karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Der vergessene Krieg
Zum eskalierten Konflikt im Kosovo

Mensch redet von einer Krise im Kosovo, erst seit einigen Monaten und nur langsam setzt sich die Bezeichnung Krieg für die Vorgänge in der südwestlichsten der verbliebenen Provinzen von Ex-Jugoslawien auch in den hiesigen Medien durch. Lange stand der unerklärte Krieg, den das jugoslawische Regime seit nunmehr zehn Jahren gegen die albanische Bevölkerung der Provinz Kosovo führt, im Schatten anderer Konflikte auf dem Balkan und wurde von der Politik als nationales Problem Jugoslawiens betrachtet. Dabei stellt der Konflikt im Kosovo, der seit Jahrzehnten schwelt und dessen Ursachen weit in die Geschichte der Region zurückreichen, nicht nur die bisher erreichte neue Friedensordnung auf dem Balkan, insbesondere in Bosnien in Frage, sondern trägt auch einen gefährlichen Keim einer neuen Konfliktwelle in sich, in die auch die Türkei und Griechenland verwickelt werden könnten.

Kein Wunder also, rissen sich weder die Uno noch die EU oder gar Einzelstaaten darum, den Kosovokonflikt aufs internationale Tapet zu bringen und sich aktiv auf die Suche nach möglichen Lösungen zu machen, denn die Gefahr, sich die Finger zu verbrennen erscheint auch heute als zu gross. Erst als in diesem Frühling eine Grossoffensive der serbischen Spezialpolizei die Not der Zivilbevölkerung ins Unermessliche wachsen liess und zudem eine gewaltsame Konfrontation von Serben und Albanern immer wahrscheinlicher wurde, begann auch in Westeuropa und der Schweiz, wo die KosovoalbanerInnen vorher mehrheitlich ein innenpolitisches Problem im Zusammenhang mit Drogenhandel und Flüchtlingswelle waren, eine Berichterstattung über die Lage im Kosovo.

Nationale Einheit oderregionale Autonomie

Der Kosovo mit seinen rund 2 Millionen EinwohnerInnen, die zu rund 90% albanischer Nationalität sind, war seit 1912, seit der Gründung des ersten jugoslawischen Staates, eine Provinz der Republik Serbien mit beschränkten Autonomierechten. Obwohl das Gebiet sowohl im Ersten durch die Italiener und auch im Zweiten Weltkrieg durch das Dritte Reich besetzt und an Albanien angegliedert wurde, blieb es in den entscheidenden Friedensabkommen doch Teil des jugoslawischen Staates. 1980, nach dem Tod Titos, des unangefochtenen Einigers und Übervaters des kommunistischen Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg, begann sich die Lage im ganzen Land zuzuspitzen. Die massive Wirtschaftskrise, in der sich Jugoslawien befand, das völlig ineffizient gewordene politische System und der jahrzehntelange Terror, mit dem Tito die Einigkeit des Landes erzwungen hatte, verstärkten den Ruf nach Reformen, der in Jugoslawien traditionell auch nationalistisch motiviert war. Zu dieser Zeit begann der Abspaltungsprozess in Kroatien und Slowenien, wo nationalistisch und liberal gesinnte PolitikerInnen an die Spitze der kommunistischen Parteien gelangten und der Zentralregierung in Belgrad mit einem neuen auf Unabhängigkeit ausgerichteten Kurs begegneten.

Doch nicht nur in den Teilrepubliken Jugoslawiens, auch in der autonomen Provinz Kosovo meldete sich das Volk zu Wort. Im März des Jahres 1981 kam es in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, zu riesigen Demonstrationen, die anfänglich von den Studenten als Protest gegen das miserable Essen in der Mensa der Universität durchgeführt wurden, an denen bald aber auch Teile der Arbeiterschaft und ProfessorInnen und LehrerInnen teilnahmen. An diesen Demonstrationen wurde ein Ende der Unterdrückung der KosovoalbanerInnen, eine Anerkennung des Kosovo als selbstständige Teilrepublik Jugoslawiens sowie Massnahmen zum wirtschaftlichen Aufschwung in dieser ärmsten der Regionen Jugoslawiens gefordert. Die Regierung in Belgrad beantwortete diese Forderungen umgehend mit massiven Polizeieinsätzen gegen jegliche Demonstrationen sowie einer gründlichen Säuberung des politischen Apparats im Kosovo. Mitte April 1981 hatten die Unruhen nach serbisch-offiziellen Angaben elf, nach inoffiziellen Schätzungen über 200 Todesopfer gefordert, sowie die Verhaftung aller kosovoalbanischen PolitikerInnen, die sich mit den Forderungen des Volkes solidarisiert hatten, und die Absetzung aller als oppositionell betrachteten ProfessorInnen und LehrerInnen mit sich gebracht. Trotz dieser rüden Reaktion konnte Belgrad den Kosovo damit nicht befrieden. Die Lage blieb gespannt, mit einem enormen Aufwand wurde jegliche albanische Opposition gegen die serbische Kosovopolitik niedergehalten, der grösste Teil der Verurteilungen wegen politischer Vergehen in Jugoslawien fiel in den 80`er Jahren auf den Kosovo und immer wieder wurden führende Kosovoalbaner(Innen?), zum Teil angesehene Mitstreiter von Tito, wegen Separatismus aus ihren Ämtern vertrieben. 1988 eskalierte die Situation: Nachdem im Frühjahr der Präsident der kommunistischen Partei des Kosovo von Belgrad gestürzt wurde und kaum ein halbes Jahr danach seiner Nachfolgerin dasselbe Schicksal widerfuhr, kam es zu Protestdemonstrationen von mehr als 250`000 AlbanerInnen und Streiks in verschiedenen Industrieanlagen und Bergbaukombinaten. Gefordert wurden der Rücktritt des von Belgrad eingesetzten neuen Parteichefs, eine Erklärung für die Absetzung der früheren Parteichefs sowie ein Ende der antialbanischen Propaganda der Serben, die alle KosovoalbanerInnen des Separatismus verdächtigte und Nationalismus verunglimpfte. In dieser neuen Krise reagierte die Regierung in Belgrad noch schärfer und hob die Teilautonomie des Parlaments der Provinz Kosovo auf, indem sie es in allen Entscheidungen von der Zustimmung der Zentralbehörden in Belgrad abhängig machte. Diese Massnahme bedurfte noch der Zustimmung eben dieses Parlaments. Um eine solche erzwingen zu können, verhängte die Regierung im Februar den Ausnahmezustand über die Provinz Kosovo, stationierte Polizei und Armeeeinheiten rund um die Hauptstadt Pristina und erzwang mit Gewalt eine Annahme der Beschlüsse über die Auflösung der Autonomie des Kosovo im Parlament. Als es in der Folge zu Demonstrationen und Protestkundgebungen kam, bei denen nicht nur weit über 200 AlbanerInnen sondern erstmals auch serbische Polizisten durch Gewalt ums Leben kamen, wurde die Provinz militärisch besetzt und die gesamte Verwaltung der Polizei übertragen. Mit dieser Massnahme beendete die Regierung in Belgrad die verfassungsmässige Existenz einer autonomen Provinz Kosovo und annektierte das Gebiet faktisch als einen Teil der Republik Serbien. Die Reaktion der Kosovoalbaner darauf war, dass Politiker im Sommer 1990 die Unabhängigkeit der Teilrepublik Kosovo von Belgrad erklärten. Die Regierung in Belgrad löste daraufhin das Parlament des Kosovo auf und übertrug die politische Macht einem Spezialausschuss von regierungstreuen Politikern. Alle KosovoalbanerInnen, ob PolitikerInnen, ÄrztInnen, ArbeiterInnen oder StudentInnen, die sich weigerten, eine Erklärung zu unterschreiben, die sie verpflichtete, den Anordnungen der serbischen Polizei zu folgen, verloren ihre Arbeit.

Für die KosovoalbanerInnen gab es in der Folge keine Möglichkeiten mehr, sich am politischen Schicksal ihres Landes zu beteiligen, es existierten keine Bürgerrechte mehr und die Willkürverwaltung durch die serbische Polizei konnte so ungehindert ihren Lauf nehmen. Die Folge davon war, dass die albanische Opposition in den Untergrund, bzw. ins Exil ging. Im Herbst 1990 wurde die Verfassung von Kacanik veröffentlicht, in der festgehalten ist, dass der Kosovo eine von Belgrad unabhängige Teilrepublik des Staates Jugoslawien und die KosovoalbanerInnen nicht eine ethnische Minderheit, sondern ein eigenes Volk seien. Alle kosovoalbanischen Oppositionellen, die in verschiedenen Gruppen organisiert sind, wovon die "Demokratische Alternative", deren Führer Ibrahim Rugova ist, die grösste darstellt, berufen sich auf diese Verfassung. Dies allerdings im Exil, denn im Kosovo nahmen die Dinge einen anderen Lauf: Am historischen Festtag der Serben, dem 28. Juni 1990, erklärte der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic vor über einer Million aus ganz Jugoslawien angereisten Serben auf dem Amselfeld nahe Pristina, dass die territoriale und politische Integrität Serbiens wiederhergestellt sei. Diese Rede wurde berühmt; gehalten aus Anlass des 600. Jahrestags der Schlacht zwischen Serben und Osmanen auf eben diesem Amselfeld, dem kosovo poljie, weil Slobodan Milosevic in ihr nicht nur den Kampf zwischen Serben und Albanern rechtfertigte, sondern gleichzeitig weitere Kämpfe ankündigte, Kämpfe, die nur ein Jahr später in Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina ausbrechen sollten. Eben diese Kriege, vor allem der bosnische, froren bald darauf die Geschehnisse im Kosovo ein. Für Jahre wurde das Leben für die Menschen unter der Besatzung der Serben zum Normalzustand. Kam es zu Demonstrationen für Freiheit und Menschenrechte, griff die Polizei mit brutalsten Methoden durch, Schiessereien, Verhaftungen, Folter und Schikanen aller nur erdenklichen Art waren an der Tagesordnung, ohne, dass sich national oder international eine Opposition dagegen bilden konnte: Der vergessene Krieg im Kosovo nahm seinen Lauf.

Die Staatengemeinschaft, die UCK und die humanitäre Katastrophe

Erst anfangs 1998 begann sich wieder etwas zu tun im Kosovo. Vermehrt wurden Berichte über serbische Angriffe auf albanische Dörfer im Kosovo publik, die das internationale Interesse auf den Südwesten Jugoslawiens lenkten. Getreu ihrer Doktrin von der verfassungsmässigen Einheit Serbiens und des Kosovo begründete das Regime in Belgrad die verstärkte Repression mit der Jagd nach separatistischen Terroristen. Ein Rätselraten setzte ein, wer diese Terroristen sein könnten, die sich in Einzelgehöften und kleinen Dörfern verstecken. Die Antwort wurde bald gegeben, als sich die Kosovobefreiungsarmee, albanisch UCK, im Frühsommer in der Weltöffentlichkeit outete und damit eine neuerliche Tragödie im Kosovo auslöste. Entstanden war die UCK als Notwehr gegen serbische Aggressionen, zuerst bestand sie lediglich aus Bauern, die ihre Dörfer, mehr spontan als organisiert, mit Flinten zu verteidigen begannen. Später wurde die UCK mit Hilfe von kroatischen Freischärlern und Geldern von im Ausland lebenden KosovoalbanerInnen sowie des amerikanischen Geheimdienstes aufgerüstet und organisiert.

Amerikanische Gelder waren der UCK wohl weniger aus altruistischen, denn aus realpolitischen Überlegungen heraus zugeflossen. Die Amerikaner beabsichtigten zu keiner Zeit, den albanischen Forderungen zum Durchbruch zu verhelfen. Vielmehr benutzen sie die albanischen Freiheitskämpfer als Druckmittel gegen Belgrad, um den Präsidenten Milosevic, der, geschwächt durch die jahrelangen Kriege um sein Grosserbien, wirtschaftlich und militärisch kaum in der Lage gewesen wäre, einen weiteren Krieg zu führen, an den Verhandlungstisch zu zwingen. Weitere Probleme wären an der Heimatfront entstanden, schon im Frühjahr 1998 kam es in Belgrad zu Demonstrationen gegen den Krieg von Müttern, deren Söhne im Kosovo stationiert oder verschwunden waren, mensch hoffte, die innerserbische Opposition würde bei einem weiteren Waffengang nicht mehr mitmachen und zählte auf die Kriegsmüdigkeit der serbischen Jugend. Doch dieses Spiel mit dem Feuer sollte sich bald rächen. Als die UCK, aufgerüstet mit Waffen und neuem Selbstvertrauen und ganz in der Tradition der jugoslawischen Freiheitskämpfer, im Sommer 1998 vom reinen Guerillakrieg zu einem Auftreten als reguläre Armee überging und offen die Gründung eines unabhängigen Staates Kosova, so der albanische Name der Provinz, zum Ziel erklärte und sich deshalb in Machtkämpfe mit den gemässigten Kreisen um Ibrahim Rugova einliess, wurde sie für die westlichen Grossmächte unhaltbar. Eine Unabhängigkeit wollte der Westen den KosovoalbanerInnen nie zugestehen, eine Autonomie innerhalb Serbiens war das Ziel, das mensch mit gemässigten Politikern wie Ibrahim Rugova, die das Vertrauen des Westens genossen und zudem auch eine Politik des gewaltlosen Widerstandes verfolgten, anvisierte.

Eine Loslösung des Kosovo von Serbien würde die Gefahr einer panalbanischen Bewegung heraufbeschwören, die die Gründung eines Staates aller Albaner, von denen nicht nur in Albanien und im Kosovo, sondern auch im südlich angrenzendenden Mazedonien beträchtliche Minderheiten leben, zum Ziel hätte. Eine solche Bewegung würde aber das Gleichgewicht im östlichen Mittelmeerraum empfindlich stören. Nicht nur, dass die Serben in Mazedonien sich schon lange mit Belgrad über gegenseitigen Beistand verständigt hatten, auch Griechenland und Bulgarien hegen noch immer uralte Ansprüche auf mazedonische Gebiete und die Türkei schliesslich könnte sich eine Destabilisierung der Lage im Mittelmeerraum für eine kriegerische Lösung der Zypernfrage nutzbar machen. Eine solche Ausbreitung der Territorialkonflikte nach Süden wäre besonders gefährlich, weil plötzlich auch Natostaaten darin verwickelt sein könnten, eine Gefahr, die aus der Sicht der europäischen Grossmächte und Amerikas unbedingt gebannt werden muss. Ein weiterer besonders heikler Aspekt einer möglichen Unabhängigkeit des Kosovo stellt die Gefahr dar, dass sie eine Signalwirkung auf die im Dayton-Abkommen mühsam geeinigten Volksgruppen in Bosnien haben könnte, denn, wenn die Albaner in Serbien das Recht bekommen sollten, sich mit ihren Landsleuten jenseits der Grenzen zu vereinigen, wer könnte dieses Recht dann den Serben oder Kroaten in Bosnien absprechen? Die Konzeptlosigkeit und Uneinigkeit des Westens führte so dazu, dass die vorher gezielt geförderte UCK im Sommer 1998 fallengelassen wurde. Darauf reagierte die serbische Regierung mit einer noch jetzt andauernden militärischen Grossoffensive, die den albanischen Widerstand radikal brechen soll.

Dem Feldzug der Serben durch den Kosovo schauen die Staatengemeinschaft und das globalisierte Fernsehvolk mit erschrecktem Erstaunen zu. Die UCK erwies sich als militärisch zu schwach, der serbischen Ordnungsmacht standzuhalten, die besetzten Gebiete zu verteidigen und die Zivilbevölkerung zu beschützen, der entschlossene Natofalke wurde flügellahm und beschränkt sich nach anfänglichen Flugmanövern seither auf Lippenbekenntnisse. Derweil zerstören die serbischen Einheiten Ortschaft um Ortschaft, vertreiben die Bevölkerung und brennen nieder, was übrigbleibt. Rund 300`000 Menschen befinden sich auf der Flucht und sehen sich schutzlos dem nahenden Winter, der im Kosovo etwa im Oktober einbricht, ausgeliefert. Internationale Hilfe läuft nur schwerlich an. Erst jetzt beginnen NatopolitikerInnen und Staatsmänner wieder von einer Intervention im Kosovo zu sprechen, angesichts der humanitären Katastrophe, wie sie betonen, vielleicht aber auch wegen der Flüchtlingsströme von KosovoalbanerInnen, die in die Festung Europa eindringen und die niemand so richtig haben möchte, weil sie den Ausschaffungsapparat überlasten könnten.

Katastrophe und Kolonialismus

Soweit in groben Zügen zum jüngsten und aktuellen Konflikt im Kosovo. Die Frage stellt sich automatisch, weshalb der Status dieses Gebietes mit seinen zwei Millionen EinwohnerInnen derart umstritten ist und die Menschen auf beiden Seiten so erbittert auf ihren Ansprüchen bestehen. Das ganze als einen Nationalitätenkonflikt zu betrachten ist zu einfach, die Geschichte des kosovoalbanischen Nationalismus ist aufs Engste auch mit einer sozioökonomischen, bzw. sozialen Komponente verknüpft. Nach der slawischen Einwanderungswelle über den Balkan war der Kosovo das Stammsiedlungsgebiet und Zentrum eines grossen Feudalstaates der Serben, die mit ihrer orthodoxen Religion und Kultur lange Zeit ein Bollwerk gegen den Islam waren, ehe sie 1389 von Sultan Murat 1. in der berühmten Schlacht auf dem Amselfeld geschlagen, und ihr Staat unter osmanische Verwaltung gestellt wurde. Zu dieser Zeit lebten Serben und Albaner nebeneinander und bekämpften sogar gemeinsam die einfallenden Osmanen, doch die Entwicklung der beiden Völker nach der Besetzung verlief sehr unterschiedlich. Unter den Serben setzte eine enorme Abwanderung nach Norden, in ihr heutiges Land mit dem Zentrum Belgrad ein, wo sie sich als erstes südslawisches Volk 1912 wieder einen eigenen Staat erstreiten konnten. Die Albaner hingegen wendeten sich mehrheitlich dem Islam zu und bevölkerten in zunehmendem Masse den Kosovo, als Untertanen der osmanischen Kolonialmacht.

Trotzdem blieb der Anspruch der Serben auf den Kosovo, der bei Betrachtung der heutigen Bevölkerung völlig unberechtigt scheint, bestehen. Im Kosovo leben 90% AlbanerInnen und 8% Serben. Der Kosovo war unter der osmanischen Herrschaft eine Kornkammer. Die Grossgrundbesitzer hatten Abgaben an den Staat zu liefern, konnten ansonsten aber dank des Feudalsystems zu reichen und mächtigen Männern werden, die Mehrheit der Bevölkerung war als Landwirtschaftsproletariat beschäftigt. Diese Grossgrundbesitzer und ihre Schicht waren es auch, die in der Zeit der albanischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert die ersten Aufstände gegen die osmanische Herrschaft trugen und für ein freies Albanien kämpften und besiegt wurden. Die Geschichte brachte weder eine freie Entwicklung des Kosovo, noch eine Vereinigung mit Albanien, sondern den nahtlosen Übergang von der osmanischen in die serbische Herrschaft. Dem immer geringer werdenden Anteil der Serben an der Bevölkerung des Kosovo begegneten sie mit Serbisierungsprogrammen, albanische Schulen wurden lange Zeit nicht nur von den Osmanen, sondern auch den Serben bekämpft, AlbanerInnen wurden in der Politik nicht berücksichtigt, eine nennenswerte Industrialisierung fand bis zum zweiten Weltkrieg nicht statt. Kolonie blieb der Kosovo auch unter Tito, der wohl mit Geldern aus der Staatskasse die industrielle Entwicklung des Bergbaus vorantrieb, an der wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landes aber nichts änderte, sondern jahrzehntelang eine völlig einseitige Ausbeutung der Provinz praktizierte. Absichern konnte er diese über die kommunistische Partei, die das politische Monopol besass , und in der strenge Auswahlverfahren für die Kandidaten für einen Verwaltungsposten entschieden. So konnte die Jugoslawische Regierung die AlbanerInnen systematisch von der Politik ausschliessen. Vor allem der Name von Aleksander Rankovic, dem Polizeiminister und Minister für Personalfragen Titos, wurde zum Symbol dieser serbischen Unterdrückung der KosovoalbanerInnen. Der serbische Nationalist hatte die kosovoalbanische Opposition während Jahrzehnten nicht nur auf dem politischen Parkett, sondern auch mit polizeilicher Gewalt aufs Schärfste bekämpft. Eine eigene Universität für den Kosovo entstand dementsprechend auch erst 1969. Die antialbanische Politik lockerte sich erst, als das völlig heruntergewirtschaftete Jugoslawien Mitte der 70`er Jahre in eine Krise geriet, die das kommunistische Regime zu einem Umdenken und Reformen seiner Politik zwang. Sie hinterliess eine Provinz, in der 43% der Menschen keine Arbeit hatten und eine politische oder soziale Organisation der Bevölkerung systematisch unterdrückt worden war.

Doch schon als das Regime in Belgrad in den 80`er Jahren die Kontrolle über seine Teilrepubliken zu verlieren begann, nahm es seine autonomen Provinzen Kosovo und Voivodina wieder härter an die Kandare, getrieben von der Angst vor dem Verlust der Macht. Die KosovoalbanerInnen ihrerseits lernten unter diesen Umständen zu überleben. Abgeschnitten von ihren Landsleuten in Albanien hatten sie nur sich selbst, um ihr ökonomisches und kulturelles Leben zu sichern. Der starke nationale Zusammenhalt und das ausgeprägte Sippenwesen waren und sind die einzigen Sicherheiten. So entwickelte sich ein Geldkreislauf aus dem Westen in den Kosovo, mit dem ausgewanderte Gastarbeiter nicht nur ihre Familien, sondern ganze Dörfer am Leben erhielten. Zu diesem Zweck wurden vielerorts Hilfsvereine gegründet, das politische Leben spielte sich in Exilantenkreisen ab. Als aber nicht einmal diese Lebensform mehr möglich war, begannen die Kosovoalbaner sich zu wehren, auch dabei völlig auf sich alleine gestellt. Und so spielt sich auf unseren Fernsehschirmen die Tragödie eines Volkes ab, das in der schönen neuen Welt von Freimarkt und Freizeitgesellschaft um sein Recht auf Überleben kämpft, und angesichts der humanitären Katastrophe bewegt das auch viele, doch der Weg aus dieser Lage als Entwicklungsregion kann nur über eine Beteiligung und Einbindung des Volkes in die Politik führen. Eigene politischen Instanzen, denen die Menschen vertrauen können und die Möglichkeit, sich demokratisch am Staat beteiligen zu können, sind nur Grundvoraussetzungen für eine Reihe von Entwicklungen in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten, die nötig wären, um das Problem im Kosovo zu lösen. Doch nach der dazu nötigen Selbstbestimmung sieht es für die KosovoalbanerInnen nicht aus, und Unterstützung aus dem Westen gibt es auch nicht, im Gegenteil, in der Schweiz wurden z.B. Hilfskonti zugunsten des Kosovo von den Bundesbehörden gesperrt, eine der Massnahmen, die zeigen, dass mensch gewillt ist, die KosovoalbanerInnen sich selber zu überlassen. Die Festung Europa schottet sich gegen das Elend der vom Markt Vergessenen ab und überlässt das Weitere den serbischen Polizeieinheiten.

Flo


Zurück zur Hauptseite vom karnikl oder des KulturZentrums Bremgarten KuZeB


 © 1997, 2018 Copyright beim Verein KulturZentrum Bremgarten KuZeB some rights reserved (Creative Commons BY-SA). Geändert am 31. Mai 2009. Erstellt von Kire.