karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Männeransichten
oder weshalb mir nie ein brauchbarer Titel einfällt...

Eigentlich sollte es ja zuerst einen gemischten Sexismustext geben, was aber nicht gelang, da mir compañera I. einen praktisch fertigen Text vor die Nase hielt, an dem es nicht mehr viel zu rütteln und zu meckern gab. Ebenso hatte ich keine Lust, dass mir spätestens in einem halben Jahr, natürlich wenn ich wieder einmal an ein FC. St. Pauli-Match gehe, vorgehalten wird, dass immer nur Frauen zu Themen wie Sexismus, Feminismus und Frauenfragen was schreiben müssten. Nun kritzle ich halt zähneknirschend ebenfalls was (übrigens hat Scheissschröderdeutschland gegen die Türkei im EM-Qualifikationsspiel gerade 0:1 verloren).

Weitgehend stimme ich dem Text von Compañera I. überein und viele Punkte, die mir wichtig erscheinen, sind im Text schon erwähnt und ausführlich behandelt. Ich möchte von daher nun noch tiefer auf einzelne Aspekte von Sexismus und Patriarchat eingehen und diese vor allem auch aus Männersicht darstellen. Mir geht es hier vor allem auch um den Umgang mit Sexismus innerhalb gemischter Gruppen und um die Frage, welchen Teil wir Männer beitragen könnten, um Organisationsstrukturen frauenfreundlicher zu gestalten, denn auch innerhalb unserer "Szene" existieren patriarchale Machtstrukturen, die sich teilweise verdeckt, aber auch ganz offen zeigen.

Es soll nun im folgenden Text nicht darum gehen, irgend jemand ans Bein zu pissen, sondern mal etwas zum Nachdenken anzuregen. Vielleicht geht dem einen oder anderen beim Lesen des Textes sogar ein kleineres oder gar grösseres (?) Licht auf!

Der erste Schritt...

Um als Mann überhaupt antipatriarchale und antisexistische Positionen entwickeln zu können, ist es notwendig, sich seiner Privilegien und der bestehenden Missstände zwischen den beiden Geschlechtern bewusst zu werden (wer jetzt denkt, dass diese Unterschiede vorwiegend natürlich bedingt sind, der/die muss den Rest nicht lesen, bringt sowieso nix...); sich also klar zu machen und einzugestehen, dass es sehr wohl Vorteile hat, ein Mann zu sein, mal abgesehen von der lästigen Militärdienstpflicht. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob mensch mit einem Schwanz oder eine Möse geboren wird. In allen patriarchalen Gesellschaftsformen ist Mannsein immer mit Privilegien und Bevorteilung und der Erniedrigung der Frau verbunden (siehe auch Text von compañera I.).

Natürlich äussert sich Sexismus in politischen Strukturen anders als in der "Gesellschaft". Trotzdem machen sich auch in linken Zusammenhängen wie den unseren, sexistische Muster bemerkbar, meist zwar viel subtiler und versteckter, vielleicht sanft und gut versteckt hinter einer intellektuellen Maske, in der männlichen Unfähigkeit, Gefühle offen zu zeigen oder zu den eigenen sexuellen Bedürfnissen zu stehen. Meist werden auch bürgerliche Wertvorstellungen in unsere Szene hineingetragen und unreflektiert übernommen. Genau an einem Teil von dem, was wir schlecht finden und eigentlich gerne verändern möchten, halten wir uns krampfhaft fest. Es gilt nun, sich dieser realen Umstände bewusst zu werden, und ohne einen ernsthaften Sensibilisierungsprozess wird es einem Mann nie möglich sein, zu verstehen und nachzuvollziehen, was es für eine Frau genau bedeutet, in einer patriarchal geprägten Gesellschaft zu leben und sich in einer solchen zu bewegen. was es heisst, als Frau ständig mit offenem (auf Körper und Aussehen reduziert) und mit subtilem, verstecktem Sexismus (nicht so ernst genommen werden wie ein Mann, Fähigkeiten abgesprochen bekommen, etc.) konfrontiert zu sein. Natürlich weiss der intellektuelle, gebildete Mann von diesen Missständen in der Geschlechterfrage, doch vielfach kann und will er diese nicht emotional nachvollziehen. Ihm bleibt so der klare Blick auf vorhandene Unterdrückungsmechanismen vielfach versperrt und seine antipatriarchale Sichtweise ist dadurch eingeschränkt.

Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist die Bereitschaft der Männer, sich der eigenen Privilegien zu entledigen. Also das grosse Stück Sahnekuchen (es darf aber auch Erdbeertorte sein) mit Frauen zu teilen. Kuchen macht sowieso dick! Es bedeutet auch, sich als Mann im Ausleben der eigenen Bedürfnisse zurückzuhalten und auch Frauen Platz einzuräumen. Eine Möglichkeit ist, in einer Diskussion weniger zu reden, Frauen aussprechen zu lassen, sich kritisieren zu lassen ohne gleich "eingeschnappt" zu sein, nicht nur die eigene Meinung als das "Nonplusultra" gelten zu lassen, nicht nur in der männlicher Form zu sprechen, auch einmal zum "guten Miteinander" etwas beizutragen und sich nicht immer nur auf die typisch männlich rationalen Beiträge zu konzentrieren, sich nicht zu profilieren, etc. (vielleicht fällt dem/der geneigten LeserIn noch das eine oder andere typisch männliche Beispiel selber ein...).

Wer nix wagt, gewinnt auch nix

Tönt vielleicht alles zugegebenermassen relativ banal und einleuchtend, und trotzdem sind die wenigsten Männer wirklich bereit, diesen kleinen Schritt zu machen. Klar wird frau jetzt sagen oder denken, dass diese Ungleichheiten sowieso allen Männern eigentlich klar sein müssten. Stimmt, trübe Realität ist aber, behaupte ich zumindest, dass dies vielfach zwar rational nachvollzogen werden kann, aber mit dem emotionellen Verstehen (da sind Männer sowieso etwas behindert, oder?) klappt es meistens dann nicht so richtig. Es geht hier vor allem um die Auslösung eines Lernprozesses und darum, männliche Defizite aufzuholen, die durch geschlechtsspezifische Sozialisation und mangelnde Auseinandersetzung mit Sexismus und Patriarchat entstehen. Ich kann und will natürlich auch nicht bestreiten, dass die meisten Männer vielfach gar nicht bereit sind, sich mit ihrem eigenen Sexismus konkret auseinanderzusetzen, egal in welcher Form auch immer. Das eigene sexistische Verhalten wird heruntergespielt oder vielfach sogar verneint. Tatsächlich ist auch die Linke vom allgemeinen Rollback betroffen und heutzutage sind Sachen, die vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch selbstverständlich waren, alles andere als klar. Die Linke hält sich krankhaft an alten Dogmen und Verhaltensregeln fest, anstatt die Zeichen der Zeit und des Stillstandes zu nutzen, um eigene verstaubte Positionen zu überdenken und kritisch zu hinterfragen. Als schlechtes Beispiel für diesen Bewegungsstillstand sei hier nur die eigentlich sonst sehr lesenswerte Wochenzeitung "Vorwärts" erwähnt, die es nach wie vor nicht auf die Reihe kriegt, weibliche Formen zu benützen und dies mit rechtspopulistischen Argumentationsweisen legitimiert. Schade!

Solche Zeiten wären aber immer auch eine grosse Chance, an der eigenen Gruppe zu arbeiten, eben beispielsweise an einem antisexistischen und frauenfreundlicheren Klima innerhalb der Zusammenhänge, in denen wir uns bewegen. Dazu braucht es aber vor allem die Bereitschaft der Männer, sich einem solchen Entwicklungsprozess zu stellen und ihn überhaupt zuzulassen. Ich als "fortschrittlicher" Mann muss die Bereitschaft zeigen, ein antipatriarchales Verhalten zu entwickeln, bereit sein, mich von meiner fremdbestimmten Männerrolle zu emanzipieren, die eigene Sozialisation und meine patriarchalen Verhaltensmuster kritisch zu hinterfragen und mir selber einzugestehen, dass Männer permanent am "rumgockeln" sind. Beispielsweise, indem sich Männer ständig mit anderen Männern um bessere Argumente konkurrenzieren, oder um Anerkennung und Bestätigung ihrer selbst besorgt und auf sich selbst fixiert sind. Zur antipatriarchalen Haltung gehört auch, die persönliche Entfaltung und Emanzipationsbestrebungen von Frauen zu fördern und zu unterstützen. Das Maul aufzukriegen, wenn Kumpels, Freunde und andere Typen sexistische Sprüche reissen oder sich "daneben" Verhalten. Sexismus nicht nur auf sexuelle Ausbeutung, Gewalt gegen Frauen und die Zurschaustellung des weiblichen Körpers beispielsweise in der Werbung zu beschränken, sondern zu versuchen, die ganze Komplexität zu begreifen. Mich auch für feministische Anliegen einzusetzen und mich logischerweise auch für diese zu interessieren. Zu begreifen, wieso Frauen eigene Frauenräume wollen, wieso sie nicht immer Lust haben, mit Männern zusammenzuarbeiten und diese Haltung nicht als Separatismus zu diffamieren. Über den weiblichen Körper genau Bescheid zu wissen und Frauen auch Fachkompetenz in so wichtigen Dingen wie Fussball zuzugestehen. (Sollte wohl 'n Witz sein,...?!? die Tippse)

Auch der Mann muss sich emanzipieren!

Ich denke, es ist wichtig, sich als Mann weiterzuentwickeln, sich von seiner männlichen Sozialisation zu befreien, sexistische Verhaltensmuster zu durchbrechen, aufzugeben und letztendlich dieses patriarchale Fehlprogramm aus unseren Hirnzellen zu löschen. Sich auf die Suche nach einer neuen, männlichen und vor allem menschlichen Identität zu machen. Aus der männlichen Entwicklung zu lernen, die eigenen Verhaltensmuster zu verstehen und kritisch zu hinterfragen.

Männer sind meistens unfähig, zu den eigenen Gefühlen zu stehen und diese zu zeigen, sozusagen emotionell verkrüppelt. Wer sich Männerbeziehungen (schwule und bisexuelle Liebesbeziehungen mal ausgenommen) genauer betrachtet, wird feststellen, dass es beispielsweise nur in den seltensten Fällen wirkliche Männerfreundschaften gibt. Der andere Mann wird immer unterbewusst als möglicher Konkurrent empfunden - jeder versucht den anderen zu überbieten. Meistens bleibt es bei oberflächlicher Männerkumpanei - Männer sind oft nicht fähig, zu mehr als einem Menschen (normalerweise der/die LebenspartnerIn/FreundIn) eine echte Freundschaft aufzubauen. So pflegen Männer, im Gegensatz zu Frauen, selten bis nie untereinander Zärtlichkeiten. Es bleibt meist bei einem zaghaften, ungeschickten und kumpelhaften Schulterklopfen. Männer brauchen auch immer einen Vorwand, um sich zu treffen, sozusagen ein Mittel zum Zweck. Ob dies nun Konzert, Fussballspiel, Feierabendbier, Kino- oder Theatervorstellung ist, Männer sind immer darauf angewiesen, einen "guten" Vorwand zu haben. In den seltensten Fällen treffen sich Männer, nur weil sie mal Lust haben, sich gegenseitig zu sehen. Immer muss noch etwas "Wichtiges" besprochen werden und nur nebenbei wird dabei noch der soziale Kontakt untereinander gepflegt. Eines der wichtigen Bedürfnisse der Menschen sind aber gerade solche sozialen Kontakte. Darunter verstehe ich Dinge wie: mit anderen gemeinsam etwas unternehmen, Spass haben, zu diskutieren und über belangloses Zeux reden, Liebe machen, etc. Es ist nicht befriedigend und stumpft ab, wenn diese sozialen Kontakte permanent vernachlässigt werden, für deren Ausübung immer irgendwelche Vorwände herhalten müssen, oder diese Kontakte nur unter "Zwang" zustande kommen (z.B. von einem Bullen gefilzt zu werden, ein Bewerbungsgespräch, die Zeugen Jehovas an der Haustüre, etc.). Wir Männer müssen unsere eigenen emotionalen Bedürfnisse vielleicht erst entdecken und kennenlernen. Wir müssen lernen, dass wir auch Spass haben können ohne uns dabei konkurrenzieren zu müssen oder uns auf Kosten von anderen lustig zu machen.

Das ist sicher alles etwas abstrakt und theoretisch. Vieles sieht in der Realität anders aus und ist in der Praxis viel schwieriger lebbar. Wir sind leider auch immer ein wenig in unserer grauen, realistischen Welt gefangen. Dazu soll hier auch kein Verhaltenskodex für Männer aufgestellt werden - wer dies propagiert, hat nix begriffen - sondern es geht viel mehr darum, dass Männer endlich bereit sind, einen ersten Schritt zu wagen, loszulassen und die alten Männerbilder in den Köpfen und den Herzen zum Teufel oder sonstwohin zu jagen.

Letztendlich kann es für Frauen und Männer nur eine wirkliche Gleichberechtigung und Befreiung geben, wenn der Mann sich ebenfalls von seiner gesellschaftlich definierten Rolle emanzipiert und sich so von den eigenen patriarchalen Fesseln befreit und diese abwirft. Solange wir Männer dazu nicht wirklich bereit sind, wird es keine gerechte, egalitäre und solidarische Gesellschaft geben. Mit oder ohne Revolution. Alles klar? Also dann los!

Michi


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