karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Arbeitszeit in der Zeit

Als die Arbeit die Natur als Haupternährungsfaktor abgelöst hatte, trachtete der Mensch danach, die Arbeit zu erleichtern und zu verkürzen. Arbeit war etwas schlechtes, wurde mit Mühsal und Leid gleichgesetzt. Noch im Mittelalter waren diese Wörter Synonyme. Während es hell war, musste gearbeitet werden, sei es um des Hungers willen, oder weil Frondienste geleistet werden mussten, schlimmstenfalls war Kriegsdienst angesagt. Kurz, das Leben war Arbeit, Arbeit war Scheisse und die Kirche verbot den Freitod. Deshalb war es der grösste Traum der Menschheit, Dämonen oder Maschinen mit der mühseligen Arbeit beauftragen zu können. Mit der Industrialisierung wurden dazu mächtige Werkzeuge geschaffen, wie die Nutzungsmöglichkeit von Dampf- und Atomkraft. Doch diese sind immer an die Hände derer gebunden, die sie führen und die Köpfe derer, die sie besitzen (letztere taugen meistens wenig). So wurden die Werkzeuge zur Arbeitserleichterung von ihren BesitzerInnen dazu missbraucht, den eigenen Besitz zu vermehren. Die Arbeit verlor ihren Sinn als Existenzgrundlage und dient nun der Vermehrung von Kapital und damit dem Einsatz neuer Werkzeuge. In den neuen technologischen Fortschritten wurden fortan nur noch Produktionssteigerungen gesehen, anstelle der ursprünglichen Arbeitserleichterung. Dies hatte nicht nur Auswirkungen auf die WerkzeugbesitzerInnen, die es sich gutgehen lassen und tatsächlich nicht mehr arbeiten müssen, sondern vor allem auf die WerkzeugbenutzerInnen, also die ArbeiterInnen. Auch für sie wurde aus dem Lebensziel. möglichst wenig zu arbeiten, das Ziel, möglichst viel Geld zu verdienen, da man /frau allgemein glaubte, dass Geld gleich Wohlstand ist. Deshalb auch die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Sie schliesst den Menschen in unserem System weitgehend von der Gesellschaft aus, weil die Einstellung "Lebensrecht in Form von Geld gegen Arbeit" im westlichen Denken sehr tief verwurzelt ist (Sie stammt wahrscheinlich aus der protestantischen Ethik und geht auf Zwingli und Calvin zurück).

Wir wollen Arbeitslose!

Diese Einstellung gilt es zu brechen. Warum sollen Arbeitslose auf Waren, Dienstleistungen usw. verzichten, wenn sie auch ohne ihre Arbeit vorhanden sind. Die Industrieproduktion ist eine gewaltige Überproduktion. Der Aufwand der nur schon an Werbung betrieben wird, zeigt uns, wie weit die Verbreitung von manipulierten Bedürfnissen sein muss. Diese müssten nicht sein, und somit auch ein grosser Teil der Industrie- und Dienstleistungsarbeit. Gewisse Industrie und Dienstleistungszweige gehörten sowieso verboten, weil sie der Umwelt oder der Gesellschaft in hohem Masse schaden (Wie z. B. Tamagotchi- oder Autofabriken). Den Menschen bliebe dann viel mehr Zeit für Selbstverwirklichung und Kreativität. Mensch hätte wieder Zeit für die Kinder, die Kranken und die Alten, es würden viele kleinere Arbeiten selbst verrichtet und auch für Bildung wäre bei Bedarf genug Zeit. Dies aber hatte wiederum zur Folge, dass mensch viele Arbeitsplätze im Pflege- und Erziehungssektor nicht mehr brauchen würde und so die Sozialkosten extrem sinken würden. Es entsteht eine Gesellschaft, in der die Mitglieder 2-3 Stunden täglich der Arbeit frönen müssten, ansonsten aber Zeit hätten, ihr soziales Netz zu pflegen und sich selbst zu verwirklichen.

Was müssen wir tun, damit es soweit kommt, schreit ihr wohl jetzt ins karnikl hinein. Ganz einfach: Die Idee der Lohnarbeit muss begraben werden (lieber tot als lebendig). Wenn nicht mehr genug Arbeit für alle da ist, darf sie nicht als Existenzgrundlage angesehen werden.

Nicht "Kampf um jeden Arbeitsplatz" muss die Forderung lauten, wenn z. B. die Autoindustrie wieder einmal rationalisiert, sondern "Ermöglichung der Teilnahme am öffentlichen und kulturellen Leben der Gesellschaft wie bisher". Aber offensiv, etwa so: "Gut, dass dieses Werk seine Produktion endlich reduziert. Gut, dass diese überflüssige Arbeit entfällt. Dann könnt ihr jetzt mit anderen die notwendige Arbeit teilen, braucht alle weniger zu arbeiten, und habt endlich die Zeit und v. a. die Kraft, euch gesellschaftlich zu engagieren. (...) Wenn euch aber das Teilen der Arbeit verwehrt wird, ist es überhaupt nicht einzusehen, dass ihr keinen Zugang zum Kino, Theater, Sporteinrichtungen usw. habt. Dann sollen die doch zahlen, die euch das verwehren. Ob ihr arbeitet oder nicht, die Waren, Sporthallen, Theatergebäude und Strassenbahnen sind doch vorhanden und funktionieren".

aus: Arranca! x.x.

Vinz

Literaturhinweis:

Zu diesem Thema gibt es von Hans Ruh ein empfehlenswertes Buch mit dem Titel: Anders aber besser; die Arbeit neu erfinden - für eine solidarische und überlebensfähige Welt, Verlag im Waldgut. Hier werden diverse Problemkreise um die Arbeit angeschnitten. Was das Buch aber zu einem Muss macht, sind die Lösungsvorschläge, die uns Prof. Ruh nie schuldig bleibt, sowie die sehr gute Verständlichkeit. Eines der besten Bücher seit Gutenberg.


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