karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Die "Goutte d'Eau"
Dezentraler Widerstand gegen das globale Monster im "Vallée d'Aspe"

Die "Goutte d'Eau" - der stetig höhlende Wassertropfen - ist ein Beispiel für den dezentralen Widerstand gegen die Globalisierung und den Neoliberalismus. Schon früh inspiriert durch die "Internationale der Hoffnung" (Subc. Marcos in "Gegen den Neoliberalismus und für die Menschlichkeit"), bekämpfen die in einer genossenschaftlichen Jugendherberge in den Pyrenäen lebenden Menschen ein europäisches Strassenbauprojekt, welches das gesamte Tal bedroht. Sie sind zwar wenig organisiert, sie bestehen auf ihren libertären Standpunkten, leben ihre autonomen Ideen und solidarisieren sich mit den Besetzungen von einigen der rund 200 verlassenen Pyrenäendörfer; gerade durch ihr intergalaktisches Denken und lokales Handeln bilden sie aber auch einen Teil der Solidarität mit unterdrückten und ausgenützten Völkern, wie zum Beispiel jenem der Baskinnen und Basken.

Von einem schau- und tatenlustigen Besucher

Das "Vallée d'Aspe" wäre ein schönes, wildes Tal in den nördlichen Pyrenäen, unweit des Baskenlandes, wenige Kilometer von der Grenze zu Spanien entfernt - wäre..., wenn nicht die Natur an allen Enden und Ecken gepiesakt und massakriert würde. Seit Jahren ist hier ein gigantisches Projekt im Gange, um die alte, teilweise kaum zweispurige Bergstrasse in eine grosszügige Autostrasse zu verwandeln. Die europäische Achse E7, welche Teil des Trans-Europäischen Netzwerks (TEN) ist, soll neben den beiden Autobahnen an den Küsten eine dritte Route zwischen Spanien (Zaragoza) und Frankreich (Pau), vor allem für den Warentransport, darstellen.

Grenzüberschreitender Mobilitätswahn...

Tatsächlich ist der spanische Teil bis Saragossa seit geraumer Zeit fertiggestellt, ebenso die Verbreiterung zwischen Pau und Oloron, und im letzten Sommer wurde der Durchstich des Tunnels durch den Pass "Col du Somport" gefeiert, frei nach dem Gegen-Motto "Champagner für die einen, Teer und Umweltverschmutzung für die anderen".

Bald könnten die Lastwagen also ungehindert ihre Ware auf dem europäischen Markt hin und wieder zurück verschieben (bei aller Unlogik, Misswirtschaft und Ineffizienz dieses bekannten Systems) - könnten..., wenn nicht zahlreiche Proteste die Bauarbeiten um Jahre verzögern würden.

Die Bevölkerung des Tals ist in der Strassenfrage gespalten. Die lokalen Politiker beugen sich, freiwillig oder unter Druck, den Interessen der europäischen Zentralplanung, die lokalen Unternehmer profitieren von den Aufträgen, deren Angestellte müssen sich fügen oder werden gar zu durchaus gewaltbereiten "Autofaschos", die eine eigentliche "Pro-Tunnel-Miliz" bildeten. Während einige Leute die wintersichere, schnellere Strasse befürworten, lehnen andere den Ausverkauf des Tals an die Transporteure und Touristen ab. Nicht alle glauben der Propaganda von "Fortschritt" und "Entwicklung" und dem wenig stichhaltigen Argument der Arbeitsplätze. Sie wissen, dass eine solche Modernisierung nur einigen wenigen (Tankstellen, Restaurants, dem "Bärengraben", etc.) nützt, dass die Natur hingegen total zerstört wird.

...konstruktiver Widerstand...

Seit etwa vierzehn Jahren leben im Tal aber auch die "Aspaches", die IndianerInnen vom Stamm der "Aspe-Apatschen", deren Trommelrufe oft bis spät in die Nacht und weit in die Berge erklingen. Das Wortspiel deutet an, dass sie planetar denken, inspiriert vom Wissen und Glauben der "IndianerInnen". Die "AussteigerInnen-Kommune", eine wechselnde Gruppe idealistischer Menschen, richtete sich in einem alten, nicht mehr gebrauchten Bahnhofsgebäude ein (die Bahnlinie war unter ominösen Umständen stillgelegt worden). Ursprünglich wollten sie das lokale Handeln auf die Tätigkeiten einer ruhigen und friedlichen Subsistenzwirtschaft beschränken, was aber nicht lange möglich war: Durch die Bedrohung des Tals und des nahen Nationalparks, dessen Grenze wegen dem Tunnelportal extra noch etwas verschoben wurde und der eine Zufluchtsstätte für die letzten Braunbären in Westeuropa und Schutzraum einer vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt darstellt, und wegen dem Strassen- und Tunnelbau mussten sie den Kampf gegen die Asphaltdiktatur aufnehmen.

Seit acht Jahren versuchen sie deshalb mit Petitionen, Demonstrationen, Besetzungen, Blockaden und anderen direkten Aktionen und zivilem Ungehorsam das Mammutprojekt aufzuhalten. Wer heute durch das Vallée d'Aspe fährt (oder besser wandert!), sieht auf den Strassen, an Pfähle und Plakate gesprayte "Notrufe" des Tals gegen den Strassenbau, Zeugen vieler Einzel- und gemeinsamen Aktionen: in sechs Jahren gab es über hundert Baustellenbesetzungen und -aktionen und etwa gleich viele Strassenblockaden (vor allem von Lastwagen, Personenwagen werden meist durchgelassen). Mensch erinnert sich gerne an die zwei grossen, schönen Demonstrationen mit drei- und zehntausend TeilnehmerInnen, und an die symbolische Aktion von Greenpeace, welche Parzellen des Baugeländes an 3147 "IndianerInnen" aus aller Welt "verkaufte".

Während der Tunnel fertiggestellt ist und im Jahre 2000 eröffnet (d.h. dem Verkehr übergeben) werden soll, gehen die Arbeiten im Tal weiter. Es fehlen noch einige Umfahrungsstrassen, für welche die Natur schonungslos umgesägt, weggesprengt, entwurzelt, und abgetragen wird. Auch wenn sich auf politischer Ebene Veränderungen abzeichnen (die franz. Umweltministerin hat sich für die Einstellung der Bauarbeiten ausgesprochen), und weil oder damit diese Arbeiten noch Jahre in Anspruch nehmen werden, muss der Kampf für den Schutz des Tals weitergehen. Allerdings ist unterdessen die "Goutte", das Wahrzeichen und Zentrum des Widerstandes selbst in Gefahr: auch der alte Bahnhof Lescun-Cette-Eygun soll der Strassenverbreiterung zum Opfer fallen. Das Gebäude ging von den Staatsbahnen an die Gemeindenverwaltung über, der Mietvertrag wurde gekündigt, weshalb jetzt weitere Rechtshändel (nach all den schon erfolgten Gefängnisstrafen und Bussen) am laufen sind...

...und grenzenlose Solidarität

Was sicher bleibt, ist nur die Hoffnung und der Wille für eine schönere, bessere, freiere, gerechtere und solidarische Welt. Wie schreibt der letzte Talindianer so passend im letzten Rundbrief "La lettre de la Goutte d'Eau - NO PASARAN!" vom März '98:

"Zwei Jahre nach der Räumungsankündigung ist die Goutte immer noch da, ewig rebellisch gegenüber der grauenhaften herrschenden Ordnung, lebendiger und aufrührerischer denn je, und immer beseelt vom Geist der Freiheit und des Widerstands. Eine fröhliche Freiheit in den Bergen für alle, die kommen, um für einige Stunden, Monate oder Jahre unter ihrem Dach zu leben. Hartnäckiger Widerstand gegen die "Lebens-Betonierer" und das monströse neoliberale System, das uns mit grosser Geschwindigkeit in eine sehr grosse Katastrophe führt.

Mindestens in vier Ecken der Erde, wie die IndianerInnen aus Chiapas und Guerrero, die Landlosen aus Brasilien und die ein wenig von überall her kommenden Öko-Libertären, erheben sich die Völker und Individuen, um diese Diktatur der triumphierenden Wirtschaft zurückzuweisen. Die "Aspaches", die seit Jahren gegen die Bauarbeiten an der E7 kämpfen, sind ein integraler Bestandteil des weltweiten Kampfes gegen den Neoliberalismus und gegen den Nationalismus, und jedeR trägt einen Wassertropfen in den Strom des Widerstands, der jeden Tag ein bisschen grösser wird und der bald ihre alte hochmütige und materialistische Welt wegspülen wird.

Es ist wichtig, dieses "Widerstandsnest", das hier nur knapp beschrieben werden konnte, in seinem grösseren Zusammenhang zu sehen. Es richtet sich zwar in erster Linie gegen eine konkrete, lokale Bedrohung des Planeten (wie das auch an anderen Orten der Fall ist: Hochgeschwindigkeitsbahnlinien im Baskenland und in Italien, Staudammprojekte bei Navarra, in der Türkei und auf der ganzen Welt, etc.), aber die Verhinderung dieses einen Verbrechens würde die Welt nicht retten. Wichtig ist der Kampf gegen Misswirtschaft auf allen Stufen, gegen die Ausbeutung der Natur und der Menschen und gegen die Unterdrückung von missliebigen Meinungen auf der ganzen Welt. Daher ist es auch so wichtig, persönliche, soziale und solidarische Kontakte zu pflegen; nicht nur (wenn möglich) konstruktive Kritik zu üben, sondern auch (wenn nötig) radikalen Widerstand zu leisten.

SAUVONS LA VALLÉE D'ASPE - GARDAREM LA GOUTTE - ¡NO PASARAN!

Rolf


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