo Ausländer wohnen. Auf den ersten Blick scheint die Situation nicht so prekär, es macht den Eindruck von Streitereien unter Jugendlichen, doch das wäre eine krasse Verniedlichung der Tatsachen, eine einfache Ausrede, um das Problem zu ignorieren.

Doch warum erlebt die faschistische Idee - die Suche nach einer autoritären/nazistischen Führung - mehr als siebzig Jahre nach ihrer Entstehung wieder solch einen Aufschwung? - Die Antwort ist schwer zu finden, es spielen verschiedene Faktoren eine grosse Rolle. Einige mögliche Gründe: Das Image der Schweiz hat in letzter Zeit stark gelitten (das Problem mit dem Nazi-Gold), die Schweiz ist nicht mehr die reiche Insel Europas; die Arbeitslosigkeit ist in den Jahren der Rezession stetig gestiegen und hat auch seit längerer Zeit wieder die Schweizer und Schweizerinnen stark getroffen; viele Flüchtlinge aus dem Balkan, aus dem Osten haben wegen Krieg und Naturkatastrophen Zuflucht in Europa und auch in der Schweiz gesucht. Diese neue Flüchtlingssituation bietet eine willkommene Ebene für die Rechten, um einfach zu einem Sündenbock zu kommen, indem sie alles auf die Ausländer abschieben; die Schweiz will nicht zugeben, dass sie Fehler gemacht hat, und grundlegende Veränderungen braucht. Es wird versucht, die Missstände mit anderen "Problemen" zu vertuschen, und mit Verherrlichung der Vergangenheit (der guten alten Zeit) versucht mensch, einen anderen Schwerpunkt zu finden.

Zu lange haben die Schweizerinnen und Schweizer sich sicher gefühlt und sind dekadent geworden, meist-konsultierte Medien wie der Blick, Sensationsmeldungen, verdummende Talkshows zeigen dies in dramatischster Weise, doch jetzt kommt die Retourkutsche. Einfache, klare und schnelle Lösungen sind für die "Misere" gesucht, weil wir uns selber nicht verändern und uns nicht selber helfen wollen. Doch die einfachste Lösung ist dieselbe falsche Lösung, wie sie es vor sechzig Jahren schon war. Leute, die alles besser wissen wollen, wissen, was das Volk hören will, nützen die Situation aus, um zu mehr Macht zu kommen und suchen als Sündenböcke die anderen, die Schwachen, die Aussenseiter. Es scheint so, als hätte mensch den Krieg vor bald sechzig Jahren schon vergessen.

Überfälle von Neonazis wie der in Sins, wo am 16. Mai 1998 zehn Jugendliche von 15 Neonazis mit Stöcken, Ketten und einem Hund bedroht und zum Teil verletzt wurden, zeigen, dass das Ganze Ernst ist. Die Gewaltbereitschaft der Rechten ist gross, um ihre Politik durchzusetzen. Natürlich sind es nicht Blocher und Co. oder die Damen und Herren der SVP, der Freiheitspartei oder der Schweizer Demokraten, die Hand anlegen, aber sie bieten die Berechtigung, den Boden für die Neonazis. Die Schlägereien sind nur die kleine Spitze des ganzen Eisberges.

Es ist Tatsache, dass das rechte/nazistische Gedankengut bei den Jugendlichen im Freiamt/Aargau (und auch in der ganzen Schweiz) sehr verbreitet ist. Es gibt organisierte Gruppen in Boswil/Muri, Sins, Ottenbach (Säuliämter Skins, SS) und Bremgarten (Tells Söhne). Diese Gruppen machen immer wieder mit Übergriffen auf sich aufmerksam. In den letzten zwei Jahren sind über 20 kleinere bis schwerwiegende Übergriffe registriert worden (diese sind in der Chronologie der Antifa Freiamt dokumentiert). Die Übergriffe reichen von verbalen Beschimpfungen über Sieg-Heil-Rufe und Anpöbeleien bis zu Tätlichkeiten.

Unsere Aufgabe ist es nun, die Vorfälle öffentlich zu machen, das Bewusstsein in der Bevölkerung zu wecken und eine Sensibilisierung für dieses Thema zu erreichen. Denn Faschismus muss an den Wurzeln bekämpft werden, wie auch die Auswüchse verhindert werden müssen. Die besten Chancen, dies zu erreichen, hat mensch, indem die Machenschaften der Rechten unverhüllt aufgezeigt werden, um die Verniedlichung zu stoppen, und jetzt schon das Bewusstsein im Volk zu fördern. Nicht so, wie vor 60 Jahren, als alles zu spät kam.

Ende September 1998, © A.L.F.


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