karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

World Economic Forum - die totale Verfilzung

Davos, eine Betonstadt zwischen verschneiten Bergen, im Winter Bühne für die neuste Pelzmantel, Designer und Snöbermodeschau. Schon die Nazis schätzten Davos als ruhiges Kur, Rückzugs- und Geldwaschgebiet. In diesem Hinterland treffen sich seit 1971 die selbsternannten "global leaders" zu einem Kongress, dem World Economic Forum, kurz WEF. Ins Leben gerufen wurde das ganze Spektakel von Professor Klaus Schwab aus Genf. Die Idee war, in ungezwungener Klubatmosphäre über die Untaten der Zukunft zu diskutieren. Organisiert wird das Forum von einer Stiftung, welche einen Jahresumsatz von 42 Millionen Franken macht. 16 Millionen zahlen 1000 Mitgliedsfirmen ein, der Rest der Summe kommt von den TeilnehmerInnen des Forums. 15'000 Franken (!) kostet der Eintritt ins Mördersymposium. Diese 1000 führenden Mitgliedsfirmen werden nach zwei Kriterien ausgewählt: Erstens nach ihrer Rangposition unter den Top-Konzernen innerhalb ihres Industriezweiges und/oder Landes und zweitens, nach der weltweiten Dimension ihres Handelns.

Kontakte knüpfen und Deals vorbereiten

"Der Zweck des Forums ist, als Brückenbauer auf höchster Ebene zwischen Unternehmen und Regierungen zu dienen, um auf eine handlungsorientierte Art und Weise die ökonomischen, sozialen und politischen Schlüsselthemen auf der globalen Tagesordnung zu behandeln." (Originaltext www.weforum.org)

Die 1000 mächtigsten WirtschaftsausbeuterInnen und je 250 VertreterInnen aus Politik, Wissenschaft und Medien knüpfen hier ihre Kontakte und besprechen unter Ausschluss der Öffentlichkeit die neue Weltordnung. Das World Economic Forum ist eines der wichtigsten Anlässe seiner Art weltweit. Die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen verspricht denn auch einige Verfilzungen zwischen Politik und Wirtschaft und umgekehrt. Es werden "wichtige" Projekte besprochen und Verhandlungen geführt, Seminare zu verschiedenen Themen abgehalten (Menschenrechte war eines der Themen dieses Jahr....), WissenschaftlerInnen halten Vorträge über Ihre neusten Errungenschaften (speziell Gentechnologie), Geheimdienstleute unterhalten sich mit andern Repressionsfanatikern über schmutzige Hinterhaltstaktiken bei der Bekämpfung von Opposition (z. B. Chiapas) und so weiter und sofort. In den letzten Jahren spielte das Forum bei einigen bedeutenden internationalen Abkommen eine wichtige und zentrale Rolle. So zum Beispiel Anfang der 80er Jahre bei der Gründung der "Uruguay-Runde über Freihandel", oder beim Prozess der Liberalisierung der Finanzdienstleistungen und heute bei Beratungen zu WTO-Untaten.

"Jedes Jahr werden bedeutende Initiativen während des Jahrestreffens gegründet, die weit über den Bereich des Geschäftemachens hinausgehen." (Originaltext www.weforum.org). Zwischen den offiziellen Anlässen bleibt den 'global leaders' noch genügend Zeit um sich gegenseitig zum Diner oder zum Frühstück einzuladen und so, in gediegener Atmos- phäre, die nächsten Ausbeutungen und Unterdrückungen vorzubereiten.

WEF-Mördertreff

Da kritische Stimmen nicht gefragt sind und dadurch vollends an diesem Treffen fehlen, entschlossen sich einige DemotouristInnen, wenigstens an einem Tag einen Hauch von Opposition ins ruhige Bergland zu tragen.

Am 31. Januar 1998 fand in Davos eine Demonstration gegen das WEF und die Anwesenheit verschiedener, für viele Schweinereien verantwortlicher, Staatsmänner wie Zedillo, Frei, Demirel usw. statt. Organisiert war sie vom Aktionsbündnis "Freiheit für Patricio Ortiz", Chiapas Soli-Gruppen, von antisexistischen, antirassistischen und Anti-WTO Gruppen.

Besammlung zur Demo war an der Talstation der Parsenn-Bahnen. Cool unauffällig trafen etwa 100 UnterländerInnen am Treffpunkt ein und mischten sich unter die Skitouris und herumstreunenden KongressteilnehmerInnen oder warteten ganz einfach pro forma mässig auf den Bus. Das einzige Auffällige war vielleicht, dass während diesen paar Minuten Wartezeit an der Bushaltestelle ein oder zweimal ein Bus vorbeigefahren ist, ohne dass jemensch eingestiegen ist...

Kurz nach vier Uhr traten die Leute mit dem Transpi auf die Strasse und ausser einigen wenigen, verdutzt schauenden Skitragenden, blieben nicht mehr viele Menschen an der Talstation.

Der Demozug bewegte sich lautstark und nicht eskortiert in Richtung Kongresszentrum, welches etwa 1 Kilometer vom Besammlungsort weg liegt. Erst nach der Hälfte der Strecke konnte mensch vor sich einen Streifenwagen entdecken, der aber mehr als Wegweiser, denn als Bedrohung empfunden wurde.

Unterwegs wurden Redebeiträge in Deutsch und Englisch verlesen. Diese befassten sich vor allem mit den Problematiken in Chile (Patricio Ortiz), in Kurdistan (Krieg), in Chiapas (Überfälle auf indigene Bevölkerung durch paramilitärische Truppen) und mit der Anwesenheit von verantwortlichen Politikern dieser Länder, mit der WTO/Globalisierung und natürlich mit dem WEF. Die Presse filmte und fotografierte eifrig. Ein Journalist war besonders engagiert.

Er begleitete die Demo ziemlich von Anfang an und schrieb Sprüche von Transparenten ab. Wahrscheinlich ein Vertreter aus Chile, Mexiko oder der Türkei... Die PassantInnen und LadenbesitzerInnen, welche meistens erstaunt, manchmal auch verängstigt dreinschauten, bekamen alle ein Flugblatt in die Hand gedrückt. Wer keines wollte, kriegte dafür eine Handvoll kleine Papierstücke ins Gesicht geschmissen, die alle mit einem passenden Spruch versehen waren. Die Reaktionen waren verschieden, von Regungslosigkeit bis zu: "Ich wünsche euch allen, dass ihr für immer arbeitslos seid." Wenn der wüsste, wie gerne wir ihm auf seinem fetten Portemonnaie liegen würden und nebenbei die Revolution einfädeln, hä hä hä.

Je näher wir dem Kongress der Gurus aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft kamen, desto nervöser wurden die Freunde und Helfer der Polizei. Sie errichteten kurz vor dem schönen Betongebilde eine Sperre mit Gittern. Pfeifend und Parolen schreiend kam die Demo vorne an. Mit (zu)vielen Knallkörpern störte mensch die Ruhe der WEFler. Die Bullen liessen das lärmige Treiben unbehelligt. Sie beschränkten sich aufs Zuschauen und Fotografieren. Während der Aktion kreiste ein Armeehelikopter, mit einem am Boden des Helis angebrachten, schön glitzernden "Polizei"-Schild, über uns.

Nach diesem lauten Intermezzo drehten wir um, und der Demozug bewegte sich auf dem gleichen Weg zurück in Richtung Bahnhof Dorf. Inzwischen wuchs der Stau der Luxuskarossen, die wegen der Absperrung stecken blieben. Auch die Demo konnte einige Zugänge verzeichnen, wenn auch ungewollte. Denn auf dem Rückweg begleiteten uns einige, dumme Fragen stellende und fotografierende Uniformierte. Eine Weile lang war die Stimmung sehr gespannt.

Als ein Dutzend Grenadiere uns später noch die Hauptstrasse versperrten, damit wir auf gar keinen Fall am Viersterne-Hotel "Seehof", wo die Prominentesten der WEFler zu logieren pflegen, vorbeikommen, war die Eskalation nahe. Aber zum Glück hielten sich alle ein bisschen zurück, sowohl die Bullen wie auch die DemoteilnehmerInnen.

Durch ein Ausweichmanöver nach rechts gelangten wir auf die untere Strasse und setzten den Weg zum Bahnhof fort. Von diesem Moment an flachte die Stimmung ziemlich ab. Nur die Ungewissheit, ob die Bullen noch irgendwelche Personenkontrollen oder Verhaftungen beabsichtigt haben, lag noch in der Luft.

Aber sie zogen zum Glück ihre Deeskalationstaktik bis zum Schluss durch und beschränkten sich auch am Bahnhof aufs beobachten, ob auch alle endlich wieder ins Unterland abhauen würden. Aber eigentlich blieb ihnen angesichts der internationalen Presse auch nichts anderes übrig (von wegen gutem und humanitären Ruf der Schweiz und so). Denn eine Auseinandersetzung wäre in dieser, vor lauter Zerstörungswürdigem strotzenden üblen Betonstadt, verheerend und teuer rausgekommen und mensch hätte ja dann merken müssen, dass der vielgepriesene "Geist von Davos" nichts anderes ist als ein Schreckensgespenst.

Fazit

Es war aus meiner Sicht eine gute, lustvolle Demo, aber leider kriegten einmal mehr viel zuwenig Leute ihren Arsch hoch um ein gemeinsames ¡Ya Basta! in die Bergwelt zu schreien. Beunruhigend war, die Zusammenarbeit von Militär und Polizei zu beobachten. Zwar entsandte das Militär meines Wissens (noch) keine Truppen, aber sie stellten Helikopter und Fahrzeuge und andere Sachen zur Verfügung. Positiv zu bewerten war sicher, dass wir wieder einmal den Überraschungseffekt auf unserer Seite hatten. KeineR die/der es nicht wissen sollte hat im Vorfeld irgend etwas mitbekommen, obwohl einigermassen breit aufgerufen wurde. Auch ein 800'000-fränkiges Sicherheitskonzept hat halt so seine Löcher, mensch muss sie nur ausnützen...

Tälle


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