karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Illegalisierte Hausangestellte in der Schweiz
Rückblick auf die Veranstaltungen vom 8. März 98 in der Roten Fabrik, Zürich

Solidarität mit Migrantinnen

Im Frühjahr 1996 entstand in Zürich die Arbeitsgruppe "Solidarität mit illegalisierten Frauen". Sie setzten sich zum Ziel, die menschenunwürdigen Lebensumstände der illegalisierten Migrantinnen, die in der Schweiz arbeiten, aufzuzeigen und zu verändern. Frauen aus verschiedensten Organisationen (Frauenhaus Zürich, Frauen-Informationszentrum FIZ, Aqui Nosotras, Xenia Bern, ZAGJP-Gassenarbeit und viele mehr) gründeten dieses Netzwerk. 1997 wandten sie sich den spezifischen Situationen in privaten Haushalten zu und organisierten dieses Jahr am 8. März einen Veranstaltungsnachmittag zum Thema "Illegalisierte Hausangestellte in der Schweiz."

Schweizer Gesetze fördern die Ausbeutung

Die globale Entwicklung, die Asyl- und AusländerInnen-Politik der Schweiz und die geschlechterspezifische Situation der Frauen dieser Welt haben zur Folge, dass auch bei uns immer mehr illegalisierte Frauen leben. Durch unsere ausländerInnenrechtlichen Bestimmungen (Drei-Kreise-Modell) erhalten Personen aus den Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas keine Arbeitsbewilligung. Da aber Migrantinnen im sexuellen und haushälterischen Bereich wieder sehr gefragt sind, werden sie als legalisierte Ehefrauen, halblegalisierte Cabaret-Tänzerinnen und illegalisierte Hausangestellte oder Sexarbeiterinnen toleriert. Es sind jedoch unsichere Migrationsverhältnisse, die oft zu Illegalisierung führen, sei es, weil sich ihr Schweizer Ehemann vor Ablauf der Fünfjahresfrist scheiden lässt (womit ihr "Aufenthaltszweck" dahinfällt), oder weil ihr Artistinnenvisum abgelaufen ist, und sie ihrer Agentur immer noch Geld schuldet, oder eben ihr Hausangestelltenverhältnis "gekündigt" worden ist. In der Schweiz können Migrantinnen keine Arbeitsbewilligung erhalten und haben auch keine rechtlichen Chancen, eine qualifizierte Arbeit - zum Beispiel in ihrem erlernten Beruf - zu finden. Das kommt vielen ArbeitgeberInnen sehr gelegen. Hausangestellte mit Bewilligung könnten Sozialleistungen einfordern, sich organisieren und wären deshalb teurer. Die Migrantinnen werden oft wie der letzte Dreck behandelt. Meistens arbeiten diese Frauen zwölf Stunden am Tag und bekommen einen mickrigen Lohn (ca. 8-10 Fr. als Kindermädchen / 10-15 Fr. für Hausarbeit). Illegalisierte Frauen sind in vielen Bereichen ungeschützt, sie werden ausgebeutet, erpresst und sind dauernd von der Ausschaffung bedroht. Sie haben auch nicht die Möglichkeit, eine Krankenversicherung abzuschliessen und müssen daher die Spital- und Arztrechnungen selber bezahlen.

Emanzipieren sich die einen Frauen auf Kosten der anderen?

In Europa ist die Nachfrage nach Arbeitskräften im Haushalt, in der Kinderbetreuung und in der Alterspflege wieder extrem gross. Ein wichtiger Grund dafür ist sicher, dass wir die gerechte Arbeitsteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen immer noch nicht geregelt haben.

Laut einer Studie der WochenZeitung WoZ vom 14. Juli 97 beträgt die jährlich von Frauen geleistete Gratisarbeit in Franken umgerechnet rund 120 Milliarden, was einem Drittel des Bruttoinlandproduktes entspricht. Die von Männern geleistete, unbezahlte Arbeit beträgt jedoch umgerechnet nur 42 Milliarden Franken. So findet jährlich eine riesige Umverteilung zu Ungunsten der Frauen statt. Die meisten Männer haben ihren Teil an der Hausarbeit nicht übernommen, obwohl immer mehr Frauen erwerbstätig geworden sind. In diese Lücke springen immer häufiger Frauen aus dem Trikont. Warum kämpfen einige Frauen einerseits für die Aufwertung der Reproduktionsarbeit, möchten aber andererseits möglichst wenig davon selber verrichten? Um das weisse, feministische Gewissen zu entlasten, wird aufgewertet, so kann frau sich bedenkenlos in die Karriere stürzen, ohne aber dabei auf Kinder sowie höheres Einkommen verzichten zu müssen! Emanzipieren sich also die einen Frauen auf Kosten der anderen? Wie sieht eine Strategie aus, welche auf die Befreiung beider Gruppen von Frauen zielt? Diese Fragen wurden in Arbeitsgruppen diskutiert. Die Organisatorinnen der Veranstaltung inszenierten eine Art Theater zur Debatte. In unserer Arbeitsgruppe kamen wir zum Punkt, dass es keine Lösung gibt, wo wir voll dahinterstehen könnten. Wir haben in zwei Ebenen unterteilt:

1. Ebene: Wir als Schweizerinnen müssen unseren politischen Kampf gegen unsere eigene Unterdrückung weiterführen, aber solidarisch mit Migrantinnen.

2. Ebene: Es gibt viele illegale und legale Migrantinnen, die auf Arbeit angewiesen sind. Was tun wir? Stellen wir sie ein (immerhin ist Putzarbeit noch besser als Sexarbeit)? Wenn ja, zu welchen Bedingungen? Wir müssen Strukturen schaffen, in denen sie sich selber organisieren können und für die Hausarbeit gerechte Lösungen suchen.

Für uns, die sich an der Diskussion beteiligt haben, war eines unumstritten: Für die Frauen aus dem "dritten Kreis" ist es sicher kein Fortschritt, wenn sie nebst Ehepflichten und bezahlter Sexarbeit, jetzt auch noch Putzarbeit verrichten dürfen! Es spiegelt sich eine tiefe Geringschätzung gegenüber Frauen aus dem Trikont. Migration ist zu 99% eine Kombination von gewaltsamer Vertreibung und gewalttätiger "Nachfrage!"

Rückblick aufs Programm

Neben der szenischen Darbietung und den anschliessenden Arbeitsgruppen wurde noch ein Dokumentarfilm zur Situation von philippinischen Hausangestellten in der Schweiz gezeigt. "Das Schweigen brechen.... aus der Dunkelheit ans Tageslicht" hiess das Projekt von Babaylan Switzerland. Danach hörten wir ein Kurzreferat von Gabriela Gwerder, Rechtsanwältin, über die rechtliche Lage in Zürich und sahen uns ein Video an, in dem junge Migrantinnen über ihre Erfahrungen als Haushaltshilfen in Schweizer Familien erzählten. Zum Abschluss hielt Stella Jegher (Frauenrat für Aussenpolitik, FrAu) einen Vortrag zu Fragen im internationalen, politischen und ökonomischen Kontext.

Meines Erachtens war es eine sehr gute und interessante Veranstaltung zu einem wichtigen Thema, welches leider sonst totgeschwiegen wird. Vielen Frauen, die anwesend waren, verlieh der Nachmittag einen Denkanstoss. In den Diskussionen gab es verschiedene Meinungen, aber über eines waren sich alle einig: So wie es im Moment läuft, kann und darf es nicht weitergehen!

Corinne

Wer sich näher mit diesem Thema befassen möchte, kann unter folgender Adresse Infomaterial bestellen:

FEMINA: Kultur- und Bildungshaus für Migrantinnen
Im Laubegg 27
8045 Zürich
Tel. 01/ 451 37 77
Fax 01/ 451 51 37

Mit einer Spende kannst Du Frauen in Notsituationen unterstützen! Notfonds, 8004 Zürich, PC 20-418515-1


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