karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Über Terror, Flucht und Integration
Interview mit einer kurdischen Familie

Die Familie F. wohnt nun seit etwa acht Jahren in der Schweiz. Vor der Flucht wohnte sie im Südosten der Türkei, also im vor allem von KurdInnen bewohnten Gebiet. Dieses Gebiet, nachfolgend Kurdistan genannt, ist seit Jahrhunderten immer wieder von Kriegen betroffen und wird seit ebenso langer Zeit von verschiedenen Staaten und Mächten beansprucht, sehr zum Leidwesen der dort einheimischen Bevölkerung natürlich. Die KurdInnen, wie auch andere Völker (siehe wieteren Text im Karnikl 4), sind seit langer Zeit Unterdrückt. Sie verbündeten sich schon etliche Male mit verschiedenen Staaten (Türkei, England, Iran, Irak usw.), gegen die Besatzerstaaten, in der Hoffnung, wenn der gemeinsame Feind geschlagen sei, endlich ein eigenes Land aufbauen zu können. Doch kaum war der Krieg vorbei, waren die KurdInnen wieder die Verfolgten derer, die ihnen als Gegenleistung für die Mithilfe, einen Teil des Landes versprochen hatten.

Der Golfkrieg

So zuletzt geschehen beim Golfkrieg, als die irakischen KurdInnen, wieder in der Hoffnung auf einen eigenen Staat, gegen Saddam Hussein gekämpft haben. Sie wurden von der USA und ihren Verbündeten angestachelt, im Norden Krieg zu führen, um so Saddam zu schwächen. Natürlich hofften die Kurdischen KämpferInnen, dass, wenn der Irak von den aliierten Streitkräften geschlagen ist, sie geschützt von der UNO einen Staat aufbauen könnten. Aber bekanntlich war den Weltpolizisten ein von Saddam regiertes, einigermassen stabiles Land lieber, als ein von den KurdInnen selber regiertes Land. Die UNO interessierte es dann auch nicht mehr, als Saddam, als Vergeltung für die Angriffe, ein weiteres Massaker am kurdischen Volk verübte.

Die Verfolgung in der Türkei

Auch in türkisch-Kurdistan werden die KurdInnen seit Jahrzenten unterdrückt und vertrieben. Ihre Sprache, ihre Zeitschriften, ihre Kultur usw. sind verboten, mehr noch, die Türkei leugnet sogar die Existenz von kurdischen Menschen auf türkischem Gebiet und nennt sie dann auch Bergtürken, die sich gefälligst der Türkei zu unterwerfen haben. Seit bald vierzig Jahren wehren sich verschiedene kurdische Gruppen, von denen die grösste und bekannteste die PKK ist, gegen die Repression des türkischen Staates. Sie verlangen den Abzug des türkischen Militärs aus dem Südosten und einen eigenen Staat, Kurdistan. Natürlich macht die Türkei keine Anstalten, dieses fruchtbare Gebiet mit Erdölvorkommen, kampflos den KurdInnen zu übergeben, ganz im Gegenteil. Sie geht mit aller Härte gegen die Menschen in diesen Gebieten vor. In türkisch-Kurdistan herrscht seit vielen Jahren Ausnahme- und Belagerungszustand. Die Bevölkerung wird tyrannisiert, verhaftet, gefoltert, ermordet und vertrieben. Millionen von Menschen mussten schon flüchten, tausende Häuser und hunderte Dörfer wurden niedergebrannt. Mit allen Mitteln wird auch versucht, einen Keil zwischen die Bevölkerung zu schlagen. Ein Mittel sind die sogenannten Dorfschützer, welche die Aufgabe haben, ihre Nachbarn zu bespitzeln und das Dorf vor der Guerilla zu schützen. Die meisten dieser Dorfschützer werden vom Staat gezwungen, diesen Job anzunehmen, da, wenn mensch sich weigert, das als eine Sympathiebekundung zugunsten der PKK ausgelegt, und mensch somit verhaftet oder vertrieben wird. Die ZivilistInnen stehen auch hier zwischen den Fronten: Helfen sie der Guerilla, sei es finanziell oder sonstwie, gibt's Probleme mit dem türkischen Militär machen sie gar nichts kommt die PKK und sagt, ihr seid auch KurdInnen, wir kämpfen für euch, also müsst ihr uns helfen.

Im Westen der Türkei wird mit Erfolg Stimmung gegen die KurdInnen bzw. TerroristInnen, wie sie da von vielen genannt werden, gemacht.

Die offizielle Türkei verbietet "demokratisch" gewählte kurdische Parteien und sperrt deren Abgeordnete ein. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Leyla Zana. Sie wurde von den türkische Richtern zu 15 Jahren Haft verurteilt, weil sie im Parlament bei der Vereidigung erstens ein Band in den kurdischen Farben im Haar hatte und zweitens den Satz, sie werde sich für TürkInnen und KurdInnen einsetzen, in kurdisch an den offiziellen Eid angehängt hat. Demokratie in der Türkei...

In Zeitungsberichten über den Krieg werden tote KurdInnen, seien es ZivilistInnen oder Guerilleras/os, als Erfolg für die Türkei vermeldet.

Ihr habt in Kurdistan gelebt, wo genau?

Vater: Wir lebten in der Stadt Kahramanmaras, das ist in der Nähe von Adana und Diyarbakir.

Was habt ihr da gemacht?

V: Ich habe Viehhandel betrieben. Um die Tiere weiden zu lassen, haben wir etwa drei bis vier Monate im Jahr in den Bergen Kurdistans gelebt.

In diesem Gebiet ist die Repression der türkischen Armee gegen die kurdische Bevölkerung sehr gross. Wie habt ihr das miterlebt?

V: Seit langer Zeit herrscht in Kurdistan Krieg. Unsere Sprache ist verboten worden, Zeitschriften und Radiosender usw. wurden geschlossen. Die türkische Armee vertreibt die Bevölkerung aus Ihren Dörfern, weil für sie jeder kurdische Mensch ein potentioneller Terrorist darstellt. Ich und meine Familie waren in doppelter Hinsicht der Verfolgung ausgesetzt: Einerseits sind wir Kurden und andererseits Alewiten.

Was ist der Unterschied vom alewitischen zum sunnitischen Glauben?

V: Wir glauben an Ali, den Schwager von Mohammed. Unsere Auslegung des Islam ist viel weniger streng als die der Sunniten. Bei uns müssen Frauen keine Kopftücher tragen, wir gehen nicht in die Moschee sondern treffen uns, mit den Frauen zusammen, in anderen Räumen, wir dürfen Alkohol trinken und Schweinefleisch essen usw..

Die Bevölkerung steht in Kriegsgebieten vielfach zwischen den Fronten. Die Armee will Informationen über Stellungen der Guerilla, und die Guerilla will Unterstützung. Wie war das in Kurdistan?

V: Das war bei uns genauso. Für mich war das ein grosses Problem. Die PKK sagte, Ihr seid Kurden, wir kämpfen für euch, also müsst ihr uns helfen. Auf der anderen Seite die türkische Armee, welche Menschen verhaftete und folterte, die die PKK unterstützt haben.

Wie haben sie sich dann weiter verhalten?

V: Die KämpferInnen der PKK wussten mit der Zeit, wann ich mit meiner Familie in den Bergen lebte und wir unsere Tiere weiden liessen. Auf Druck, aber auch aus der Überzeugung, unterstützte ich die PKK finanziell und mit Lebensmitteln. Irgendwie hat dann die türkische Armee von dieser Unterstützung erfahren. Die Soldaten kamen vorbei und stellten erste Fragen. Von diesem Moment an wussten wir, dass wir am Besten auf schnellstem Weg das Land verlassen müssen, denn was bei einer Verhaftung vor sich geht, haben wir an genügend Beispielen miterleben können...

Wie ging das mit der Flucht so von sich?

S: Meine Eltern sind drei Monate vor mir geflüchtet. Wie vorher mein Vater schon gesagt hat, waren sie und meine Geschwister zu dieser Zeit in den Bergen. Ich ging damals in einer grösseren Stadt ins Gymnasium. Von der Flucht habe ich erst erfahren, als meine Familie schon weg war, da mich meine Eltern, weil sie gesucht waren, nicht mehr informieren konnten. Für mich war von Anfang an klar, dass ich Ihnen in die Schweiz folgen will und auch muss. Denn in der Türkei läuft das so: Wenn dein Vater gesucht ist, und er flieht, ist es ziemlich sicher, dass sie den ältesten Sohn verhaften, also mich. Ein weiterer Grund war, dass ich bald ins Militär eingezogen worden wäre. Das wollte ich sowieso auf jeden Fall verhindern, da ich nicht gegen mein eigenes Volk kämpfen wollte. Bei der Flucht in die Schweiz halfen mir mein Grossvater und ein Onkel, der in Deutschland lebt, finanziell.

Gab es irgendwelche Probleme mit den Schweizer Behörden bei der Einreise?

S: Meine Eltern hatten sehr wenig Probleme. Sie kamen in ein Durchgangsheim in Basel, später nach Zofingen und dann in das Dorf, in dem wir jetzt noch wohnen. Ich konnte bei der Einreise die Adresse meiner Familie in Zofingen angeben, die mir mein Onkel gegeben hat. Da wurde ich halt gefragt, warum ich drei Monate später als meine Familie geflüchtet sei und so weiter. Aber eigentlich ist bei der Einreise alles ziemlich gut gelaufen.

Im Jahre 1994 habt ihr einen negativen Asylentscheid vom BFF erhalten, der dann glücklicherweise korrigiert wurde. Was hätte eine Ausschaffung in die Türkei für Euch bedeutet?

S: Es wäre eine Katastrophe gewesen für uns. Mein Vater wäre auf jeden Fall an der Grenze verhaftet worden und ich hätte Militärdienst leisten müssen. Meine Mutter hätten sie vielleicht laufen lassen, aber mit zwei kleinen Kindern, die besser Deutsch als Türkisch sprechen, wäre es sehr schwer geworden für sie. Wir hätten von Anfang an keine Chance mehr auf ein einigermassen normales Leben gehabt.

Was habt ihr in diesem Moment über die Schweizer Politik gedacht?

S: Wir haben das überhaupt nicht verstanden. Ich hatte eine Lehrstelle, mein kleiner Bruder und meine Schwester gingen in die Schule. Wir wollten auf jeden Fall in der Schweiz bleiben und uns hier eine neue Existenz aufbauen. Diese Nachricht hat uns wie ein Blitz getroffen.

Wie seid ihr aufgenommen worden im Dorf in dem Ihr jetzt wohnt?

S: Am Anfang bestand eine grosse Schwelle zwischen uns und der Dorfbevölkerung. Wir wussten nicht, was sie über uns dachten. Mit der Zeit lernten wir Leute kennen, und die Schwelle wurde immer kleiner. 1994, als der negative Entscheid vom Bundesamt für Flüchtlige kam, unterstützte uns die Bevölkerung, indem sie Unterschriften für unser Bleiberecht sammelte und Briefe an die zuständigen Stellen schrieb, das war sehr wichtig, und hat uns letztlich auch vor der Ausschaffung bewahrt. Wir sind den Leuten sehr dankbar.

Ihr wohnt jetzt hier, weit weg von Eurer Heimat. Wie informiert ihr Euch über die Geschehnisse in Kurdistan?

S: Wir haben Bekannte, die, im Gegensatz zu uns, ohne Probleme in die Türkei reisen können. Diese besuchen unsere Verwandten und erzählen bei Ihrer Rückkehr, wie die Lage ist. Sonst ist es sehr schwierig, an Informationen heranzukommen, da es keine kurdische Zeitung gibt.

Der Krieg in Kurdistan ist einer der vergessenen Konflikte. Keiner der anderen Staaten verurteilt die Türkei wirklich scharf. Zwar wird die Türkei wegen den Menschenrechtsverletzungen noch nicht in die EU gelassen, aber wenn's ums Waffen Liefern und Geld Verdienen geht, wird der Krieg gerne vergessen. Wie erlebt ihr das?

S: Es ist sehr scheinheilig von den westeuropäischen Ländern, einerseits die Türkei zu verurteilen und andererseits Waffen zu liefern. Die Türkei verspricht zwar den Lieferanten, diese Waffen nicht gegen KurdInnen einzusetzen werden, aber auf den Fernsehbildern aus Kurdistan entdeckt mensch immer wieder zum Beispiel deutsche Panzer oder ähnliches. Die wirtschaftlichen Interessen sind leider höher bewertet als Menschenleben.

Was vermisst Ihr am meisten von eurer Heimat?

S: Unsere Verwandten. Wir können nicht einmal an Ihre Beerdigung gehen. Als mein Grossvater starb, war es bis jetzt am schlimmsten, wir wussten, heute findet die Bestattung statt, aber wir konnten nicht daran teilnehmen. Das war sehr hart. Aber natürlich vermissen wir auch unsere Kultur und die Landschaft und so weiter.

Am 1. Juli 1998 ist das Notrecht im Asylwesen in Kraft getreten. Laut diesem Gesetz muss auf Gesuche von AsylbewerberInnen ohne Papiere gar nicht mehr eingetreten werden. Was bedeutet das Eurer Meinung nach für Flüchtlinge heute?

S: Es wird für viele Menschen ein grosses Problem sein. In Kurdistan zum Beispiel haben viele gar keine Papiere, oder der Staat hat sie ihnen weggenommen. Vielfach muss ein Flüchtling auch Hals über Kopf das Land verlassen und hat keine Zeit mehr, seine Papiere zu holen. Dieses Gesetz ist ziemlich ungerecht.

In der Schweiz herrscht eine ziemlich ausländerInnenfeindliche Stimmung. Seid ihr davon auch schon betroffen gewesen?

S: Ja, ich persönlich hatte schon Probleme mit Neo-Nazis. Weiter haben wir eine Nachbarin, welche immer über uns schimpft. Als wir ganz frisch in der Schweiz lebten, hatten wir eine gewisse Angst vor ausländerInnenfeindlichen Anschlägen auf unsere Baracke, weil wir viel von solchen schlimmen Vorfällen in der Schweiz und in Deutschland gehört haben.

Zum Schluss möchte ich der Familie F. für das interessante Gespräch danken, und wünsche Ihnen, dass sie nach bald acht Jahren endlich eine definitive Aufenthaltsbewilligung bekommen.

Tällè


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