karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Neonazi-Festival kurzfristig abgesagt
von falschen Falschmeldungen und anderen Pannen...

Am 19. September hätte im Kanton Waadt ein "Ian Stuart Memorial Concert" zum 5. Todestag des Sängers der Nazirock-Band "Screwdriver" stattfinden sollen. Fünf Tage vor diesem Festival entschlossen sich die Behörden auf öffentlichen Druck hin und aus Angst vor Ausschreitungen oder gar Zusammenstössen mit AntifaschistInnen zu einem kurzfristigen Verbot des Konzertes.

Schon vier Wochen vor dem geplanten "Ian Stuart Memorial Concert" in der Romandie erschien in der "Sonntags-Zeitung" ein Artikel, welcher auf das Nazi-Festival hinwies, welcher von den "Romandie Hammerskins" und einmal mehr vom Neuenburger Neonazi Olivier Kunz (Hauptakteur im Dokumentarfilm "Skin or die") organisiert wurde. Als Besammlungsort für den 19.9. wurde ein Parkplatz in Chalet-à-Gobet, in der Nähe von Lausanne, angegeben und für das Festival selber musste mit schätzungsweise etwa 1000-1500 Naziglatzen aus ganz Europa gerechnet werden. Es wäre der grösste Anlass dieser Art in der Schweiz gewesen, der jemals stattgefunden hätte. Als Aufhänger diente der 5. Todestag von Ian Stuart, der bei einem Autounfall verstorbenen Sänger der englischen Naziband "Screwdriver". Für das Festival wurde der Auftritt von einschlägige Bands wie "Bound for Glory", "Max Resist and the hooligans", "Bound of Attack", "Brutal Attack", "Razors Edge", "Pluton Svea", "Weisse Riesen", "Hate society" und "No Alibi" angekündigt. Den internationalen Charakter des Treffens zeigt die Tatsache, dass die neun Bands aus Ländern wie, Grossbritannien, Deutschland, Schweden und den USA stammen.

Es wäre nicht der erste Anlass dieser Art in der Romandie gewesen. Am 7. März 98 fand in der Mehrzweckhalle der Neuenburger Gemeinde Chézard-St. Martin ein Konzert mit 7-800 TeilnehmerInnen, vorwiegend Nazi-Skins aus Deutschland, statt. Im Herbst 97 fand zudem in St. Aubin ein Treffen mit etwa 4-500 und Mai 97 eine Grillparty mit etwa 100 Glatzen statt. Die Westschweizer Behörden und Polizei sahen jeweils keinen Grund zum Einschreiten oder hielten sich zurück, da sie zu spät von den geplanten Konzerten erfahren und nicht genügend Beamte vor Ort hätten, um solche Veranstaltungen kurzfristig zu unterbinden. Als Organisator trat jeweils der 25jährige Olivier Kunz auf. Kunz ist Mitherausgeber der Nazipostille "Mjölnir", der Zeitschrift der Neuenburger Hammerskinheads und wurde im Sommer 96 wegen zwei Artikeln im "Mjölnir", welche den Holocaust leugneten und zum Rassenhass aufriefen, zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 20 Tagen verurteilt.

Zögerliche Behörden

Obwohl das Konzert diesmal beinahe schon einen Monat im voraus bekannt war, machten die Waadtländer Behörden keine Anstalten, den Grossaufmarsch zu unterbinden. Auch seitens der Medien und der Bevölkerung hielt sich das Interesse und die Empörung merklich in Grenzen. Erst zwei Wochen vor dem Konzert kam etwas in Bewegung, als eine grüne Kantonsparlamentarierin eine Interpellation einreichte, in der sie anfragte, was der Waadtländer Grosse Rat zu tun gedenke, damit der Kanton Waadt in Zukunft nicht zu einem Tummelplatz für Neonazis werde.

Noch eine Woche vor dem Konzert sah alles danach aus, wie wenn das Festival problemlos über die Bühne gehen könnte, und die Behörden machten keine Anstalten das Treffen zu verbieten, im Gegenteil. Der zuständige Staatsrat Jean-Claude Mermoud (SVP) erklärte vor dem Parlament, dass solche Anlässe toleriert würden, solange sie einen "privaten" (mit mehreren hundert TeilnehmerInnen! d.T.) Charakter aufwiesen und alles friedlich verliefe. Dies obwohl die Texte der Bands offen zu Rassenhass und Gewalt aufrufen. Dies obwohl der Verstoss gegen das Antirassismusgesetz ein Offizialdelikt ist, was nichts anderes heisst, als dass die Behörden eigentlich von sich aus einschreiten müssten, also ohne, dass beispielsweise jmd. eine Strafanzeige einreicht!

Je näher der 19. September rückte, desto mehr wurde aber der zu erwartende Gross-aufmarsch von Naziglatzen aus ganz Europa zum Thema in den Medien, und der Entscheid Mermouds stiess nicht überall auf Begeisterung. Zwei Tage später, am Dienstag, 14.9., kam das überraschende Verbot der Veranstaltung durch die Waadtländer Regierung. Tatsächlich hatte zu diesem Zeitpunkt (nur vier Tage vor dem Festival) niemand mehr ernsthaft mit einem Verbot gerechnet. Scheinbar hatte die Bundespolizei Druck ausgeübt und nochmals den Charakter der Veranstaltung scharf betont. Dazu gab es anscheinend auch ernsthafte Befürchtungen, dass es zu Zusammenstössen zwischen Linken und Rechten kommen könnte.

Die Nazis weichen nach Ostdeutschland aus

Die Faschos hatten durch das kurzfristige Verbot des "Ian Stuart Memorial Concert" nun ein echtes Problem. Entweder sie liessen das Ganze ins Wasser fallen, oder sie legten sich mit den Behörden an und zogen das Festival durch. Am Mittwoch Abend wurde über das (geheime) "Nationale Infotelefon" der SHS, welches sich im Raum Mutschellen/Bremgarten befindet und von Reinhold Fischer betrieben wird, bekannt, dass das Konzert in den Grossraum Dresden, also nach Ostdeutschland verlegt worden war. Eigentlich erstaunlich und ziemlich krass, dass es den Rechten scheinbar möglich ist, in so kurzer Zeit ein so grosses Teil mal locker um 1000 Kilometer zu verschieben! Um so erstaunlicher ist es, wenn der/die LeserIn dazu noch weiss, dass am gleichen Tag in Rostock ein NPD/JN-Aufmarsch (siehe auch "Kurznachrichten") mit mehreren tausend Rechtsextremen stattfand.

Eine falsche Falschmeldung

Am Freitag Abend wurde dann über das "Nationale Infotelefon" der SHS plötzlich bekannt gegeben, dass das Konzert nun doch in der Schweiz, im Kanton Wallis stattfinden würde und die Sache mit Dresden eine bewusste "Falschmeldung" war, um die Medien an der Nase herumzuführen. Als Treffpunkt wurde nun neu die Autobahnraststätte in Yvorne (Waadt) angegeben, wobei die Faschos fälschlicherweise davon ausgingen, dass sich dieser Treffpunkt im Kanton Wallis befindet. Eigentlicher ein fataler Fehler, da ja das Konzert und die Besammlung im Waadt klar verboten waren. Die allgemeine Verwirrung war nun komplett. Während gleichzeitig eine deutsche Nummer nach Ostdeutschland mobilisierte, riefen die Schweizer Organisatoren für das gleiche Konzert nach Yvorne auf...

Brav Folge leisteten dem Aufruf übers Infotelefon etwa 40 - 50 Nazi-Skins aus dem Süddeutschen Raum und aus den Kantonen Zürich, Bern, Luzern und Solothurn. Auf der Autobahnraststätte in Yvorne angekommen, warteten sie dann während drei Stunden vergeblich darauf, dass sie von dort abgeholt und zum Konzertort gelotst wurden. Während am ersten Besammlungspunkt in Chalet-à-Gobet ein Grossaufgebot an Polizei präsent war, um wohl diejenigen zu empfangen, die nichts vom Verbot mitbekommen haben, war in Yvorne nichts vom Freund und Helfer zu sehen. Erst als die Faschos abfahren wollten, tauchte die Polizei auf und führte eine Personenkontrolle durch. Scheinbar ist es den Hammerskins nicht gelungen, diesen Teil der eigenen Leute über die falsche Falschmeldung zu informieren.

Der Hauptgrund für dieses Verwirrspiel dürfte wohl ein Zeitungsbericht des Tages-Anzeiger gewesen sein, welcher am Freitag 18.9. erschien. In diesem Artikel wurde der Text des "Nationalen Infotelefon" wiedergegeben und auf das Konzert im Grossraum Dresden hingewiesen. Spätestens nun wussten die Faschos, dass ihre eigentlich "geheime" Nummer nicht mehr allzu "geheim" sein konnte und es inzwischen bekannt war, dass das Festival nun in Ostdeutschland stattfinden würde. Also erfanden sie die falsche Falschmeldung und mobilisierten kurzerhand wieder für die Schweiz, um wohl einem Verbot durch die deutschen Behörden und der Mobilisierung durch örtliche Antifas vorzubeugen. Zumindest in diesem Punkt ging ihre Rechnung auf. Während ostdeutsche Antifas mit dem NPD/JN-Aufmarsch in Rostock beschäftigt waren und Schweizer Medien und andere davon ausgingen, dass das Konzert nun doch in der Schweiz stattfinden würde, konnten sich die Faschos ungestört in Ostdeutschland treffen. Tatsächlich fand im thüringischen Pölzig ein Treffen statt, an dem auch Schweizer(Innen?) teilnahmen. Die Polizeidirektion in Gera sprach von 350 Nazi-Skins, wobei andere Quellen von einer wesentlich höheren TeilnehmerInnenzahl sprechen.

Fazit

Trotz des Verbots durch die Behörden des Kanton Waadt bleibt bei der ganzen Sache ein schaler Nachgeschmack zurück. Es bleibt zu hoffen, dass die Westschweizer Behörden das nächste Mal - und diese Gelegenheit wird wohl sicher bald kommen - schneller und rigoroser reagieren.

Bedenklich ist einerseits die Tatsache, dass es den Faschos gelang, ihr Teil trotz widrigen Umständen durchzuziehen und andererseits, dass es in der Schweiz momentan keine antifaschistischen Kräfte mehr gibt, die den Faschos auf politischer Ebene oder auf der Strasse wirklich entgegentreten könnten. Zumindest hier ist kein Verlass mehr auf die "ausserparlamentarische Linke". Wer jetzt ein Problem mit diesem Satz hat: Wo wart ihr eigentlich am 19.9? Lest ihr keine Tageszeitungen? Geht ihr nur auf die Strasse, wenn in Zureich was los ist? Oder doch nur grosse Klappe und nix dahinter?!

Antifa Aarau


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