karnikl nagt an den Wurzeln
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Interview mit der Maennergruppe

Wie aufmerksame karnikl-LeserInnen vielleicht festgestellt haben, fanden im April, Mai und Juni in Aarau und Bremgarten diverse Veranstaltungen zum Thema "Sexismus und Patriarchat" statt. Seit einiger Zeit treffen sich nun jeweils monatlich Männer aus dem Umfeld des Antirassismus- und Politcafés in Aarau sowie des KuZeB's in Bremgarten regelmässig zur Männergruppe. Also ein guter Grund, um einigen dieser Männer etwas auf den Zahn zu fühlen und ein Interview zu machen, oder?

Vor gut einem halben Jahr fand eine längere Veranstaltungsreihe zum Thema "Sexismus und Patriarchat" statt. Wie habt ihr persönlich den Zyklus erlebt und wie wertet ihr diesen im Nachhinein?

Tälle: Persönlich hat mich der Zyklus zum Thema Sexismus sehr viel weiter gebracht. Bei den getrennten, wie auch bei den gemischten Diskussionen wurden Fragen aufgeworfen und Sachen festgestellt, die ich mir so noch gar nie überlegt hatte. Am weitesten gebracht hat mich der Workshop, weil wir uns da auf eine spielerische Art und Weise ans Thema herangewagt haben und uns einmal vom zum Teil trockenen Theoretischen zum lebensnahen Praktischen begeben haben.

Kire: Der Zyklus war für mich sehr wichtig, da ich während dieser Zeit ebenfalls sehr viele Dinge in den Diskussionen erfahren habe, welche mir vorher nicht so bewusst waren. Auch die anfänglichen Vorbehalte gegenüber getrennten Diskussionen haben sich als absolut falsch erwiesen. Für mich kann ich sagen, dass ich sehr viel gelernt habe, obwohl ich dachte, das meiste bereits zu wissen.

Michi: Ich war eigentlich auch sehr positiv überrascht, vor allem vom guten Diskussionsklima in den getrennten und gemischten Diskussionen und von der Offenheit und Ehrlichkeit, wie die ganzen Gespräche geführt wurden. Enttäuscht hat mich höchstens ein wenig, dass gegen Schluss des Zyklus die Luft etwas draussen war.

Roman: Allerdings gab es diese Veranstaltungsreihe. Sie fand, wie ich gestehen muss, ohne mich statt. Aus mir heute nicht nachvollziehbaren Gründen fiel ich vor allem durch Abwesenheit auf. Dies als Verweigerungshaltung einzustufen wäre ein Irrtum. Mir war und ist die Wichtigkeit solcher Auseinandersetzungen wie es sie im besonderen durch die getrennten und gemischten Diskussionen gegeben hat, vollkommen bewusst. Gegen meine Erwartungen kam der Schwerpunkt ganz klar in den Diskussionen zu liegen, was mich anfangs ziemlich abgeschreckt hat. Doch es hat sich gezeigt, dass sich gerade dadurch eine Intensität entwickelte, die stark zum Gelingen der Veranstaltungsreihe beigetragen hat. Es ist naheliegend, dass ich auf eine weitere Wertung verzichten muss.

Ist eure Männergruppe unmittelbar auf die schon erwähnte Veranstaltungsreihe entstanden?

Tälle: Eigentlich schon, ja. Einerseits weil dieser Zyklus das Interesse am Thema geweckt hat, und andererseits, weil ein Diskussions- und Wissensmanko vorhanden ist.

Kire: Das ist absolut korrekt. Das Interesse auf weitere Diskussionen stieg bei den meisten beteiligten Männern während des Zyklus an, und die konkrete Idee wurde erstmals an der gemeinsamen Diskussion erörtert.

Michi: Ich glaube auch, durch die Veranstaltungsreihe wurde bei uns Lust auf mehr geweckt. Uns als Männer mit unserem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen und dieses Verhalten kritisch zu hinterfragen.

Was ist eure persönliche Motivation, in einer Männergruppe mitzumachen?

Kire: Um mich mit meiner Stellung und meinen Privilegien als Mann in unserer patriarchalen Gesellschaft auseinandersetzen und mich davon emanzipieren zu können.

Roman: Es ist als Mann notwendig zu erkennen, dass männliche Verhaltensmuster tendenziell sexistisch sind. Häufig wird dies erst gar nicht wahrgenommen. Wenn ein Bewusstsein für die herrschenden Geschlechterverhältnisse - mit all den Nachteilen, die sich für die Frau ergeben, die sie erdulden muss, weil die patriarchalen Strukturen kaum Spielraum zulassen - geschaffen werden soll, liegt es an jedem einzelnen, dies zu ändern. Das kann über verschiedene Wege geschehen, eine Männergruppe ist keine Voraussetzung, bietet aber eine Möglichkeit, in dieser Beziehung an sich selber zu arbeiten. Forderungen von Frauen wurden schon lange ausgesprochen, als Mann muss ich darauf eingehen und mich in irgendeiner Weise damit auseinandersetzen, wodurch ich gezwungen bin, mein Rollenbild radikal in Frage zu stellen. In der Gruppe können wir dies gemeinsam tun und setzen zudem ein Zeichen.

Tälle: Meine Motivation ist es, mich ständig weiterzuentwickeln und mit andern Männern Gedanken auszutauschen, um mich so weiter auf den allgegenwärtigen Sexismus zu sensibilisieren. Ausserdem besteht in der Männergruppe die Möglichkeit zu einem persönlicheren Austausch, was ich bei anderen Politdiskussionen manchmal vermisse.

Michi: Für mich ist es ebenfalls einerseits der Anspruch an mich selber, mich als Mensch und Mann weiterzuentwickeln, meinen Weg zu gehen und aus meiner eigenen Geschichte zu lernen. Andererseits schätze ich es auch sehr, mich mit anderen Männern auszutauschen und diesen Raum dann bewusst auch als "Männerraum" wahrzunehmen. Eigentlich ist unser ganzer Alltag ein grosser "Männerraum", auch wenn Frauen da sind, da mann diesen Raum immer definiert und dominiert. Interessant ist es aber, wenn dir dieser Umstand bewusst wird, eben z.B. an einer Männersitzung. Irgendwie wird dann viel mehr Rücksicht aufeinander genommen und ein grösserer Wert auf Gesprächskultur gelegt.

Was macht ihr überhaupt genau in der Männergruppe?

Tälle: Wir tauschen Fussballbildchen, streiten uns, wer das schnellste Auto hat und lästern über das andere Geschlecht. Nein, im Ernst. Nach den Diskussionen während der Veranstaltungsreihe sind noch viele Fragen offen geblieben und andere sind gar nicht angesprochen worden. Diese wollen wir nun in der Gruppe besprechen und so hoffentlich einen Schritt weiterkommen. Es ist auch vorgesehen, unsere gemeinsamen Erfahrungen und Erkenntnisse zu einem späteren Zeitpunkt mit dem anderen Geschlecht auszutauschen.

Kire: Wir haben noch sehr viele Punkte, welche wir diskutieren möchten. Auch haben wir die bereits besprochenen Themen bestimmt nicht abschliessend behandelt. Im Herbst sollte es auch wieder eine getrennte und gemischte Diskussionsrunde geben. Wir diskutieren sehr persönlich und auch theoretisch über unseren Status als Mann in der Gesellschaft, biologisches und soziales Geschlecht, unseren Umgang mit Frauen und Männern, Gefühle, Gewalt, antipatriarchale Politik, Beziehungen, Sex usw. usf. Also über ein ziemlich breites Spektrum.

Roman: In der Gruppe reden wir gemeinsam über diverse relevante Themen, tauschen persönliche Erfahrungen aus, somit kann jeder von jedem profitieren und wertvolle Anregungen erhalten.

Michi: An unserer erster Sitzung haben wir, wie es Männer halt rational so angehen, gleich mal eine fette Liste mit Themen erstellt, über die wir innerhalb der Gruppe diskutieren möchten. Nun kämpfen wir uns Punkt für Punkt durch, und wenn wir die Diskussionen weiterhin so intensiv wie jetzt führen, haben wir sicher noch genug Punkte für die nächsten Jahre... Es wird halt viel diskutiert und wir probieren uns mit unseren eigenen, männlichen Verhaltensmustern auseinanderzusetzen.

Für mich persönlich hat eine Männergruppe den etwas "schalen" Beigeschmack einer Therapie- oder Selbsthilfegruppe. Wie seht ihr das?

Tälle: Für mich ist es zum Teil eine Selbsthilfegruppe, jedoch keine Therapiegruppe. Die Begriffe Selbsthilfegruppe und Männergruppe werden aus irgendwelchen Gründen in unserer Gesellschaft immer belächelt und negativ gebraucht, was ich persönlich schade finde.

Kire: Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch und ist für mich absolut nicht negativ. Ich denke, dass es wichtig ist, sich selber weiterzuentwickeln und emanzipieren zu können. Natürlich möchten wir auch etwas nach aussen vermitteln. Aber in einer ersten Phase ist uns das eigene Verstehen und die eigene Veränderung wichtiger.

Roman: Du kannst ihn als schal empfinden, für mich ist er durchaus passend. Natürlich ist es eine Selbsthilfegruppe, warum damit negativ abwerten? Doch Therapie würde ich es nicht nennen, nicht nur wir Männer leben ungesund. Doch dieser Beigeschmack ist doch sowieso bloss Zeichen dafür, dass Männer mit denselben Empfindungen absolut keine Bereitschaft zeigen wollen, ihr Verhalten zu hinterfragen und somit den Status quo als naturgegeben und völlig in Ordnung ansehen. Und mich wundert es nicht, wenn Männergruppen auch heute noch belächelt werden. Wenn sich also ein solcher Beigeschmack in Zukunft bemerkbar macht rate ich, Ihn ernst zu nehmen, und im besten Fall selber eine Männergruppe zu bilden, damit möglichst viele daran teilhaben können.

Michi: Für mich persönlich hat eine Männergruppe eigentlich nicht viel mit einer Selbsthilfe- oder Therapiegruppe zu tun, sondern mehr mit sich hinterfragen, Stellung beziehen und sich auseinandersetzen. Ich denke auch, dass ein Typ, der unter massivem Männlichkeitswahn leidet, bei uns an der falschen Adresse wäre.

Was wollt ihr eigentlich mit eurer Männergruppe erreichen?

Tälle: Wir wollen uns emanzipieren von gesellschaftlichen Vorstellungen und natürlich auch weitere Männer dazu bewegen, in unserer Gruppe mitzumachen. Weiter wollen wir unsere Erfahrungen irgendwann einmal auf Papier verewigen um so nach aussen treten zu können.

Kire: Wie gesagt; hauptsächlich geht es mir um die eigene Entwicklung und später um eine Sensibilisierung des näheren und weiteren Umfeldes für dieses Thema. Ich möchte nicht missionarisch auftreten, sondern vor allem die Lust auf die eigene Entwicklung und Veränderung wecken.

Michi: Schwierige Frage! Verändern möchte ich eigentlich viel, aber in letzter Zeit fehlt es mir etwas am Glauben daran. Na ja, ein wichtiges Ziel ist sicher, innerhalb unserer Strukturen eine kontinuierliche Auseinandersetzung zu Sexismus zu führen und dass diese so geführt wird, dass dadurch eine positive Entwicklung stattfindet und ermöglicht wird.

Wie verhalten sich euerer Meinung nach Männer im Alltag und speziell zum Thema "Sexismus"?

Tälle: Für die meisten Männer fängt der Sexismus erst bei physischer Gewalt, d.h. Vergewaltigung, an. Dass Sexismus allgegenwärtig ist in unserer Gesellschaft und nicht erst bei Gewalt anfängt, haben sich die wenigsten schon überlegt. Mann ist ja auch nicht direkt betroffen...

Kire: Sehr viele Männer halten sich für nicht sexistisch und emanzipiert. Dies stimmt leider absolut nicht und zeigt sich überall: am Arbeitsplatz (Stellung, Lohn etc.), in der Familie (Hausarbeit, Betreuung der Kinder etc.), in den Medien, der Werbung, in einer Bar, in Diskussionen etc. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Roman: Sexismus wird entweder als nicht existent beurteilt oder nur mit physischer Gewalt (Vergewaltigung) in Verbindung gebracht. Doch Sexismus kann weit subtilere Formen haben, die im Alltag nicht wegzudenken sind, weil Männer schon gar keine Gedanken daran verschwenden und ihn im schlimmsten Fall sogar leugnen.

Michi: Ich glaube, die meisten Männer und Frauen interessieren sich eigentlich gar nicht für diese Thematik, ebenso wenig wie für linke Politik allgemein. Vielfach werden sexistische Strukturen gar nicht als solche wahrgenommen, oder dann höchstens auf den nackten Busen in der Werbung reduziert, etc. Dass Sexismus auch etwas mit Beziehung, Arbeit und Gesprächskultur zu tun haben könnte, wollen die Meisten nicht sehen - es wird ignoriert.

Wie sieht es mit den Männern innerhalb eurer Strukturen aus (also im KuZeB oder Antirassismus- und Politcafé)?

Tälle: Das ist ganz unterschiedlich. Manche sind sensibilisiert und andere interessiert dieses Thema überhaupt nicht und sie nehmen die Problematik auch nicht ernst. Es liegt jetzt an uns, wenigstens in unserem Umfeld ein Bewusstsein, und dadurch vielleicht einen auch für Frauen angenehmen Raum zu schaffen.

Kire: Auch in unseren Strukturen ist es so, dass die Frauen eher die Gefühlsarbeit übernehmen, kochen, etc. und die Männer eher für Analysen, Sitzungsleitung, Holz spalten etc. zuständig sind.

Roman: Zum Grossteil bilden sie kaum eine Ausnahme, so schliess ich mich ja auch mit ein, wenn ich von Männern rede.

Michi: Ich halte nicht viel davon, wenn wir - die sogenannte "Szene" - uns immer als etwas Besseres geben. Viele Typen gehen mir eigentlich mit ihrem antipatriarchalen Gehabe ziemlich auf den Wecker, da für mich manchmal eine gewisse Doppelmoral dabei ist. Ich glaube, auch wir Männer in der "Szene" haben unsere sexistischen Verhaltensmuster. Ich kann dies einfach unter den Tisch fallen lassen und so tun, wie wenn der böse US-Imperialismus an allem Schuld wäre. Natürlich würde ich es gut finden, wenn sich jeweils alle in solche Diskussionen einklinken und sich mit dem Thema auseinandersetzen würden. Andererseits mache ich auch niemenschem einen Vorwurf, wenn er/sie dies aus diversen Gründen nicht will/kann/möchte. Mit Zwang und Druck erreiche ich vielfach nur das Gegenteil und blockiere so einen Prozess.

Was sind eure Schwerpunkte und konkreten Ziele für die Zukunft?

Kire: Wir haben noch sehr viele Punkte, welche wir diskutieren möchten. Auch haben wir die bereits besprochenen Themen bestimmt nicht abschliessend behandelt. Im Herbst sollte es, wie schon erwähnt, auch wieder eine Diskussionsrunde geben.

Roman: Wir werden uns weiterhin in Diskussionen vertiefen und diese jeweils, soweit dies möglich ist, zu einem Abschluss bringen. Ziel ist es auch, "abgeschlossene" Diskussionen schriftlich zu verarbeiten, damit für uns die Arbeit einfacher wird, aber auch, um anderen einen Einblick zu verschaffen.

Michi: Der Schwerpunkt wird weiterhin auf den Diskussionen innerhalb unserer Gruppe liegen. Zu einem späteren Zeitpunkt wollen wir inhaltlich gegen "aussen" treten und versuchen, in unserem unmittelbaren Umfeld Prozesse und Entwicklungen anzukurbeln. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, ausserhalb unserer Strukturen Leute zu erreichen und zu "bearbeiten".

Zum Schluss nochmals vielen Dank an die vier netten Jungs für das Interview. Falls es jetzt noch Leser gibt, die mal bei der Männergruppe vorbeischauen möchten, können sich diese an folgende Adressen wenden: KuZeB, c/o Männergruppe, Postfach 512, 5620 Bremgarten oder Infoladen, c/o Männergruppe, Postfach 2227, 5001 Aarau


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 © 1997, 2018 Copyright beim Verein KulturZentrum Bremgarten KuZeB some rights reserved (Creative Commons BY-SA). Geändert am 31. Mai 2009. Erstellt von Kire.