karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Frauenkörper als Objekt männlichen Schöpferdrangs?
Ein Interview mit der NOGERETE über Reproduktionstechnologien, männliche Profilierungssucht und unsere zerstörerische Zuvielisation

Die Genschutzinitiative ist vom Schweizer Volk mit einer ernüchternden Klarheit verworfen worden, und die Genlex mag auch nicht halten, was sich der eine oder die andere hoffnungsvolle OptimistIn davon verspricht. Die gesamte Schweizer Linke musste, nachdem die Pharma- Industrie mobil gemacht hatte und mit finanziellen Grossaufwand, Tränendrüsenargumenten und Falschinformationen die öffentliche und politische Gunst auf ihre Seite zu ziehen wusste, einmal mehr eine empfindliche Niederlage einstecken. Das Kapitel Gentechnologie scheint vorerst gelaufen. Uns steht jedoch noch eine weitaus heiklere Debatte bevor: Die gentechnologische Forschung am Menschen und die Anwendung gentechnologischer Errungenschaften sind weltweit noch in keiner Art und Weise geregelt.

Eine der Organistionen, welche den äusserst umstrittenen, und dennoch sich rasend weiterentwickelnden Technologien den Kampf angesagt hat, ist NOGERETE, ein Zusammenschluss von Schweizer Frauen, die sich aus der antipatriarchalen Haltung heraus gegen die Gentechnologie einsetzen. Die NOGERETE versucht, die Gen- und Fortpflanzungstechnologie sowie die damit verbundene frauen- und lebensfeindliche Ideologie im internationalen Zusammenhang zu sehen und - soweit möglich - zu bekämpfen. So sind die Aktivistinnen länderübergreifend auch gegen die Anti-Schwangerschaftsimpfung und die Patentierung von Leben aktiv. 1987 als Verein gegründet, haben sie sich zu einer Alternativfachgruppe im Humanbereich entwickelt, wie sie etwa der Basler Appell gegen Gentechnologie im Bereich Tiere und Pflanzen darstellt. Das folgende Interview wurde mit Martina Meier geführt. Sie ist Biologin, Kantonsschullehrerin und langjähriges Mitglied von NOGERETE.

Wer ist die NOGERETE, und vor welchem politischen Hintergrund arbeitet Ihr?

Wir kommen aus dem autonom-linken, antikapitalistischen Spektrum. Die Frauen, welche mitarbeiten, haben verschiedene politische Ansätze und Geschichten. Das Spektrum reicht von der SAP-lerin (SAP: Sozialistische Arbeiterpartei, welche v.a. in den 80er Jahren aktiv war) bis zur autonomen Strassenkämpferin, von der Philosophin über die Hebamme bis zur Bäuerin. Gemeinsam vertreten wir einen ökofeministischen1 Standpunkt, wobei wir uns aber ganz klar von romantischen, antiaufklärerischen und unpolitischen Standpunkten abgrenzen. Ebenso lehnen wir biologistische2 Argumentationen, wie sie im Ökofeminismus manchmal anzutreffen sind, ab. Grundsätzlich sind wir technikkritisch, da wir denken, dass Technologien für die Entwicklung des Kapitalismus und die zerstörerischen Aspekte unserer Zivilisation eine wichtige Rolle spielen. Wir grenzen uns jedoch auch klar ab von Positionen, die die Technologien bloss frauenfreundlicher machen wollen.

Was bezweckt die Nogerete, was ist die Motivation dahinter, sich gegen die Weiterentwicklung und Anwendung von Reproduktionstechnologien3 zu engagieren? Welche Art politischer Arbeit leistet Ihr?

In den bewegten 80-er Jahren wurde die Nogerete eigentlich mit dem Ziel gegründet, eine grosse Bewegung nach dem Vorbild der Anti-AKW-Bewegung zu iniziieren, was leider nicht glückte. Da wir nun also sozusagen mit beschränkten Mitteln arbeiten müssen - die personellen Kapazitäten sind minimal - mussten wir andere Wege finden, um effizient zu arbeiten. Wir nehmen Themen im Bereich Reproduktionstechnologien auf, die von den Medien nicht oder nur sehr einseitig aufgenommen werden, und entwickeln einen feministischen Standpunkt dazu, der von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden kann. Dazu gehören Petitionen oder das Veranlassen von parlamentarischen Vorstössen, sowie die Unterstützung von Informationsstellen, wo von Frau zu Frau beraten wird (Bspw. das Apellatelefon, welches Frauen zur pränatalen Diagnostik4 berät). Wir versuchen auch, die Frauen dazu zu bewegen, diese Techniken zu boykottieren. Momentan sind wir gerade mit der Bioethikkonvention des Europarates beschäftigt. Da soll eine europaweite Regelung durchgesetzt werden, welche im Bereich Forschung und Anwendung von Gen- und Reproduktionstechnik fast alles erlaubt, was machbar ist. Das Problem ist, dass gesetzliche Regelungen (v.a. in diesem Bereich) meist noch viel schlimmer sind, als die heutige, "wilde" Forschung, weil mit Regelungen gewisse Praktiken legalisiert werden und eine breitere Anwendung fast logisch folgt. Gesetze, die wirklich einen Stopp frauenfeindlicher Forschung/Anwendung brächten, sind in unseren Demokratien - wegen der Machtverhältnisse - praktisch nicht durchsetzbar.

An den Internationalen Frauenkonferenzen gegen Gentechnologie 1986 in Schweden und 1991 in Brasilien ist festgestellt worden, dass - aus dieser Erkenntnis heraus - nicht unbedingt Gesetze angestrebt werden. Der Schwerpunkt liegt mehr auf Kampagnen, auf einer Gegenbewegung, einfach darin, Sand im Getriebe zu sein. Das kann soweit gehen, dass Konzerne zerstört werden, bevor sie die zerstörerischen Techniken produzieren, wie das beispielsweise die Rote Zora5 in Deutschland versuchte.

Indische Frauen haben mit Kampagnen gegen Zwangssterilisierung etwas erreicht, auch die Frauen in Brasilien zeitweise. In Industrieländern ist es die Industrie selber, die angegriffen werden könnte. Leider sind wir viel zu schwach, um dies wirkungsvoll tun zu können. Deshalb müssen wir uns auf aufklärerische, auf emanzipatorische Arbeit beschränken. Das gehört zu jeder guten Politik.

Was die nationale Politik betrifft: Das Schweizer Parlament ist zurzeit an der Ausarbeitung des Verfassungsartikels über Fortpflanzung. Wir konnten veranlassen, dass eine Expertin von unserer Seite angehört wurde. So konnte wenigstens erreicht werden, dass das Verbot der Präimplantationsdiagnostik6 gewisse Chancen hat, angenommen zu werden.

Nun zum Inhaltlichen: Gen- sowie Reproduktionstechnologien bieten verschiedene Kritikpunkte. Allgemein kann der Eingriff in die menschliche Fortpflanzung als menschenfeindlich betrachtet werden. Die Pränatale Diagnostik soll beispielsweise den als unzulänglich betrachteten Menschen "vollkommener" machen, indem sie den Zufall beseitigt und nur noch gesunde und nichtbehinderte Menschen das Licht der Welt erblicken dürfen.

Andererseits sollen durch künstliche Befruchtung oder In-Vitro-Fertilisation (IVF)7 sozial- und umweltbedingte Schäden auf biotechnische Weise behoben werden.

Weshalb betrifft dies besonders Frauen? Sind Reproduktionstechnologien per se frauenfeindlich?

Ja. Rein durch die Existenz der IVF entsteht ein anderes Frauenbild. Das in den 70-er Jahren von der Frauenbewegung mit Erfolg in Frage gestellte Frauenbild "Nur Frauen, die Kinder haben, sind richtige Frauen" wird durch die Verfügbarkeit der IVF wieder gestärkt. Der dringende Wunsch einer Frau, ein Kind zu haben, obwohl es rein biologisch nicht funktioniert, ist in ihrer Rolle, also sozial begründet. Klar kann eine Frau darunter leiden, kein Kind haben zu können. Es ist ein psychisches Leiden, sich nicht ganz als Frau, sich als Versagerin zu fühlen. Natürlich können diese Frauen nicht so einfach abgespiesen werden, nur weil es ein sozial konstruiertes Klischee ist, dass Frauen Kinder haben sollen. Diese Frauen leiden wirklich, aber dieses Problem kann nicht mit der Technik gelöst werden. Die Frauen leiden am Bild, dass sie von sich selber haben und/oder das gesellschaftlich konstruiert ist. In anderen Fällen, wo Frauen nicht in vorgegebene Klischees passen, kann die Technik nicht helfen. Sie ermöglicht nicht, dass Frauen sich von ihren Rollenbildern befreien. Abgesehen davon ist die IVF eine sehr erfolglose Technik. Sie verlangt den betroffenen Frauen enorm viel ab. Frauen, die sich behandeln lassen, können praktisch keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen, die Sexualität wird völlig verplant und auf den Zyklus abgestimmt. 4/5 der Frauen nehmen das langwierige Prozedere auf sich, ohne einen Erfolg zu erzielen. Probleme mit sozialen Ursachen können nicht technisch gelöst werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass die Forschung am menschlichen Genom darauf beruht, Zugang zu Erbmaterial aus dem weiblichen Körper zu haben. Die Geschichte der Reproduktionstechnologie belegt, dass fast nie die Bewilligung der Frau für den Gebrauch des Zellmaterials zu Forschungszwecken eingeholt wurde. Die Gesellschaft konnte darüber hinaus nie Einfluss darauf nehmen, ob an Eizellen, Spermien und Embryonen geforscht werden soll oder nicht.

Die Tatsache, dass es für jede Frau möglich ist, Mutter zu werden, beeinflusst auch die Werthaltung gegenüber den Frauen in der Gesellschaft stark. Wird damit der Mythos Mutterliebe, die bürgerliche Vorstellung der biologischen Vorbestimmung der Frauen, Mütter zu werden, einen Aufschwung erleben?

Dies ist eine mögliche Auswirkung. Sie ist allerdings nicht zwingend, da psychologisch gesehen andere Möglichkeiten bestehen. Es ist vorstellbar, dass das Muttersein technisiert wird. Das bedeutet, dass der Mann bewundert wird, der Leben schenken kann - es würde eine Verschiebung des sozialen Prestiges bedeuten, welches für die Gabe, Leben zu erzeugen, bisher nur den Frauen zukam. Es ist im Prinzip beides möglich: Eine Überhöhung der Frauen (die in der Geschichte oft dazu diente, die Frauen nicht merken zu lassen, dass sie real unterdrückt sind, d. T.), oder eine Verschiebung dahingehend, dass Muttersein entmystifiziert wird, zu etwas Technischem wird, das es gilt, sich als Mann anzueignen. Bei vielen Forschern ist dies auch die Hauptmotivation: Leben zu "produzieren", dies bringt viel Ansehen mit sich.

Er macht sich also mit Hilfe der Technik etwas zu eigen, was bis anhin biologisch bedingt nur den Frauen vorbehalten war. Geht es darum, dass Männer die Fähigkeit der Frauen, Leben zu schenken, sich mittels der Technologie stückweise aneigenen wollen? Die letzte "Bastion" der Frauen, von der die Männer ausgeschlossen sind - die weibliche Fruchtbarkeit, vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen? Der patriarchale8 Wunsch nach Macht über jeden Bereich des Lebens?

Ja, das würde ich ganz klar so interpretieren.

Arbeiten also an der Forschung an Reproduktionstechnologien vor allem Männer?

Seit Mitte der 80er Jahre forschen sehr viele Frauen in diesem Bereich. Patriarchale Motivation kann auch Frauen betreffen. Die Frage ist, welche Werthaltungen mensch hat. Auch Frauen können patriarchale Werthaltungen mittragen. Völlig unreflektiert und unbewusst stützen sie so kollektive Männerphantasien, die der Stellung der Frauen letztendlich schaden. Das ist eine kulturelle Katastrophe. Dieses Mitmachen in patriarchalen Strukturen hat nichts mit Emanzipation zu tun. Es zeugt von einer mangelnden Auseinandersetzung mit der Stellung der Frau, einem fehlenden Bewusstsein, einem nichtvorhandenen Verantwortungsgefühl. Je höher der Lohn und das soziale Ansehen, desto mehr Verantwortung, das gilt auch für Frauen.

Die Reproduktionstechnologie hat ausser dem feministischen noch andere soziale und politische Aspekte. Stichwort Eugenik9.

Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, der uns genau so wichtig ist, wie der feministische. Bei vielen Bereichen der Medizin spielt dieser Aspekt eine Rolle, schleichen sich eugenische Gedanken ein, wie bspw. bei der Rationierungsidee, wonach die Menschen gemäss Computerprogramm bewertet werden, ob sie die eine oder andere medizinische Versorgung "verdienen", oder nicht (mehr). Die Eugenik spielt schon bei Verfahren, die noch nichts mit Gentechnologie zu tun haben, eine wichtige Rolle. Mit der Chromosomanalyse der Pränataldiagnostik z.B. kann schon bei einem Embryo festgestellt werden, ob es behindert oder krank ist - natürlich mit dem Ziel, das Austragen einer solchen Schwangerschaft zu verhindern. In den 80er Jahren, als diese Technik breite Anwendung zu finden begann, konnte festgestellt werden, dass das Vorhandensein dieser Technik das Bewusstsein der Menschen verändert hat. In der Nogerete hat lange Zeit eine behinderte Frau mitgearbeitet, die im Rollstuhl sitzt. An ihrem eigenen Leib hat sie erfahren, wie die Angriffe auf sie aufgrund ihrer Körperbehinderung in den letzten Jahren merklich zugenommen haben. Das Vorhandensein der Pränataldiagnostik bedeutet im gesellschaftlichen Bewusstsein, dass es eine Möglichkeit gibt, zwischen wertem und unwertem Leben zu unterscheiden. Es ist völlig klar, dass diese Unterscheidungsmöglichkeit dazu führt, dass Behinderte in ihrem Lebensrecht in Frage gestellt werden.

Obwohl es immer noch einige wenige Frauen gibt, die sich bewusst für ein behindertes Kind entscheiden, sind Frauen kulturell und finanziell so stark unter Druck, dass sie sich nicht frei entscheiden können, nicht eugenisch zu handeln. Es sind also äussere Umstände, die Frauen dazu bringen, selbst nur ein gesundes, "normales" Kind zu wollen, auch wenn sie von sich aus nicht solche Werthaltungen haben. Es ist uns daher auch ganz wichtig, nicht einzelne Frauen, Individuen zu verurteilen, die sich z.B. für eine Pränataldiagnostik entscheiden, oder dafür, ein Kind abzutreiben, weil es behindert ist. Die einzelne Frau steht nämlich unter einem enormen Druck, sie kann nicht frei entscheiden.

Welche Interessen, welche Ideologien stehen also hinter den Reproduktionstechnologien, was bezwecken sie?

Einerseits gibt es in Wissenschaft und Technologie eine Eigendynamik. Noch nie gab es weltweit so viele WissenschaftlerInnen wie heute. Aus kapitalistischen Gründen sind 90 Prozent der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gezwungen, entweder für das Militär oder in einer anderen menschenfeindlichen Richtung zu forschen. Wissenschaft, die der Allgemeinheit zu Gute kommt, rentiert in unserem System ganz einfach nicht.

Ebenfalls ökonomisch begründet ist das Verhindern bzw. Ausrotten von behinderten Kindern. Das wird auch ganz klar als Ziel der Entwicklung von Reproduktionstechnologien deklariert: Kosten einsparen. Die Kosten, welche behinderte Kinder verursachen (Heime, etc.), sollen eingespart werden. Die Pränataldiagnostik ist billiger, als das Betreuen behinderter Kinder.

Es liegt also in der kapitalistischen Logik: alles was nicht rentiert, muss abgeschafft werden, selbst wenn es Menschen sind...?

Ja, es liegt in der kapitalistischen Logik, v.a. in der Phase des Kapitalismus, in der wir uns befinden, in der die Naturwissenschaft eine extrem grosse Rolle spielt.

Dabei spielt aber auch eine irrationale Komponente eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das hängt mit unserer patriarchalen Kultur zusammen. Auch ohne ein kapitalistisches System hätten wir eine eugenische Ideologie, Mechanismen oder Strukturen, die den Frauen die Kontrolle über das Kinderhaben entziehen würde.

Für diese Annahme gibt es eindeutige Hinweise: Einerseits gibt es Völker, die nicht kapitalistisch organisiert sind, bei welchen die Kontrolle über die Fortpflanzung nicht bei den Frauen liegt und diese ein Kind nach dem anderen kriegen. Dies ist immer ein patriarchales Phänomen, da eine solch hohe Geburtenrate nur für den Mann soziales Prestige bedeutet, für die Frau aber mit schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen verbunden ist.

Andererseits rentieren einige der neuen Technologien ökonomisch nicht gross (beispielsweise die IVF), vor allem nicht bei einer restriktiven Gesetzgebung, wie sie in der Schweiz gilt. Wäre da nicht noch die eben erwähnte irrationale Komponente, das Sich-profilieren-wollen, das soziale Prestige, wären diese Technologien aller Wahrscheinlichkeit nach nicht entwickelt worden. Oder auch die Genom-Analyse ist ökonomisch kaum haltbar, sie ist wohl auch v.a. ideologisch begründet.

Den Eingriff in die Fruchtbarkeit, in den Körper der Frauen bezeichnest du also primär als patriarchal. Bevölkerungspolitik ist demnach ebenfalls ein patriarchales Instrument?

Ja. Bevölkerungspolitik bedeutet, den Menschen die Selbstbestimmung über ihre Fruchtbarkeit zu nehmen. Darunter fallen Sterilisierung, die Begrenzung der Kinderzahl, Abtreibungsregelungen und -verbote, sowie alle Medikamente, die den Frauenkörper kontrollieren, wie etwa die Dreimonatsspritze. Es sind Massnahmen, die eigentlich menschenrechtswidrig sind. Nur wird das oft nicht erkannt, da es ja "nur" um Frauen geht. In erster Linie sind diese Massnahmen patriarchal, in zweiter Linie können sie noch nationalistisch oder faschistisch sein. Es gibt keine Art der Bevölkerungskontrolle, bei der es nicht um die Kontrolle über Frauen geht. Bevölkerungspolitik ist frauenfeindlich.

Es gibt jedoch auch die nationalstaatliche Motivation, "seine" Bevölkerung zu kontrollieren...

Ja, klar. Ich denke aber, dass das Nationalgefühl und der damit verbundene Wettkampf gegen alle anderen, und vor allem der Kampf der Industrieländer gegen den Trikont, bloss eine Spielart des Patriarchats ist. Es geht darum, dass der hohe Lebensstandard der Industrieländer von niemenschem streitig gemacht wird. Deshalb sollen die Menschen im Trikont nicht mehr soviele Kinder haben, und die Industrieländer mehr, aber nicht irgendwelche, sondern genetisch hochwertige. Die Bevölkerungspolitik wird im Namen kultureller und ökonomischer Hegemonie betrieben, wobei "nationale Gefühle" hochgespielt werden.

Es gibt Kritiker und Kritikerinnen, die der Gentechnologie nebst dem kapitalistischen oder patriarchalen einen faschistischen Hintergrund, eine faschistoide Motivation zuschreiben.

Dieser Aspekt muss spezifisch erwähnt werden. Rein personell ist die Humangenetik in Deutschland, Österreich und der Schweiz immer noch verknüpft mit denen, die unter den Nazis diese Disziplinen betrieben haben. Das Gedankengut ging nie ganz verloren. Diejenigen unter den heute praktizierenden Gentechniker und -technikerinnen, die persönlich faschistisch eingestellt sind, bilden heute aber eine verschwindende Minderheit. Es liegt jedoch an der Struktur dieser Wissenschaft, dass sie sehr nahe beim Faschismus liegt. Sie ist sozusagen prädestiniert, in entsprechenden politischen Verhältnissen im faschistischen Sinne gebraucht zu werden.

Die Aussichten sind ja alles andere als rosig. Zum Abschluss also noch was Motivierendes - zur Praxis: Was kann jede und jeder Einzelne tun, dass das Ganze doch nicht ganz so schlimm rauskommt, wie befürchtet?

JedeR kann versuchen, die Technikangebote kritisch zu überprüfen und - wenn möglich - pränatale Diagnostik, IVF und verwandte Techniken zu boykottieren. An Abstimmungen kann jedeR für möglichst restriktive Regelungen eintreten. Wer sich politisch betätigt, kann versuchen, auf die Forschung und Technik via Kreditsprechung bzw. -verweigerung Einfluss zu nehmen. Politik mit dem Einkaufskorb ist eine weitere Möglichkeit, Einfluss zu nehmen: grosse Konzerne und ihre Produkte bewusst boykottieren, Bioprodukte/gentechfreie Produkte kaufen, falls es das Budget zulässt im Weltladen einkaufen. Ausserdem kann mensch auch mit direkten Aktionen gegen Gentechanwendungen (z.B. gegen den Novartis-Mais) etwas erreichen. Und natürlich Aufklärungsarbeit leisten, bei einer gentechkritischen Organisation mitmachen!

Irene, die Tippse und Fragestellerin

Für Kontakt und Infomaterial zum Thema: NOGERETE, Postfach 7408, 3011 Bern

1 Ökofeminismus: Richtung des Feminismus, der vom theoretischen Ansatz her den Feminismus mit Ökologie verbindet, d.h. die Ursachen der Frauenunterdrückung sind dieselben wie die der Umweltzerstörung. Biotechnologien werden aus diesem Grunde strikte abgelehnt.
2 Biologismus: SozialeVerhältnisse werden mit biologischen Ursachen begründet. In Bezug auf Sexismus bedeutet das, dass soziale Untgleichheiten zwischen Frauen und Männern legitimiert werden, indem argumentiert wird, dass Frauen halt durch ihre biologischen Voraussetzungen schwächer seien, oder gefühlvoller, oder einen "Mutterinstinkt" besässen... und dergleichen Unfug mehr.
3 Reproduktionstechnologien: Alle Technologien, die die menschliche Fortpflanzung betreffen.
4 Pränataldiagnostik: Gesamtheit vorgeburtlicher Diagnosen, die den Zustand des Embryos bestimmen.
5 Rote Zora: militante Frauengruppe aus der BRD, die mit Sprengstoff- und anderen Anschlägen auf Multis, u.a. auch solche, die in diesen Bereichen tätig sind, für Schlagzeilen sorgte.
6 Präimplantationsdiagnostik: Verfahren zur "Qualitäts"überprüfung von befruchteten Eizellen, bevor sie der Frau wieder eingesetzt werden (bei der In-Vitro-Fertilisation).
7 In-Vitro-Fertilisation (IVF) ist die Befruchtung der weiblichen Eizelle mit dem Samen ausserhalb des Körpers der Frau.
8 patriarchal: Männerherrschaft im politischen, ökonomischen und sozialen Bereich wird als Patriarchat bezeichnet. Patriarchal ist demnach, was diese Züge in sich trägt, auf die Machterhaltung der Männer ausgerichtet ist.
9 Eugenik: Lehre der "Rassenhygiene". Erklärtes Ziel der E. ist es, "gute" Gene zu fördern und "schlechte" zu verhindern. Dies wird mittels negativen oder positiven eugenischen Massnahmen erreicht: Positive Eugenik fördert gesundes, "normales" Leben. Die negative beinhaltet Massnahmen zur Verhinderung von nichterwünschtem Leben (bspw. Abtreibung).


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