karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Interview mit Sinn Féin

Während meines Besuchs in Irland führte ich am 10. August in Belfast ein Interview mit Tom, einem Vertreter des Sinn Féin International Departements. Sinn Féin wurde 1905 gegründet und ist damit die älteste politische Partei Irlands. Sie ist die wichtigste Vertreterin des Irischen Republikanismus, welcher fünf Hauptforderungen umfasst: 1. Separatismus (Abtrennung vom Vereinigten Königreich) 2. Säkularismus (Trennung von Staat und Religion) 3. Anti-Sektierertum (Aufhebung der konfessionell bestimmten Spaltung der irischen Unterklasse) 4. Nationalismus (die Wiedervereinigung) 5. Radikale Sozialpolitik. In Irland sind die Begriffe "Republikanismus" und "Nationalismus" im Zusammenhang mit Sinn Féin ganz klar mit linken Inhalten besetzt und haben nichts mit politisch rechtsstehenden Ideen zu tun. Sinn Féin wird in den Medien oft als politischer Arm der IRA bezeichnet. Dies ist nach meinem Dafürhalten übertrieben. Beides sind eigenständige Organisationen, welche zwar einen Austauch pflegen aber nur bis zu einem gewissen Grad Einfluss auf die Position des Anderen nehmen.

Fernsehen und Zeitungen in der Schweiz vermitteln den Eindruck, dass Sinn Féin eine Ein-Thema-Partei sei und sich lediglich mit einem vereinigten Irland auseinandersetze. Kannst Du mir noch einige weitere Themen-Schwerpunkte nennen?

Sinn Féin ist mehr als eine Ein-Themen-Partei. Es ist eine ganz normale Partei mit Fachleuten und Inhalten, welche jeden Bereich unserer Gesellschaft abdecken: Landwirtschaft, Tourismus, wirtschaftliche Themen allgemein, Sprache, Kultur. Wir haben viele Texte herausgegeben, welche sich mit diesen Themen auseinandersetzen.

Was tut Sinn Féin direkt vor Ort, in den Quartieren und Gemeinden? Zum Beispiel die Unterstützung von Obdach- oder Arbeitslosen, Streiks organisieren und so weiter...

Die Gemeinden sollten ParterInnen sein. Wir glauben, dass die Präsenz von politischen Arrangements den Gemeinden nicht hilft, weil Leute aus der Oberschicht das Sagen haben. Wir denken, dass es wichtig ist, dass die Gemeinden ihre Zukunft selber in die Hand nehmen. Sie sollten sich in alles miteinbeziehen, was bei ihnen vor Ort geschieht. Wir unterstützen jede lokale Initiative: Streik, Protest auf der Strasse, also jede Aktion, die es braucht, damit die Menschen den Eindruck haben, ihre Stimme werde gehört. Wir unterstützen diese Aktionen und organisieren auch mit.

Sinn Féin sagt von sich, sie sei eine sozialistische Partei. Nun war in den Zeitungen zu lesen, dass Gerry Adams (der Präsident von Sinn Féin) während seines Aufenthalts in den USA den Eindruck den Eindruck zu erwecken suchte, dass Sinn Féin eher eine soziale den eine sozialistische Partei sei. Der Grund ist, dass Sinn Féin das Geld von US-AmerikanerInnen mit irischer Abstammung braucht. Diese sind jedoch eher konservativ und wollen keine linke Partei unterstützen. Stimmt das oder ist Sinn Féin eine Partei des Klassenkampfes?

Wir müssen dies im Zusammenhang der Situation sehen, in welcher wir uns hier in Irland befinden. Einer der Hauptgründe, warum Sinn Féin glaubt, dass es zur Zeit nicht möglich ist, den Sozialismus hier zu "pushen", liegt in der Natur des britischen Kolonialismus in Irland. Einer der Gründe, warum die Teilung verwirklicht werden konnte, liegt darin, dass es den Briten gelang, die protestantische Arbeiterklasse zu nutzen, um sie gegen die Entwicklung einer Arbeiter-Politik zu bringen. Die protestantische Arbeiterklasse und ihre Gemeinden wollen nicht mit Klassen-Politik in Berührung kommen. Dies, weil sie sehen, dass Klassen-Politik eine Art republikanisches Pflicht-Thema ist, und weil sie ihre Lebensqualität der letzten 70 Jahre schützen wollen. So ist es sehr schwierig, wenn nicht gar fast unmöglich, eine Strategie für den Klassenkampt zu entwickeln. In anderen Worten: Die irische Insel gehört den irischen Menschen. So könnte es auch eine normale politische Situation und normale politische Beziehungen geben. Die ArbeiterInnenklasse als Teil der KatholikInnen wird die Einheit zweiteilen. Wir müssen sichergehen, dass wir eine Gesellschaft schaffen, die ihre Interessen reflektiert. Sinn Féin glaubt nicht, dass die Klassen-Politik einhergehen wird mit der aktuellen geteilten Situation.

Sinn Féin ist eine sozialistische Partei. Sie wurde gegründet von Leuten aus der ArbeiterInnenklasse, und Leute aus der ArbeiterInnenklasse sind auch bis heute in jeder Sektion der Partei tätig. Wir sind uns bewusst, dass es ein Teil des Klassenkampfes von Sinn Féin ist, dass die ArbeiterInnenklasse ihr eigenes Schicksal kontrolliert.

Ist es wahr, dass Sinn Féin sich der katholischen Kirche mehr annähert als noch vor ein paar Jahren?

Nein, ich glaube nicht, dass wir der katholischen Kirche näher kommen. Ich denke, alle Menschen versuchen ihren Zielen näher zu kommen. Es wäre falsch, nur Leute mitzunehmen, die zu 100 % hinter jedem Aspekt unseres Kampfes stehen. Wenn wir so denken würden, käme unser Kampf nirgends hin. Ich glaube, die Praxis zeigt es: Wir müssen eine Plattform bilden, die so breit wie möglich ist. Gegen gewisse Aspekte der amerikanischen Regierung können wir vorbeugen, zum Beispiel gegen die KatholikInnen mit ihrem rechten Flügel. Gewisse Leute geben gewisse Ideen weiter und gewisse nicht. Du musst ja nicht die gleiche Politik haben wie sie. Bill Clinton zum Beispiel akzeptiert die Politik von Sinn Féin, er hat aber auch seine eigene Politik.

Es tauchen immer wieder Gerüchte auf, dass die IRA ihre Waffen mit Geldern aus dem Drogenhandel finanzieren soll. Was weisst Du darüber?

Ich kann nicht für die IRA sprechen. Aber was ich sagen kann in Bezug auf die IRA-Positionen, ist, dass die IRA nicht im Drogenhandel ist und auch nie war. Ich glaube auch nicht, dass die IRA je etwas mit Drogen zu tun haben wird. Der grösste Feind der IRA sind der RUC (nordirische Polizei) und die britische Armee. Beide haben die IRA während über 30 Jahren bekämpft. Nie in diesen 30 Jahren wurde ein Mitglied der IRA wegen Drogen befragt, angeklagt oder verurteilt. Ich glaube, das beantwortet Deine Frage. Wenn die britische Regierung, die britische Armee der der RUC für einen Moment ernsthaft darüber nachdachte, ob die IRA im Drogen-Geschäft ist, dann wäre in den letzten 30 Jahren auch ein entsprechender Beweis zutage gefördert worden. Ich glaube, es ist absolut unmöglich, dass die IRA im Drogengeschäft ist.

Ist es immer noch so, dass die IRA Drogen-KonsumentInnen und Dealern in die Knie schiesst?

Das ist wirklich eine Frage an die IRA, ich kann sie nicht beatworten. Ich bin ja Sinn Féin Mitglied. Die IRA mögen sicher keine Drogen-Dealer und wollen sich auch nicht in ihren Reihen sehen. Auch die Gemeinden wollen sie nicht sehen. Manchmal haben die einzelnen Gemeinden etwas dagegen getan, auch mit Gewalt. Sie versuchen eine Situation aufzubauen, die für Dealer so hart wie möglich ist. Unter gewissen Umständen wurden auch Dealer geschlagen. Das muss aber im Zusammenhang gesehen werden, dass sich die lokalen Gemeinden wehren müssen. Drogen sind hier ein Problem, vielleicht nicht so ein grosses wie in anderen Ländern dieser Welt. Aber es ist ein Problem, welches am wachsen ist. Die Gemeinden probieren ihr Bestes, dass die Drogen in ihren Gebieten nicht Überhand nehmen.

Wie ist die Situation der politischen Gefangenen zur Zeit?

Die britische Regierung hat angekündigt, dass in den nächsten zwei Jahren möglicherweise die meisten politischen Gefangenen freigelassen werden. Die Position von Sinn Féin ist, dass alle politischen Häftlinge entlassen werden müssen ohne Rücksicht darauf, wer sie sind und auf die weiteren Umstände. Es müsste allerdings schneller passieren. Zudem gibt es immer noch irische Häftlinge in England, die auch entlassen werden müssen. Es gibt auch viele weibliche Gefangene. Bei diesem Thema gibt es zwar Bewegung und Fortschritte, aber für Sinn Féin geht dies nicht schnell und nicht weit genug.

Wie gehen die Reformen in der RUC voran?

Da habe ich eine schnelle Antwort. Es gibt keine Reform der RUC. Sinn Féin will keine Reform der RUC. Die RUC soll komplett aufgelöst werden. Die RUC besteht aus 98 % UnionistInnen und zu 100 % aus ProtestantInnen. Sinn Féin ist überzeugt, dass die RUC nicht reformiert werden kann. Ein neuer Polizei-Dienst muss aufgebaut werden, der alle Interessen aller Menschen in Irland wahrnimmt. Das ist eine Grundeinstellung von Sinn Féin und wir werden sie auch nicht ändern.

Heute arbeiten mehr Menschen für den Frieden als noch vor einigen Jahren. Kannst Du eine Annäherung zwischen den einzelnen Gemeinden erkennen?

Well, ich hoffe es. Wir reden ja über Klassen-Politik, darüber die Barrieren zu brechen. Leider war die verfassungsmässige Opposition die grösste Barriere für diese Klassen-Politik. Ich glaube nicht, dass eine grosse Entwicklung stattfinden wird in dem Sinne, dass sich die katholische und die protestantische Arbeiterklasse zusammenschliessen. Wenn wir erst einmal eine politische Abmachung haben - und die haben wir ja noch nicht -,wenn wir einmal so weit sind, dann können wir darüber reden, ob die katholische und die protestantische ArbeiterInnenklasse zusammenkommen können. Leider ist der Belfaster Vertrag kein wirkliches politisches Abkommen. Es gibt noch viel zu diskutieren. In naher Zukunft kann ich leider kein Zusammenkommen der protestantischen und katholischen Gemeinden sehen. Aber später wird das hoffentlich möglich sein.

Wie ist ökonomische Situation in den sechs Counties, welche Nordirland ausmachen? Wie hoch ist die Arbeitslosenquote?

Die Arbeitslosenquote ist höher als 20 %. In manchen Gegenden beträgt sie sogar 50, 60 oder 70 %. Die Counties sind sehr arm. Die meisten Menschen überleben wegen der sogenannten "schwarzen Wirtschaft". Das ist eine Art illegale Wirtschaft, die aber hilft, Geld zusammenzukrtatzen, um über die Wochen zu kommen. Hoffentlich wird es mit einem permanenten Frieden besser. Damit die Leute wieder richtige Jobs haben, konstante Jobs.

Welches sind die nächsten Schritte von Sinn Féin in Richtung vereinigtes Irland?

Wir wollen ein Treffen zwischen den MinisterInnen aller 26 Counties organisieren. Wir glauben, dass diese Strukturen es Sinn Féin erlauben werden, das Thema "vereinigtes Irland" weiterhin verstärkt zu pushen. Es gibt eine Logik für ein vereintes Irland. Um konstanten Frieden zu haben, müssen wir Strukturen aufbauen, welche dies auch erlauben.

Es gibt Ängste, dass es den englischen (unionistischen) Gemeinden vielleicht schlechter gehen wird. Aber am Schluss gibt es nur einen Weg zum permanenten Frieden: Wenn wir einen Weg für uns bauen, wenn wir es schaffen, eine Grundvoraussetzung für ein vereinigtes Irland zu bauen. Sinn Féin glaubt, dass dies auch geschehen wird.

Patrik


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