karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Am Rande der Gesellschaft

Vielfach wird über die Drogenproblematik diskutiert, ohne dass die Betroffenen selber zu Wort kommen. Uns - von der karnikl-Redaktion - war und ist es wichtig, den betroffenen Menschen eine Stimme und Plattforum zu geben, die sonst nicht ernst- und wahrgenommen werden . Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, folgendes Interview mit Norbert* zu machen. Norbert* ist 34 Jahre alt und in ländlicher Region aufgewachsen. Er spritzt seit über 15 Jahren mit kürzeren und längeren Unterbrüchen harte Drogen und nimmt in diesem Interview aus seiner Sicht zum sogenannten Drogenproblem Stellung.

Seit wann, wieviel und welche Art von Drogen konsumierst Du?

Im Alter von 16-17 Jahren habe ich mit Kiffen begonnen. Kurze Zeit später hatte ich dann schon alles ausprobiert, was es halt so gibt. Die ersten paar Jahre war ich eher ein Gelegenheitskonsument, bis ich mit etwa 25 Jahren endgültig in die Drogenszene abrutschte und mir seither beinahe täglich meine benötigte Dosis spritze. In letzter Zeit nehme ich eher weniger Stoff als auch schon, was einerseits mit dem damit verbundenen grossen zeitlich Aufwand, den du für die Drogenbeschaffung brauchst, zu tun hat und andererseits aus finanziellen Gründen. Ich gehe vielleicht noch dreimal wöchentlich nach Olten, wo ich dann pro Abend so um die Fr. 200.- verpulvere. Früher, als ich gedealt und vermittelt habe, konsumierte ich aber um einiges mehr Stoff. Ein weiteres Problem ist der schlechte Stoff, der auf der Gasse angeboten wird. Dadurch musst du automatisch mehr konsumieren und verbrauchst daher viel mehr Geld. Seit etwa zwei Jahren spritze ich mir meistens Cocktails, d. h. ich nehme zum Heroin noch zusätzlich Kokain, wodurch die Wirkung verstärkt wird und du ein besseres Flash hast.

Was hältst Du von der staatliche Heroinabgabe und bist Du selber in einem Programm?

Nein. Es macht für mich momentan auch keinen Sinn, da ich gleichzeitig, wie schon gesagt, noch Kokain konsumiere (wie die meisten anderen auch). Ich müsste also trotzdem auf die Gasse, um Kokain aufzutreiben. Von daher kommt für mich das Heroinprogramm nicht in Frage. Sinnvoll wäre es, wenn neben dem Heroin auch Kokain abgegeben würde. Prinzipiell finde ich die Heroinabgabe aber schon einen Schritt in die richtige Richtung. Hinzu kommt, dass die Anzahl der angebotenen Plätze beschränkt ist.

Was denkst Du über Repression und die Polizei?

Die ganze Repression finde ich "bireweich". Viele Polizisten haben das Gefühl, es sei etwas schlimmes, was wir tun, und dass wir alle Kriminelle seien. Dementsprechend verhalten sie sich gegenüber Drogenkonsumenten. Die Repression in Olten hat im Vorfeld der Abstimmung zu "Jugend ohne Drogen" stärker zugenommen und die Bullen sind auch um einiges präsenter gewesen als früher.

Wann hattest Du das letzte Mal Probleme mit der Polizei?

Letzten Monat haben sie mich z. B. auf den Posten mitgenommen, um mich zu filzen. D. h. ich musste mich nackt ausziehen und sie haben mir ins Arschloch geschaut. Obwohl ich keinen Stoff bei mir hatte, wurde ich zu einer Busse von Fr. 300.- verurteilt, da sie einen Einstich an meinem Arm fanden. Ich denke, die Repression der Polizei verschlimmert die Situation von vielen Leuten, ob nun indirekt oder direkt. Viel Zeit geht durch den Beschaffungsstress verloren, der Körper leidet unter der schlechten Stoffqualität und für viele ist die Drogensucht ein Full-Time-Job. Wer von der ganzen Repression schlussendlich vor allem profitiert, sind die grossen Dealer, da dadurch die Preise auf der Gasse ansteigen. Ich denke, Repression, Bussen und Gefängnisstrafen bringen gar nichts, wenn der Wille zum Aufhören nicht vorhanden ist. Du kannst Abstinenz nicht erzwingen. Das haben viele Politiker immer noch nicht begriffen.

Gibt es in der "Szene" eine Art Zusammenhalt? Seid ihr auf politischen Ebenen aktiv oder gibt es Interessengemeinschaften, um eure Anliegen zu vertreten?

Nein, gar nichts. Die Solidarität untereinander ist lausig. Jeder weiss, dass er von niemand etwas zu erwarten hat. Die Leute sind sehr egoistisch und jeder schaut für sich selber. Ich meine dies jetzt nicht unbedingt negativ, denn ich bin genauso. Es ist halt so, dass jeder schlussendlich auf sich selber angewiesen ist. Irgendwo ist das Ganze auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Du hast gar keine Zeit, dich für deine Anliegen zu engagieren und nimmst teilweise auch gar nicht wahr, was um dich herum passiert. Du lebst in deiner eigenen Welt.

Das Drogenproblem ist ja immer wieder auch Thema in den hiesigen Medien und der Politik. Wie empfindest Du das und was denkst Du darüber?

Mich persönlich nervt es schon ziemlich, dass Politiker über Drogen debattieren, die nie selber z. B. am Letten oder auf dem Platzspitz waren, die noch nie einen Fixerraum von innen gesehen haben. Einige missbrauchen die ganze Sache für eigene politische Zwecke. Meistens sind es diejenigen, die grossartig von Abstinenz und von "einem Problem, das aus der Welt geschafft werden müsse" sprechen. Solche Menschen machen mich wütend. Die Bilder vom Platzspitz oder vom Letten, von verwahrlosten Drögelern, wurden missbraucht, um den Menschen Angst zu machen. Solches Elend würde gar nicht bestehen, wenn Drogen nicht illegal wären und wenn diese wie Medikamente auf Rezept abgegeben würden. Viele Leute sind leichtgläubig, die sehen halt das ganze Elend und sind schockiert. Sie verstehen und kennen aber die Hintergründe gar nicht. Sie denken, die Drogen an sich sei etwas schlimmes. Es sind aber vor allem die Umstände, die schlimm sind, z. B. die soziale Ausgrenzung, die durch die Illegalität entsteht.

Was denkst Du über eine Legalisierung von harten Drogen, z. B. über die DroLeg, die im Frühling 98 vors Volk kommt?

Die Legalisierung ist für mich der einzig richtige Weg, die Abgabe durch einen Arzt oder über Apotheken. Wichtig ist, dass die Leute selber die benötigte Menge bestimmen können. Viele Menschen, die gewisse Vorurteile haben und die Drogenszene gar nicht kennen, haben Angst, dass bei einer eventuellen Legalisierung viele Jugendliche abstürzen würden. Dies ist aber total falsch. Es wird immer Neueinsteiger geben, mit oder ohne Freigabe von harten Drogen, ob diese nun legal erhältlich sind oder nicht. Die Polizei kann dagegen nicht viel ausrichten, es werden höchstens die Preise in die Höhe getrieben, was wiederum zur Folge hat, dass die Beschaffungskriminalität rapid steigt. Insgesamt hat sich aber die Haltung der Gesellschaft gegenüber Drogenkonsumenten schon verändert. Als ich damals, anfangs der 80er Jahre, begonnen habe, Drogen zu nehmen, war das Klima frostiger. Unsere Gesellschaft zeigt immer mehr Verständnis gegenüber drogensüchtigen Menschen. Es gab in den letzten Jahren doch eine starke Sensibilisierung und Aufklärung, was nicht zuletzt auch die wuchtige Ablehnung der Initiative "Jugend ohne Drogen" zeigte. Ich denke, dass sich alles Schritt für Schritt entwickeln muss, bis hin zu einer Freigabe und Legalisierung. Ich glaube aber, die Leute checken langsam, dass Repression kein Allheilmittel und der falsche Weg ist.

Glaubst Du an eine abstinenzorientierte, suchtfreie Gesellschaft?

Ich denke, je offener mensch sich gegenüber einer Sucht verhaltet und diese thematisiert, desto besser sieht es aus für eine suchtfreie Gesellschaft. Aber eine solche gibt es nicht und wird es aus meiner Sicht nie geben, das ist utopisch. Es gibt höchstens süchtig und süchtiger. Schlussendlich steht es besser um eine Gesellschaft, wenn die Probleme nicht einfach verdrängt werden, sondern offen dargestellt werden und auch Betroffene zu Wort kommen. Wenn ich mir z. B. im Fernsehen Sendungen (Arena, Dsiischtigs-Club) zum Thema Drogen anschaue, werden höchstens ehemalige betroffene "Vorzeigejunkies" in die Diskussion mit einbezogen. Letztendlich werden drogensüchtige Menschen nicht ernst genommen. Die Leute haben Mühe zu akzeptieren, dass jemand Drogen nimmt. Du fällst aus dem gewohnten Rahmen und wirst an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Es wird vergessen, dass auch ein Leben mit Drogen möglich ist. So gibt es z. B. viele bekannte Künstler und Musiker, die dies bewiesen haben.

Michi

* der Name wurde abgeändert

PS: Vielen Dank an dieser Stelle nochmals für das interessante Interview und den Spaziergang.


Im Januar 98 erscheint die 1. Nummer dieser neuen Zeitschrift, an der nebst den DrogenkonsumentInnen auch SozialarbeiterInnen, BetreuerInnen, Arbeitslose und HIV-Positive mitarbeiten. Der Junkie-Spiegel soll Sprachrohr der DrogenkonsumentInnen sein und hat zum Ziel, die Öffentlichkeit für die Problematik des Drogenkonsums zu sensibilisieren, sie aus erster Hand zu informieren und so zum besseren Verständnis dieser relativ jungen Erscheinung beizutragen, so das MacherInnen-Team des Hefts. Es beinhaltet dem entsprechend vor allem Infos und Beiträge rund um die Drogenthematik, wobei auch das Zwischenmenschliche nicht zu kurz kommt. Berichte aus der Szene, Memoiren und Männerprobleme ergänzen diese Ausgabe und decken die persönliche Seite des Themas ab. Des weiteren gibt es Infos über Ämter, Therapieplätze, Kurse und Veranstaltungen etc.

Das Heft kann bestellt werden bei:
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Postfach 940
4600 Olten


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