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Interview mit Antifas aus Zürich

Am 19. Dezember fand im Zürcher Niederdorf erneut ein antifaschistischer Abendspaziergang mit rund 120 Teilnehmerlnnen statt. Es war der fünfte dieser Art. Die Demo war lautstark und verlief ohne Ausschreitungen. Nach der Auflösung beim Hauptbahnhof kam es zu einer kleineren Schlägerei zwischen Demonstrantlnnen und Neonazis - laut Polizeicommuniqué "Passanten"-, worauf Polizisten und Bahnhofsbullen sehr massiv einschritten, und es mit diesen ebenfalls zu einem Handgemenge kam. Fünf Personen wurden festgenommen (darunter natürlich keine ,,Passanten"), wobei mehrere Verhaftete verletzt wurden. Die ganze Polizeiaktion lief unter Applaus und anfeuernden ,,Sieg Heil"-Rufen von 20 inzwischen herbeigeeilten Neonazis, die von der Polizei unbehelligt auftreten und weiterziehen konnten! Zwei unabhängige Antifas, wir nennen sie hier mal Heidi und Vreni, die den Abendspaziergang mitorganisiert haben, stehen im folgenden Interview Rede und Antwort, nehmen Stellung zur aktuellen Lage in Zürich und sprechen über ihre Beweggründe, einmal mehr auf die Strasse zu gehen.

Am 19. Dezember gab es erneut einen Abendspaziergang. Was waren die Gründe dafür?

Heidi: Der Grund für einen erneuten Abendspaziergang ist die Tatsache, dass in den letzten drei Monaten die Aktivitäten von Neonazis in Zürich wieder zugenommen haben und es zu mehreren Übergriffen gegen Punks, ausländische und behinderte Menschen kam. Seit neuestem treffen sich viele jüngere Neonazis und rechte Hools im Restaurant "Fédéral" in der Bahnhofshalle, von wo aus es zu Angriffen auf missliebige Personen kommt.

Vreni: Vom "Fédéral" aus kam es häufig zu gewalttätigen Aktionen gegen Punks und andere. In einem Fall wurde in der Bahnhofshalle eine regelrechte Hetzjagd auf einen Schwarzen veranstaltet. Obwohl der Geschäftsführer des "Fédérals" von den Aktivitäten eines Teils seiner Gäste weiss und auch schon mehrmals darüber informiert wurde, hat dieser nach eigenen Angaben keine Probleme damit, dass sein Restaurant als Treffpunkt für Neonazis dient. Weiter war uns wichtig, mit dem Abendspaziergang den Neonazis klar zu machen, dass wir ihrem Treiben nicht tatenlos zusehen werden. Wir wollten nicht darauf warten, bis es wieder Schwerverletzte gibt, oder bis es zu grossen Aufmärschen kommt, wie dies beispielsweise am 5. April dieses Jahres im Niederdorf geschehen ist.

Heidi: Ebenso sind im Niederdorf immer wieder kleinere oder grössere Gruppen von Neonazis unterwegs. Zwar werden sie seit dem letzten Abendspaziergang vom 19. April in den meisten Kneipen nicht mehr gerne gesehen und laufen in ziviler Montur (z. B. ohne rechtsextreme Aufnäher) rum, trotzdem ist das Niederdorf weiterhin ein beliebter Treffpunkt und sie werden in gewissen Kneipen wie in der Gräbli-Bar, dem Johanniter und der Pumpi-Bar weiterhin toleriert.

Was wolltet ihr mit diesem antifaschistischen Abendspaziergang erreichen?

Heidi: In erster Linie ging es uns darum, die Übergriffe der letzten Zeit und die Rolle des Restaurants "Fédéral" dabei publik zu machen. Aber auch den Neonazis aufzuzeigen, dass wir ihnen die Strasse nicht kampflos überlassen, und dass Zürich weiterhin kein Tummelplatz für sie ist, wo sie sich ungestört treffen können.

Vreni: Ein weiterer, wichtiger Aspekt war für uns, den Leuten Mut zu machen und ihnen aufzuzeigen, dass es möglich ist, sich zu wehren und z. B. bei rassistischen Äusserungen verbal einzugreifen. Es löst bei Neonazis schon ziemliche Verunsicherung aus, wenn vielleicht mal ein Krawattenträger ihnen über den Mund fährt.

Ihr habt für den Abendspaziergang diesmal nicht offen mobilisiert. Wieso nicht?

Heidi: Seit der Demo vom 1. Mai dieses Jahres gibt es in Zürich eine neue, repressive Polizeitaktik. Öffentlich angekündigte, unbewilligte Demonstrationen werden schon im Vorfeld unterbunden und aufgelöst. Bei den letzten unbewilligten Demos sind sehr viele Leute verhaftet worden. In den Verhören wurde seitens der Polizei vor allem auf jüngere, unerfahrene Demoteilnehmerlnnen ein starker Druck ausgeübt. Die Polizei versucht, die Leute einzuschüchtern, was ihnen teilweise auch gelingt. Wir hatten daher die Einschätzung, dass, bei einer offenen Mobilisierung, der Abendspaziergang verhindert worden wäre.

Vreni: Uns war es sehr wichtig, nach längerer Pause wieder einmal eine unbewilligte, lautstarke Demo in Zürich durchzuführen. Viele Leute haben momentan null Bock auf Demos, und es ist eine grosse Ohnmacht zu bemerken. Wir wollten eine Kundgebung machen, die den Leuten Mut macht und Power gibt ,und die nicht mit Verhaftungen enden sollte. Leider ist uns dies aber einmal mehr nicht gelungen, was ziemlich frustrierend ist.

Wieso ist die neue Polizeitaktik so erfolgreich?

Vreni: Der Hauptgrund, dass die neue Polizeitaktik so wirksam ist, ist die momentane Schwäche der autonomen Szene. Es gelingt uns zur Zeit nicht, viele Leute zu mobilisieren und ein erfolgreiches Rezept gegen die Polizeitaktik zu finden. Für diese Schwäche sind sicher einerseits fehlende Perspektiven und eine gewisse eigene Unklarheit darüber, was wir überhaupt wollen, mitverantwortlich. Andererseits wäre es dringend an der Zeit, mehr Phantasie & Kreativität zu entwickeln. Ich glaube halt schon, dass es weiterhin möglich ist, unbewilligte Aktionen & Demos zu machen. Mir ist es wichtig, dass wir neue, kreative Formen des Widerstandes und Protestes entwickeln.

Heidi: Ich persönlich bin auch der Meinung, dass es eine Fehleinschätzung war, häufig die "militärische" Konfrontation mit der Polizei zu suchen und sich auf ein Kräftemessen mit ihnen einzulassen.

Wie reagieren Öffentlichkeit und Medien auf die Abendspaziergänge?

Vreni: Je nach Abendspaziergang sehr verschieden. In den bürgerlichen Medien wird versucht, die Abendspaziergänge als Bandenkrieg zwischen links und rechts darzustellen und so auf diese Weise zu entpolitisieren. (Zu diesem Zeitpunkt des Interviews nehmen zwei nette, uniformierte Polizisten am Nachbartisch Platz.... Dank unserem entschlossenen Tischwechseln gelingt es uns, das Interview ohne Verluste weiterzuführen...). Wenn es zu Ausschreitungen und Sachbeschädigungen kommt, wird natürlich in den Medien sehr gross darüber berichtet. Wenn es aber eine friedliche Kundgebung war, gibt es vielleicht mal eine Kurzmeldung. Den Medien geht es in erster Linie nur um Schlagzeilen und um die Steigerung ihrer Auflage. Sie sind nicht an unseren politischen Inhalten interessiert, und sie informieren sehr verzerrt. Daher finde ich es sehr wichtig, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, Flugblätter zu machen und zu verteilen etc.

Heidi: Die Berichterstattung in den Medien ist oft sehr einseitig. So werden beispielsweise Angriffe von Neonazis nicht veröffentlicht oder heruntergespielt. Teilweise gibt die Polizei Informationen über gewisse Vorfälle nicht an die Medien weiter, es sei denn, es gibt grosse Aufmärsche oder schwere Übergriffe, die sich nicht mehr einfach so unter dem Deckel halten lassen.

Vreni: Durchaus positiv reagieren die Menschen direkt auf der Strasse, und es gibt teilweise sogar spontanen Applaus. Ich denke, es ist schon ein gewisses Verständnis vorhanden für unsere Beweggründe auf die Strasse zu gehen.

Schreckt die Vermummung und das militante Auftreten nicht viele Leute ab?

Heidi: Kommt ganz auf die Stimmung während der Demo an. Wie aggressiv sich z. B. Demoteilnehmerlnnen verhalten. Wir versuchen den Passantlnnen halt schon zu vermitteln, dass wir uns aus Stunk vermummen, um uns z. B. vor unmittelbaren Racheakten der Neonazis zu schützen. Natürlich stören sich einige Leute daran, und einige verstehen es überhaupt nicht. Ich gebe zu, dass die Vermummung und der schwarze Block keine ideale Lösungen sind.

Vreni: Ein weiterer Aspekt ist, dass ein militantes, entschlossenes Auftreten die Neonazis davor abschrecken kann, die Demo anzugreifen. Durch unsere Vermummung und den schwarzen Block wird bewusst ein bedrohliches Bild vermittelt. Es ist aber nicht unser Ziel, normale Menschen einzuschüchtern und ich glaube, das kommt meistens auch so rüber. Wir haben schon untereinander darüber diskutiert, unsere Gesichter z. B. mit Clownmasken zu verhüllen. Das Problem und die Gefahr dabei ist, dass die Neonazis wahrscheinlich den Respekt verlieren und die Demo angreifen. Etwas mehr Selbstironie konnte aber sicher nicht schaden.

Gab es Übergriffe auf linke Strukturen und auf Leute aus dem autonomen Umfeld?

Heidi: Eher weniger. Ich denke, die Ebene von gezielten, organisierten Angriffen wurde bisher noch nicht erreicht. Sicher gibt es einige Orte, bei denen die Neonazis das Gefühl haben, das seien "linke" Szenenkneipen. Dort tauchen sie dann schon mal auf, um Stunk zu machen. Zu wirklich massiven Angriffen ist es aber bisher zum Glück nicht gekommen, aber gewisse Orte und Kneipen sind jedoch schon gefährdet.

Vreni: Was aber leider immer wieder vorkommt, sind spontane Angriffe der Neonazis auf Leute, die als "Linke" erkannt werden oder von ihnen für solche gehalten werden. Weil den Neonazis unsere Gesichter und Namen nicht bekannt sind, ist auf jeden Fall eine gewisse Sicherheit gewahrt. Vorwiegend bedroht werden in Zürich Personen, die im öffentlichen Leben stehen. Das sind vielfach jüdische Persönlichkeiten, Anwältlnnen, Journalistlnnen. Menschen die sich öffentlich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit engagieren.

Heidi: Natürlich werden gleichermassen auch andere Menschen attackiert. Vor allem halt Leute, bei denen die Neonazis mit keinen unmittelbaren Konsequenzen rechnen. Es kommt aber ab und zu vor, dass sie trotzdem an die falschen geraten. So hatten die Neonazis in letzter Zeit auch zünftig Zoff mit albanischen Leuten oder mit Hip Hoppern, nachdem sie Personen aus deren Umfeld verprügelt hatten. Erfreulicherweise verlief in beiden Fällen die Sache zu Ungunsten der Neonazis.

Ein Abendspaziergang ist ja eine Reaktion auf Geschehnisse. Hinkt ihr dadurch den Neonazis nicht dauernd einen Schritt hinten nach? Engagiert ihr euch noch auf anderen Ebenen gegen Rechtsextremismus?

Vreni: Ja, das mit dem "Schritt hinten nach" stimmt schon und ist mit Gewissheit ein Problem. Andererseits gibt es auch so etwas wie eine Arbeitsteilung. Ich sehe es halt mehr so, dass es Leute gibt, die z. B. Recherche-Arbeit machen und Leute wie wir, die halt mehr praktische Antifa-Arbeit machen.

Heidi: Dadurch, dass es Neonazis gibt, sind wir eigentlich immer einen Schritt hinten nach und wir kommen meistens tatsächlich nicht übers Reagieren hinaus. Der letzte Abendspaziergang vom 19. Dezember war hingegen nicht unbedingt eine Reaktion auf ein konkretes Ereignis, sondern hatte einen eher präventiven Charakter.

Vreni: Sicher konnten wir vermehrt Info-Veranstaltungen organisieren, Öffentlichkeitsarbeit und Jugendarbeit machen, um nur einige Bereiche zu nennen. Ehrlich gesagt, ist dafür einfach zu wenig Kapazität vorhanden. Wir sind halt beide noch in anderen Projekten tätig, die für uns ebenfalls sehr wichtig sind, und wer sich gegen Rassismus engagiert, muss auf vielen Ebenen tätig sein. Das gesellschaftliche Klima ist derzeit sehr repressiv. Ich denke hier nur an den ganzen Staatsrassismus und die Ausschaffungsknäste.

Welchen Einfluss haben die Hammerskins oder die NIS (Nationale Initiative Schweiz) auf die Zürcher Neonazi-Szene?

Heidi: Vor allem die NIS ist in Zürich präsent und nimmt schon eine gewisse Führungsrolle in der Szene ein. Der Grossteil der Zürcher Neonazis würde ich schon dem Umfeld der NIS zurechnen. Auf jeden Fall haben sie eine gewisse Organisationsstruktur, ob sie nun einer festen Gruppe angehören oder nicht.

Vreni: Inwieweit die Hammerskins in Zürich aktiv sind, ist schwierig zu beantworten. Es tauchen aber regelmässig Glatzköpfe mit Abzeichen/Aufnähern der Hammerskins auf. Hinzu kommt, dass es zwischen den Hammerskins und der NIS personelle Überschneidungen gibt.

Wie sieht es mit der Durchmischung der Szenen aus? Dass beispielsweise Punks in die rechtsextreme Szene abwandern?

Heidi: Das ist in Zürich tatsächlich ein Problem. Genau aus diesem Grund wurden viele Punks erst gar nicht, oder erst sehr spät über den geplanten Abendspaziergang informiert, weil zu befürchten war, dass durch den regen Informationsfluss zwischen den beiden Szenen, die Neonazis im voraus vom Abendspaziergang etwas mitbekommen.

Vreni: Es ist schon eine komische Situation. Manchmal prügeln sich einige Punks mit den Neonazis, um später zusammen ein Bier zu trinken. Ich finde es bedenklich, das z. B. die beiden stadtbekannten Nazi-Schläger Nino Rüegg und Daniel Humm beide früher mal Punks waren und an Orten wie z. B. der Wohlgroth verkehrten.

Wie erklärt ihr euch diese Durchmischung und den "Szenenwechsel"?

Vreni: Habe ich mich auch schon gefragt. Ich denke, ein Grund dafür könnte sein, dass die autonome Szene nicht gerade offen ist für junge Leute und auf viele abschreckend und lustfeindlich wirkt. Es herrscht ein ständiger Bestätigungsdruck. Viele Vorwürfe, die manchmal von jüngeren Leuten an unsere Adresse kommen, sind sicher berechtigt.

Heidi: Ausserdem gibt es gewisse Gemeinsamkeiten zwischen den Punks und den Skinheads, wie z. B. ähnliche Musik, gemeinsame Treffpunkte, Alkohol etc. Viele kennen sich von früher, aus der Schule oder aus der Lehrzeit. Viele Punks geben sich unterdessen auch unpolitisch, um so Konfrontationen mit den Neonazis zu vermeiden und weil sie einfach Angst haben, ständig auf die Fresse zu bekommen.

Welche Rolle hat die rechtspopulistische Zürcher SVP und die JSVP?

Heidi: Blocher ist für viele Neonazis ein Vorbild, was eigentlich schon für sich alleine spricht. So wurde im "Morgenstern", der Zeitschrift der NIS, das Schweigen Blochers auf die Frage anlässlich einer SVP-Veranstaltung, ob er sich von Neonazis distanziere, als Sympathiebekundung gewertet. Die SVP ist in Zürich sehr stark. Gerade neulich hat sie innerhalb von drei Tagen die für ein Referendum benötigten 8'000 Unterschriften gegen ein Integrationsprojekt für albanische Jugendliche gesammelt.

Vreni: Die SVP schürt das politische Klima durch ihre Hetze gegen ausländische Menschen und legitimiert dadurch rassistische Übergriffe. Sehr wohl gibt es, auch wenn dies immer wieder abgestritten wird, sehr rege Kontakte zwischen der JSVP und Neonazis. So wurde Mauro Tuena, der Präsident der Jungen SVP Zürich, schon mit bekannten Nazi-Schlägern gesehen (es gibt davon sogar Fotos). Ein weiterer Typ der JSVP, der ständig mit Mauro Tuena unterwegs ist, wurde schon mehrfach mit Neonazis gesehen. Zuletzt fiel er vor ein paar Wochen auf, als sich Naziskins um Mitternacht im Niederdorf sammelten, um die Verurteilungen von Nino Rüegg und Daniel Humm zu rächen.

Habt ihr noch Ergänzungen?

Heidi & Vreni: Mir ist sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass sich unsere Aktionen und Parolen klar von denjenigen der Neonazis unterscheiden sollten. Es geht nicht an, dass wir uns auf die gleiche Ebene wie sie begeben. Dass sich beispielsweise 10 Leute auf einen einzelnen von ihnen stürzen oder Hetzjagden veranstaltet werden. Schlussendlich sollten wir nicht vergessen, dass wir Menschen sind.


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