karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Gedanken und Wut zur Abtreibungsdebatte in der Schweiz

Der folgende Text ist der Okt./Nov. Nummer des UTOPIA, ein zweimonatliches Politheft aus dem Raum Luzern, entnommen. Obwohl der Text schon einmal publiziert wurde (unter dem Originaltitel "Von leichtfertigen Frauen und tugendhaften Männern"), finden wir, dass er es verdient, in überarbeiteter Form noch einmal veröffentlicht zu werden. Er stammt ausserdem von einem Redaktionsmitglied des karnikls und hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst, zumal über die parlamentarische Initiative, welche dieses Jahr anerkannt wurde, noch nicht entschieden wurde. Einige Parteien, bzw. diverse männliche Fraktionen, zeigen sich weiterhin uneinsichtig und denken nicht im entferntesten daran, den Frauen die längst fällige und nicht mehr als gerechte Selbstbestimmung in diesem Bereich zuzubilligen.

Kleiner geschichtlicher Exkurs

Mit der Verbreitung des Christentums verschärfte sich die Strafverfolgung des Schwangerschaftsabbruchs. Zu gewissen Zeiten wurde er sogar mit der Todesstrafe geahndet. Doch das Töten von ungeborenem Leben war schon vorher in manchen Kulturen verboten und teilweise mit harten Strafen belegt. Das hatte seine Gründe, die weniger einer lebensschützenden Moral entsprangen, sondern vielmehr der uralten Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Die Geburtenkontrolle wurde schon seit jeher als Instrument von Machterhaltung und Bevölkerungspolitik eingesetzt. Je nach konjunktureller, gesellschaftlicher und politischer Entwicklung wurde die Gebärfähigkeit der Frauen anders reglementiert oder die schon bestehenden Regelungen anders gehandhabt. So erstaunt es nicht, dass sich die strafrechtliche Verfolgung des Schwangerschaftsabbruches besonders in Zeiten des Krieges und kurz davor besonders verschärfte. In der Schweiz ist die Abtreibung während des zweiten Weltkrieges unter Strafe gestellt worden. In Deutschland, wo sie schon um 1871 verboten worden war, wurde ab 1943 für Schwangerschaftsabbruch (aufgrund "fortgesetzter Beeinträchtigung der Lebenskraft des deutschen Volkes") die Todesstrafe verhängt (...um 1945 wieder aufgehoben zu werden!). Wenn es bevölkerungspolitisch als Notwendigkeit angesehen wurde, die Geburtenrate zu steigern, waren die passenden Argumente schnell zur Hand: Von Moral und Ethik wurde da gesprochen, von der Tötung der Leibesfrucht als schlimmes Vergehen und gar von Kindesmord war die Rede. Während der Nazizeit wurde deutlich, was seit der Existenz von organisierten Gesellschaften die Regel war: Die Fruchtbarkeit der Frau gehört ihr nicht, und das Recht - und nicht selten auch die Fähigkeit - selbst darüber zu bestimmen, wird ihr abgesprochen. Die Gebärfähigkeit ist einzig und allein in den Dienst der Gesellschaft zu stellen und hat sich nach den Interessen der gerade Machthabenden zu richten. Obwohl dieses Ziel heute natürlich viel subtiler verfolgt wird, hat es sich nicht geändert. Sowohl die breit abgestützten Kampagnen der Frauenbewegung in den 70er Jahren, wie auch verschiedene Vorstösse auf parlamentarischer Ebene, führten zu keiner Liberalisierung des aus dem Jahre 1942 stammenden geltenden (Un-)Rechts.

Die rechtliche Situation heute

Seit 1942 ist das Abtreibungsverbot also im Strafgesetzbuch verankert. Ausnahmen bilden lediglich medizinische1 und eugenische2 Indikationen. Die Handhabung dieses Gesetzes ist jedoch von Kanton zu Kanton verschieden. Während es in den Kantonen Zürich, Bern, Neuenburg, Genf, Waadt, Tessin, Baselstadt und Aargau möglich ist, auch erweiterte medizinische Indikationen geltend zu machen (also in manchen Fällen auch psychische und soziale Gründe), sind in den Kantonen Appenzell, Glarus, Luzern, Schwyz, Unterwalden Uri, Wallis und Zug (legale) Abtreibungen äusserst selten. Diese Unterschiede in der Auslegung des Gesetzes führt zu einem interkantonalen Abtreibungstourismus - die geltende Gesetzesgrundlage selbst scheitert also schon an der Praxis. Darüber hinaus ist sie nicht zeitgemäss und menschlich gesehen fragwürdig, bedeutet sie doch für die betroffene Frau einen Hürdenlauf durch die Instanzen, bei dem sie der Willkür der Ärzte und Ärztinnen ausgeliefert ist, die nicht selten gegen den Willen der Frau entscheiden.

Zur aktuellen Debatte

Seit die parlamentarische Initiative der SP im Frühling dieses Jahres als solche anerkannt wurde, ist das Thema also wieder in aller Munde. Christliche, (rechts-)konservative und new-age-bewegte Kreise reden von Ethik und Moral, von Lebensschutz und sogar vom "Schutz für die Frau, in dieser schwierigen Situation"3(!). Angesichts der Tatsache, dass die Ethik bei Fragen wie die der Kriegsmaterialausfuhr, Gentechnologie oder sozialer Gerechtigkeit keine Rolle mehr zu spielen scheint, können solche Argumentationen getrost als fadenscheinig entlarvt werden. Doch selbst die CVP hat geringfügige Zugeständnisse an das Selbstbestimmungsrecht der Frauen gemacht (die zwar eigentlich fast nicht der Rede wert sind und die altbekannte christlich-patriarchale Tradition weiterführen), was viel Unmut im konservativen Teil der WählerInnen hervorrief. Markanterweise sind aber die härtesten Verfechter des Abtreibungsverbotes (neben der CVP, die aus wahltaktischen Gründen immer auf einen gewissen "Schutz" bestehen wird) auf parlamentarischer Ebene vorwiegend rechtskonservative und oft auch wirtschaftsorientierte, neoliberale Politiker (das -Innen kann ich mir in diesem Fall wohl sparen), die dem Begriff Ethik in anderen Bereichen offensichtlich nichts abgewinnen können.

Beim Schwangerschaftsabbruch geht es aber viel weniger um die Frage einer solch willkürlich ausgelegten, frauenfeindlichen Pseudoethik, als viel mehr um die der Selbstbestimmung der Frauen. Keine andere Menschengruppe wird in der Schweiz aufgrund bestimmter biologischer Voraussetzungen (ausgenommen genetische Defekte und Geburtsfehler) gesetzlich bevormundet. In einer individualistischen, sogenannt freien Gesellschaft wie dieser, wird niemenschem vorgeschrieben, wie sie oder er sich zu verhalten habe, sofern keine Drittperson darunter zu leiden hat. Frauen scheinen da eine Ausnahme zu sein. Indem das ungeborene Kind zum eigenständigen Individuum erhoben wird, redet mensch einen Interessenkonflikt herbei, bei dem sich der Staat auf die Seite des Ungeborenen stellt und sein Interesse, zu leben, vertritt. Das ungeborene Kind wird also so quasi zur "Drittperson" erhoben, der durch einen Abbruch Schaden zugefügt wird, was ein Verbot scheinbar rechtfertigt. Wie nun aber die Interessen eines ungeborenen Kindes höher als die seiner Mutter eingeschätzt werden können, und der Frau in der Folge jegliche verantwortungsbewusste Handlungsfähigkeit abgesprochen werden kann, ist mir gerade unter dem "ethischen" Gesichtspunkt absolut schleierhaft. Mit Hilfe dieses Wertesystems, welches bislang hauptsächlich in religiösen Kulturen von Bedeutung war, wird der Frau das Recht auf Selbstbestimmung entzogen und die Einmischung des Staates in einen sehr intimen, privaten Bereich legitimiert. Diese relativ junge Erscheinung von Pseudoethik ist kennzeichnend für eine Zeit, in der die digitale Autobahn Informationen in Sekundenbruchteilen von A nach B befördert, wo jeder Mensch in westlichen Breiten theoretisch freien Zugang zu Informationen aller Art hat, wo die Werte schneller zerfallen, als sie gekommen sind und wo soziale Gerechtigkeit und reale Menschlichkeit im emotionalisierten Sumpf des New Age und der esoterischen Gefühlsduselei versinken. Da reicht es nicht mehr, nur zu verbieten. Da müssen Ideologien her - so unglaubwürdig oder frauenfeindlich sie auch sind. Dieser ethische Vorwand dient dazu, die menschliche Fortpflanzung weiterhin der Kontrolle des Staates zu unterwerfen, welcher vorwiegend von Männern und traditionell männlichen Werthaltungen geprägt wurde und wird. Auf dass die Ressource Mensch und seine Arbeitskraft optimal be- und ausgenützt, verwertet, verwaltet und verkalkuliert werden kann. Optimierung der Produktionsmittel, würde mann dies im Wirtschaftsjargon vermutlich nennen. Die effektiven gesellschaftlichen Auswirkungen einer solchen Gebärpolitik indes sind alles andere als ethisch vertretbar: Mittels staatlicher Geburtenkontrolle kann ein wichtiger Teil der Herrschaft von Männern über Frauen aufrecht erhalten werden. Der Respekt vor der körperlichen Integrität, wobei die Selbstbestimmung über die eigene Fruchtbarkeit eine wichtige Rolle spielt, ist für die Gleichheit zwischen den Geschlechtern unabdingbar. Werden die Interessen des ungeborenen Kindes gegen die Interessen der Mutter verteidigt, verliert diese darüber hinaus auch noch die Selbstbestimmung über die Gestaltung ihres zukünftigen Lebens.

In diesem Sinne: Mein Bauch gehört mir - 4000 Jahre Fremdbestimmung sind genug!

1 medizinische Indikation: Durch das Austragen der Schwangerschaft werden negative gesundheitliche Konsequenzen für die Mutter befürchtet

2 eugenische Indikation: Es müssen Missbildungen des Kindes angenommen werden

3 die "mit all den körperlichen und seelischen Qualen im Zusammenhang mit dem Eingriff ohnehin schon genug bestraft" sei... so gehört aus dem Munde von Bruno Frick, CVP-Ständerat. Abgesehen davon, dass die Situation erst durch das Verbot und die damit zusammenhängende herbeigeredete Traumatisierung des Eingriffs richtig schwierig wird: Wer bitte schön, Herr Frick, hat die Frauen all die Jahre vor der Bevormundung und Unterdrückung durch die Männer geschützt?

Quellen:
-Geschichte der Abtreibung von Robert Jütte, Verlag C. H. Beck München
-Vorsicht "Lebensschützer", Konkret Literatur Verlag
-Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz, hrsg. von der SGRA


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