karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

8. März - Internationaler Frauenkampftag

Ist zwar schon eine Weile her, aber der 8. März kommt ja bestimmt wieder (keine Angst - der Frauenkampftag wird auch näxtes Jahr nichts an Legitimation oder Notwendigkeit eingebüsst haben...). Da kaum jefrau - geschweige den jemannd - weiss, was es mit der Tradition des 8. März auf sich hat, hier erst einmal ein kleiner geschichtlicher Abriss.

Die Wurzeln des 8. März

Die Tradition des Internationalen Frauenkampftag geht auf die Arbeiterinnenbewegung um die Jahrhundertwende zurück. Seit Beginn des Kapitalismus wurden die Frauen der ArbeiterInnenklasse doppelt ausgebeutet - als Frauen und bei der Fabrikarbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen - es gab aber auch zahlreiche Kämpfe, die von Frauen geführt wurden, um bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten zu erreichen. Die Kämpfe richteten sich allerdings auch gegen die unzumutbaren Wohn- und Lebensbedingungen, unter denen die Frauen der ArbeiterInnenklasse noch mehr zu leiden hatten als die Männer.

So führten die nordamerikanischen Sozialistinnen 1909 erstmals einen nationalen Frauenkampftag durch, um für die Ideen des Sozialismus zu werben und das Frauenwahlrecht zu propagieren. Ein Jahr später wurde an der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen die alljährliche Durchführung eines internationalen Frauenkampftages festgelegt, der sich gegen die mehrfache Ausbeutung richtet. In den folgenden Jahren beteiligten sich am Frauenkampftag, welcher meistens an wechselnden Daten im März oder April stattfand, welt-(oder eher europa-) weit Millionen von Frauen an Demonstrationen, Kundgebungen und Aktionen.

Erst 1921 wurde der Internationale Frauenkampftag auf den 8. März festgelegt, und zwar an der 2. kommunistischen Frauenkonferenz (infolge politischer Differenzen wurden kommunistische Parteien gegründet, die sich von der Sozialistischen Bewegung abgespaltet haben). Das genaue Datum geht auf das Jahr 1908 zurück, wo Textilarbeiterinnen in New York am 8. März in Streik traten, um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu fordern. Die Fabrikbesitzer und Aufseher schlossen die Frauen in die Fabrik ein, um den Kontakt und die Solidarisierung mit anderen Belegschaften zu verhindern. Als plötzlich ein Feuer ausbrach starben 129 Arbeiterinnen in den Flammen.

Der Rollback nach dem Krieg

In der Zeit zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg waren die Forderungen am 8. März v. a. die Legalisierung der Abtreibung, Mutter- und Schwangerschaftsschutz. Führten diese Themen vor dem Krieg noch zu Massenmobilisierungen, wurde dies durch den Nationalsozialismus jäh abgewürgt - es war unmöglich, den 8. März in gewohnter Form zu begehen (Wie wir wissen, wurde Abtreibung im Nationalsozialismus mit der Todesstrafe geahndet). Jedoch auch in anderen Ländern wie der Schweiz, die nicht direkt in den Krieg involviert waren, wirkte sich dieser negativ auf die Belange der Frauen aus. Diese rückten nicht nur angesichts anderer Dringlichkeiten (bezahlbare Bildung, Nahrungssicherheit etc.) während des Krieges in den Hintergrund - der Frauenkampf hatte viel an Dynamik eingebüsst. Das durch den Faschismus propagierte Bild der Frau als Mutter ("die Emanzipation von der Emanzipation" war ein Schlagwort) setzte sich auch nach 45 fort - in den 50er und 60er Jahren spielte der Frauenkampf keine grosse Rolle mehr, die Kleinfamilie als kleinste Einheit des Systems machte sich breit und verdrängte die Befreiungsbestrebungen der Frauen.

Die Entwicklung des Frauenkampftages bis heute

Während der Frauenkampftag bis vor dem 2. Weltkrieg eng mit den ArbeiterInnenkämpfen verbunden war, entwickelte er sich in den 70ern im Zuge der neuen Frauenbewegung zu einem Tag der Frauensolidarität unter den Frauen aller Schichten und politischen Ausrichtungen. In den 80er Jahren wurde er von autonomen Frauen wieder als internationalistischer Kampftag begriffen und dementsprechend in der Praxis umgesetzt, aber dieser Ansatz war nicht sehr weitverbreitet. Die Grundtendenz war eher, dass die ursprüngliche sozialistische Tradition (die den Kampf gegen die kapitalistischen Strukturen und jegliche Art von Ausbeutung beinhaltet) verwässert wurde, bis der 8. März zum allgemeinen "Frauenfeiertag" mutierte, was er heute an den meisten Orten immer noch ist. Das ist leider kennzeichnend für ein weitverbreitetes Verständnis unter den wenigen übriggebliebenen Frauen, die sich überhaupt noch um den Tag scheren! Frau begnügt sich heute in der Regel damit, den Tag unter Frauen zu verbringen, oder wieder mal richtig das "Frau-Sein" zu zelebrieren (um am näxten Tag zur Tagesordung überzugehen), ohne jeglichen Kampfgeist oder das Bewusstsein, dass sehr viele Frauen v. a. im Trikont noch viel schlimmer von der Minderprivilegierung betroffen sind, als dies weisse, europäische und zumeist wohlhabende Frauen täglich erfahren.

Wir finden, dass es erst dann wirklich etwas zu feiern gibt, wenn auch die institutionelle Unterdrückung durch Staat, Gesellschaft und Kapitalismus, welcher auf die Unterdrückung der Frauen angewiesen ist, abgeschafft sind.

Seit bald 80 Jahren erheben Frauen am 8. März nun schon ihre Stimmen gegen die patriarchale und kapitalistische Ausbeutung von Frauen - die Forderungen sind weitgehend dieselben geblieben. So ist in der Schweiz Schwangerschaftsabbruch immer noch verboten, wir kämpfen immer noch um eine Mutterschaftsversicherung, von der "Gleichberechtigung" sind wir noch weit entfernt.

Um so wichtiger ist es, nicht aufzugeben und das Unmögliche zu fordern, um wenixtens das Mögliche zu kriegen!

Heraus zum 8. März! - Die Demo in Zürich

Einige Unbeugsame (oder Unbelehrbare?) machten sich auch dieses Jahr (einen Tag vorgemogelt, am Samstag 7. März) auf, das Unrecht lautstark und fröhlich in die tauben Ohren der ignoranten Männerwelt zu schreien, brüllen, singen...

Treffpunkt 14.00, Hechtplatz Zürich. Noch nicht so viele Frauen, wie immer hatten die meisten Verspätung oder fanden den gottverdammten Treffpunkt nicht. Nach einer Begrüssungsrede in spanisch, türkisch, englisch, französisch und deutsch liefen wir also eine gute halbe Stunde später los, Richtung frauenfreundlichere Zeiten. Die Demo war bunt gemischt, es hatte viele ausländische Frauen, die teilweise organisiert in ihrem Block liefen; Türkinnen & Kurdinnen, welche sich noch stark der kommunistischen Tradition verpflichtet fühlen; zapatistische Frauen aus Mexiko; aber auch lesbische Frauen, "Anna-Normalverbraucherinnen", Autonome (uneinsichtige Weltverbesserinnen), Emanzen (auch dieses ist selbstverständlich KEIN Schimpfwort! take back your words!), ausserdem war von blau bis orange jede Haarfarbe zu sehen.

Erster Halt beim Paradeplatz, einer der prestigeträchtigsten Geldumschlagplätze Zürichs. Ein Paradebeispiel für die kapitalistische Männerherrschaft schlechthin, ein Feindbild, gut für eine kleine Aktion. Zum Musikstück "Spiel mir das Lied vom Tod" flog Ospels (einer der Chefs der fusionierten UB$) Bänklerkoffer mit viel Schall und Rauch (vor allem aber bestialischem Gestank) in die Luft. Daraus regnet es Banknoten (wer hätte das gedacht: Geld stinkt also doch...?) und tausende farbiger Informationszettel. Darauf stand: "Der Kundenberater schaut den Kundinnen in den Ausschnitt". Oder: "Frauen leisten jährlich 1 200 000 000 000 Franken Gratisarbeit...". Stirnrunzeln unter den schaulustigen Passantinnen in den teuren Pelzmänteln.

Immer wieder wurde auch darauf hingewiesen, dass Frauen noch um ein vielfaches mehr von der sich verschärfenden "Wirtschaftskrise", Globalisierung und Repression betroffen sind als Männer, sei es im Berufsleben, wo Frauen als Erste die Arbeit verlieren, oder durch die Asylpolitik, welche sich in Richtung Abschaffung des Rechtes auf Asyl entwickelt (80 - 90% aller Flüchtlinge sind Frauen und Kinder).

Nach dem kleinen Intermezzo (es sollten sich noch einige pyrotechnische Zwischenfälle ereignen) bewegte sich der fröhlich-bunte Zug die Bahnhofstrasse runter. Dort wurden die längeren Ladenöffnungszeiten in Zürich kritisiert, welche im Januar doch noch eingeführt worden sind und wovon vorwiegend Frauen betroffen sind, da hauptsächlich sie im Verkauf tätig sind.

Der nächste Zwischenhalt war bei den Multis H & M (Hunger & Mode), sowie C & A (Chic & Ausbeuterisch). In einer langen Rede wurden die miserablen Arbeitsverhältnisse der asiatischen Billigkleiderproduzenten (ohne Innen) angeprangert. Weltweit arbeiten fast nur Frauen und Kinder unter miesesten Arbeitsbedingungen und zumeist nicht mal existenzsichernder Entlöhnung in der Textilindustrie des Trikonts, die hauptsächlich für die Industriestaaten produziert (natürlich nicht nur für H & M!). Desweiteren wurde dazu aufgerufen, diese ausbeuterischen Konsumtempel, die ausserdem den Schön- & Schlankheitswahn fördern, zu boykottieren (fragt sich, was diese Massnahme an den inakzeptablen Verhältnissen ändert...).

Die letzte Aktion fand vor dem Sitz des Tages-Anzeigers statt. Vor allem die Berichterstattung über den neuen Kinofilm "Lolita", der in den diversen Tageszeitungen (und bedauerlicherweise sogar in der WoZ!) kaum grundsätzlich kritisiert wurde, hat in diversen Frauenkreisen für viel Empörung gesorgt (ohne die soziale Komponente zu berücksichtigen, wurde munter drauflosrezensiert & -kritisiert; der Aspekt "sexuelle Ausbeutung von Kindern" im Namen der schönen Künste grosszügig übersehen.). Auch diese Thematik vermag mich nicht vollständig zu überzeugen: Wird da nicht ev. bloss Symptombekämpfung betrieben? Die Problematik auf ihren kulturellen Ausdruck projiziert?

Einige Pöblereien, seitens missmutiger Automobilisten und Passanten, später, fand die inzwischen stark geschrumpfte Demo am Helvetiaplatz ein Ende. Der Platz leerte sich ziemlich schnell, zumal auch das zuvor angekündigte ultimative Märchen aufgrund tontechnischer Mängel wenig Genuss bereitete.

Trotz der vielen gelungenen Aktionen und der guten Stimmung ist es jedoch schon traurig zu sehen, wie sich immer weniger Frauen am 8. März auf die Strasse getrauen, um einmal auf weniger gemütliche Weise (für die Männer, welche sich dadurch furchtbar in Frage gestellt fühlen) gegen die herrschenden Verhältnisse zu protestieren. Vielleicht ist es Zeit, andere (zeitgemässere?) Aktionsformen und Ansätze zu finden?

Vielleicht müssen wir aber auch einfach nur lauter brüllen und noch ein wenig unbequemer werden?

Irene, Corinne


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