karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

H. P. Gansner: Die Stunde zwischen Hund und Wolf

Leicht schräger Protagonist der Geschichte ist Bohnstingl, wie sein Hund antiautoritär. Hauptschauplatz ist das fiktive Biederdorf (der Name ist Programm), die Zeit eine bewegte. Die Handlung, die erzählt wird, hat weder Anfang noch Ende, ist aus dem Leben gegriffen, politisch und lebendig wie die Hauptfigur selbst, und könnte genau so gut an einem x-beliebigen anderen Ort in der Schweiz zu selbiger Zeit passiert sein. Der Autor porträtiert mit seinem Roman die Zeit zwischen dem Militärputsch in Chile und den ersten grossen Anti-AKW-Demonstrationen, erzählt von einem bewegten Antihelden auf der Spur seiner ideologischen Vorfahren. Es ist die Zeit der Politisierung, der Studentenbewegungen, des Globuskrawalls und der sexuellen Revolution. Ein Streifzug durch zwei Jahrzehnte bewegter, linker Geschichte, der den Nerv der Zeit wohl nicht zuletzt durch die Nähe des Autors zu dieser trifft. Doch dieses lebensnahe Geschichtsbuch - einmal aus einer anderen Perspektive - vermittelt noch viel mehr: Einen grossen Teil des Buches nehmen die Nachforschungen, die Bohnstingl für seine Lizentiatsarbeit anstellt, ein. Dabei vertieft er sich in die Geschichte des Schweizer Anarchismus, wobei vom Jura bis ins Tessin reichlich Wissenswertes zum Vorschein kommt. Ebenso gibt es einen Exkurs aus der Geschichte des spanischen Bürgerkrieges und wir erfahren so quasi nebenbei, wo Durruti (der sympathische Anarchist) erschossen wurde; erleben den Zwist zwischen Anarchisten und Kommunisten hautnah.

Durch das ganze Buch zieht sich die Auseinandersetzung mit der sexuellen Revolution, wo die neugewonnene sexuelle Freiheit schon mal groteske Formen annimmt:

- Also, sagen wir - er zögerte, spürte, wie es ihm beinahe das Herz abquetschte - : Nur noch einmal pro Woche. Und wenn möglich nicht am Wochenende.
- Einverstanden, wenn du willst. Aber wirft das die sexuelle Revolution nicht um Jahre zurück?
Er schüttelte sich wie ein nasser Hund. - und wo?
- wie: und wo?
- wer, und: wo?
Er schien immer noch nicht zu verstehen. Doch dann fiel der Räppler: Am besten am gleichen Tag, ich mit Antoinette hier und du mit Willy in der WG.
- So, und warum nicht umgekehrt? Schliesslich haben wir die Wohnung zusammen gemietet.
- Aber ich habe den Mietvertrag unterschrieben.
Doch bevor er ihr versichern konnte, diese Bemerkung sei im Spass gefallen, war sie weg.
Wie würde es weitergehen? Ihre Beziehung zu Willy war eine originäre; seine zu Antoinette eine rudimentäre. Und die Panik, allein dazustehen, ohne Trostpflästerchen am Schwänzchen, ohne Schmusekätzchen für die aufgeweichten Wangen, machte ihn frieren.

Mit einem Schuss Selbstironie und erfrischend ehrlich erzählt der Autor von den ersten Gehversuchen auf egalitärem Territorium (und deren kläglichem Scheitern) und lässt den Protagonisten auch mal in weniger korrektem Licht erscheinen - etwa, als er am Küchentisch Vorträge über Patriarchat und Frauenunterdrückung hält, während die "Hauptbeziehung", die in der FBB (Frauenbefreiungsbewegung) aktiv ist, ihn bedient...

Da wird die sexuelle Freizügigkeit notorisch ausgelebt und verteidigt - und ein erbarmungsloser Kampf um gleiche Rechte geführt. Und bruchgelandet, ab und zu:

Panik, und die Panik liess ihn sich in Antoinette verkrallen, die, dadurch erschreckt, zusammenzuckte, sich in jeder Hinsicht verkrampfte und auf Distanz ging; keine klug vorprogrammierten Streicheleinheiten mehr, die man - allzeit bereit - sich per Telephon aus der befreundeten WG bestellen konnte, völliger Zusammenbruch der sexuellen und emotionalen Organisation eines Männchens, das noch nie Not gelitten, wenn nicht jene der Qual der Wahl, Entropie von den Fussohlen bis in die Achselhöhlen, (...)

Das Ereignis, um welches die Geschichte verwoben ist - die Tötung Metzgermeister Habers - können wir mit fortschreitender Lektüre zwar immer besser nachkonstruieren, wird aber nicht explizit beschrieben. Die Handlung hört knapp davor auf und setzt erst nach dem eigentlichen Knotenpunkt, dem wir während der Lektüre des Buches entgegenfiebern und von dem wir endlich Klärung erhoffen, ein. Häppchenweise werden da Hinweise gestreut, die eine Auflösung im Endeffekt überflüssig machen. Dort angelangt, nimmt es dann auch nicht mehr all zu sehr Wunder, was sich genau zugetragen hat in jener Nacht. Viel interessanter ist sowieso das Drumherum: Durch die Augen des Protagonisten wird die Aufbruchstimmung in den 60er und 80er Jahren emotional ebenso greifbar wie die leidenschaftlich geführten Auseinandersetzungen im Zeichen der neuen sexuellen Freizügigkeit. Statt rational strukturiert, erzählt Gansner auf eine assoziativ-lustvolle Weise, die sowohl zum damaligen Zeitgeist, als auch zur Charaktere des Protagonisten ausgezeichnet passt. Das Buch hat keinen chronologischen Ablauf, was zu Beginn wohl etwas merkwürdig anmutet: Die mehrmals geteilte Geschichte ist ihrerseits in Kapitel unterteilt, welche sich parallel zueinander entwickeln. Es wird vorgefasst, zurück- und durcheinandergegriffen, politische Ausflüge in die Vergangenheit folgen auf bewegte Auseinandersetzungen in der Zeit des Aufbruchs, und gewürzt ist das Ganze mit den philosophischen Ausschweifungen eines authentisch gezeichneten Hundes, der zum Wolf wird...

Wem die vielen unbekannten Fremdwörter (welche ich zumindest gleich dutzendweise vorfinde) nichts ausmachen und wer anspruchsvolle Literatur mit Unterhaltungswert mag, wird dieses Buch unter Umständen fasziniert-sehnsüchtig in einem Zug verschlingen - oder zur Auseinandersetzung mit den diversen angeschnittenen Themen angestiftet werden. Das Werk (welches auf dem Cover gar als "breit angelegten Epos" bezeichnet wird) ist Teil einer Trilogie. In Bälde soll nun auch der zweite Teil im Buchhandel erhältlich sein.

Irene

H. P. Gansner: 'Die Stunde zwischen Hund und Wolf', erschienen beim Ammann Verlag, Zürich


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