karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Vingrau: Was steckt dahinter, wenn Widerstand acht Jahre dauert?

Hier ein weiterer Artikel zu Vingrau, dem widerständischen Pyrenäendorf in Frankreich (siehe auch karnikl #2). Zugesandt von "unserer" Aussendienstmitarbeiterin in Vingrau (vielen lieben Dank an dieser Stelle).

Sie sitzen immer rechts vom Eingang, im Halbrund, viele gestrickte Jacken, Gehstöcke auch, denn sie sind zwischen 50 und 70 Jahre alt, die Frauen von Vingrau, die das Rückgrat des Widerstands ausmachen. Und sie warten geduldig auf das andere Halbrund, die Männer, damit die Vollversammlung endlich beginnen kann. Reden tun sie hier wenig, ihre Entschlossenheit und Motivation drückt sich im Handeln aus.

Als sich Mitte Januar abzeichnete, dass Omya die letzte notwendige Bewilligung gerichtlich abgesegnet bekommen würde, beschlossen die Frauen, sich wieder am Zufahrtsweg zum zukünftigen Steinbruch zu installieren. Dort, wo letztes Jahr während sieben Monaten eine Besetzung aufrecht erhalten worden war, die ersten drei Monate in einem Zelt, dann kam ein Mobilhome hinzu, das von Sympathisanten zur Verfügung gestellt worden war. Diese Besetzung war Angang Juni abgebrochen worden, nachdem es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Omya-Arbeitern gekommen war. Zur selben Zeit fand der Regierungswechsel statt; eine Grüne, Dominique Voynet, wurde Umweltministerin. Dies gab zu Hoffnungen Anlass, um so mehr, als Voynet vor den Wahlen die BesetzerInnen besucht und sie ihrer Solidarität versichert hatte. Unter ihrer Ägide begannen im Juli Verhandlungen zwischen Vingrau und Omya. Mehrmals reisten der Bürgermeister und Vertreter des Comité du défense de Vingrau nach Paris ins Umweltministerium. Dort war die Rede von einer Verminderung der Ausbeutungsfläche und einer Verschiebung des Steinbruches um 900 Meter, um dessen Staubemissionen auf die Reben einzuschränken. Monat um Monat zögerte Omya die Antwort hinaus, hierbei unterstützt vom Verhandlungspartner im Umweltministerium, der gegenüber Vingrau so tat, als sei diese Verschiebung bereits beschlossene Sache. Dann fiel Mitte Januar der Gerichtsentscheid zugunsten von Omya. Jetzt hiess es in Paris, tut uns echt leid, nun können wir nichts mehr für euch tun...

Während acht Monaten haben wir uns hinhalten lassen, im blöden Vertrauen auf eine grüne Umweltministerin, die sowohl die Möglichkeiten als auch die Machtmittel besessen hätte, Omya zum Rückzug zu zwingen. Doch die Drohung mit horrenden Schadenersatzklagen gegen den Staat hatte genügt, dass sie sich dem Multi beugte, noch bevor das Multilaterale Abkommen über Investitionen der WTO in Kraft ist.

Die Wut und die Enttäuschung waren gross. Am 19. Januar zogen die Frauen ins Mobilhome und hielten an der Pressekonferenz nicht zurück mit scharfer Kritik nicht nur an der Umweltministerin, sondern auch an den Lokalpolitikern des Departements, die sich letztes Jahr Vingrau für ihre Wahlkampagne zunutze gemacht hatten.

Als Ende Januar Omya im 16-Stunden-Betrieb (von 04.00 bis 20.00) mit dem Zerstörungswerk begann, traten 6 Frauen im Mobilhome in den Hungerstreik mit der Forderung nach einem sofortigen Baustopp und neuen Verhandlungen. Die Männer im Dorf waren beeindruckt, versuchten dann, die Frauen, vor allem aber sich selbst, damit zu beruhigen, dass diese Aktion bloss ein paar Tage dauern würde, denn Frauen könnten einen Hungerstreik nicht lange durchhalten. Für die Frauen hingegen war klar, dass sie nicht aufhören würden, ohne etwas zu erreichen. Und sie organisierten sich entsprechend. Sie erfüllten den Hungerstreikenden jeden Wunsch, von ausgefallenen Kaffee- und Teesorten über aromatische Wässerchen bis zum Massageöl. Jeden Morgen um halb acht stand die Thermosflasche mit frischem Kaffee vor der Tür, um 8 Uhr 25 l heisses Wasser für die Toilette, sie lösten sich ab im Gesellschaftleisten und sprachen mit BesucherInnen von auswärts, wenn die Hungerstreikenden dazu zu müde waren.

Von den sechs Frauen im Mobilhome, die nun auf 15 Quadratmetern zusammenlebten, waren zwei über 50 Jahre alt, die Jüngste 34. Sehr rasch entwickelte sich ein starker Zusammenhalt, es gab viele Diskussionen, auch harte, aber nie Streit, und sehr oft gab es auch was zu lachen. Auftrieb gab uns vor allem die starke Mobilisierungskraft dieses Hungerstreiks, die wir so nicht erwartet hatten.

Nach der ersten Demo eine Woche nach Beginn des Hungerstreiks solidarisierte sich eine Gruppe von katalanischen Frauen, die ihrerseits ein paar Tage später zu einer Kundgebung aufriefen, und kurz darauf fand eine rollende Musikdemo statt, an der sich verschiedene Rockgruppen und katalanische Sänger beteiligten.

Wesentlich weniger erfreulich war der Aufmarsch der Lokalpolitiker des Departements im Mobilhome. Da schon wieder Wahlen anstehen, hielten sie es für opportun, uns ihre Aufwartung zu machen. Nun, sie hatten keine Chance. Durch Erfahrung gewitzt, liessen wir sie gar nicht erst ihren Schleim verbreiten, sondern fuhren ihnen sofort hart an den Karren, worauf sie sichtlich irritiert und zunehmend entnervt abzogen, nicht ohne das Versprechen zu hinterlassen, ihr Möglichstes für uns tun zu wollen. Am 9. Februar abends um 9 Uhr ein Staatsbesuch: Die Umweltministerin Dominique Voynet erschien in Begleitung einer älteren Dame, die sie als Mediatorin präsentierte. Diese, selbst ehemalige Umweltministerin, übernahm den Auftrag, Omya und Vingrau wieder an den Tisch zu bringen. Die Unterredung mit den beiden Damen war eher frostig, wir liessen keinen Zweifel an unserer Skepsis. Und wie berechtigt diese Skepsis war, zeigte ein Interview in der Lokalzeitung am Tag der neu angesetzten Verhandlungsrunde. Ohne das Gelände überhaupt gesehen zu haben, wusste die Mediatorin zu berichten, dass Omya sehr viele Massnahmen ergriffen habe, um die dem Steinbruch ausgesetzten Weinberge zu schützen, Massnahmen zudem, die sehr viel Geld gekostet hätten. Es war eindeutig, dass sie die Logik der Multis übernommen hatte. Ein Eindruck, der sich dann am Nachmittag des 18. Februar bestätigte. Da an dieser Verhandlungsrunde aber doch mit Omya ein Baustopp bis zum nächsten Treffen (am 25.2.) vereinbart werden konnte, beschlossen die 6 Frauen, den Hungerstreik abzubrechen. Nicht, weil das Ziel erreicht wäre, aber um Kräfte zu sammeln für die Zeit nach dem 25. 2., denn niemand machte sich Illusionen, dass mit Verhandlungen jetzt noch etwas erreicht werden könnte.

Claudia

Nachtrag:

Da, wie schon erwähnt, die Verhandlungen keine nennenswerten Ergebnisse mehr brachten, entschlossen sich am 2. März etwa 50 DorfbewohnerInnen und UnterstützerInnen aus Perpignan, die weiteren Bauarbeiten zu verhindern. Nach ein paar "fliegenden Argumentationen", wurden die Bauarbeiten für diesen Tag auch unterbrochen.

Inzwischen wurde bekannt, dass die Omya in Tautavel 83 Hektaren Steinbruchgelände aufgekauft hat, wo sie seit über 30 Jahren Marmorkreide abbaut und wo seitens der Bevölkerung mit keinem Widerstand zu rechnen ist. Somit erweist sich die Arbeitsplatzargumentation als glatte Lüge... Trotzdem hält die Omya weiterhin beharrlich am Standort Vingrau fest.

Wer mehr Infos zu Vingrau möchte, dem/der senden wir gerne unentgeltlich den fetten Beitrag aus karnikl #2 zu, oder er/sie wendet sich direkt an:

Comité de défense,
Postfach 491,
8037 Zürich


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