karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Vingrau: Chronologie der wichtigsten Ereignisse

1989

Am 31. Juli reicht die Omya SA, die Tochterfiliale des Chemiemultis Plüss-Staufer AG aus Oftringen, das erste Bewilligungsgesuch zur Errichtung eines Steinbruches auf dem Gemeindegebiet von Vingrau ein.

1990

Nachdem sich die wahren Dimensionen des Projektes und die möglichen fatalen Folgen für den Weinbau und die Umwelt abzeichnen, wird am 30. März das "Comité de Défense de Vingrau" gegründet. Einen Monat später zieht die Omya SA angesichts der grossen Opposition der Dorfbevölkerung und des ablehnenden Schlussberichts des Untersuchungskommissars das Gesuch zurück. Darauf regt das "Comité de Défense" die Ausarbeitung eines neuen Zonenplanes an, wodurch ein Steinbruch auf dem ganzen Gemeindegebiet verunmöglicht würde. Am 18. Mai wird dieser ökologische Zonenplan durch den Maire (bei uns Gemeindepräsident) publiziert. Aber erst durch Druck des "Comité de Défense" auf den damaligen Maire wird der Zonenplan schliesslich am 2. Juli an die Verwaltung übermittelt. Der regionale Präfekt teilt wenig später der Gemeindeverwaltung von Vingrau seine Absicht mit, den Zonenplan nicht zu bewilligen und die Abänderungen weitgehend zu blockieren. Am 20. November präsentiert die Omya im Gemeindehaus ihr "neues" Steinbruch-Dossier, das sich nur unwesentlich vom ersten unterscheidet. Darauf organisiert das "Comité de Défense" eine öffentliche Versammlung zur Umweltproblematik und zu den Auswirkungen eines Marmorsteinbruches in Vingrau.

1991

Anfang Jahr nimmt der Gemeinderat einstimmig gegen den Steinbruch Stellung und am 5. Februar wird der neue Zonenplan endlich in rechtsmässiger Form publiziert. Am 22. April kommt es zu einem ersten Eklat. Der Maire versucht den Gemeinderat davon zu überzeugen, den Zonenplan in die vom Präfekten gewünschte Richtung abzuändern, wodurch ein Steinbruch auf dem Gemeindegelände wieder möglich würde. Die Sitzung wird durch Tumulte und Buhrufe gestört und der Gemeindesaal wird besetzt. Der herbeigerufenen Polizei gelingt es nicht, den Saal zu räumen... Einen Monat später treten drei Gemeinderäte aus Protest gegen die undurchsichtige Haltung des Maires, Monsieur Torredemer, aus dem Rat zurück. Am 7. Mai findet eine "öffentliche" Sitzung des Gemeinderates statt, zu der nur fünf Personen (!) zugelassen werden. Die Polizei hält sich im Gemeindehaus versteckt, und am Dorfrand stehen mehrere Mannschaftswagen mit Spezialeinheiten bereit. Das ganze Dorf befindet sich in einem Belagerungszustand. In geheimer Wahl ermittelt der Restrat das Verdikt, und mit 5:1 wird der Zonenplan den Wünschen der Omya und der Präfektur wieder angepasst. Als dieser "Verrat" nach draussen dringt, stürmen einige Vingrauais wütend ins Gemeindehaus. Erst durch einen brutalen Knüppel- und Tränengaseinsatz der Antiaufruhr-Einheit kommt es zur Ruhe (einige Polizei-Rambos sollen sich schon im voraus in den Schränken des Gemeindehauses verschanzt haben...). Vier Tage später unterzeichnet der Präfekt die Baubewilligung. Das "Comité de Défense" erhebt darauf Einsprache beim Verwaltungsgericht, wodurch der Baubeginn vorläufig gestoppt werden kann. Im Juni erlässt die Präfektur einen Erlass zum Schutz der Bonelli-Adler (Habichtsadler), der sich aber im Grunde nur auf den Felsen bezieht, wo das letzte Adlerpaar der Ostpyrenäen (!) seinen Nistplatz hat, sieht aber keinen konkreten Schutz für den Lebensraum der Adler vor und nimmt so das Gebiet, wo der Kalk abgebaut werden soll, elegant aus.

1992

Das Verwaltungsgericht von Montpellier billigt am 29. Januar dem Einspruch des "Comité de Défense" eine aufschiebende Wirkung zu. Mit einem Brief interveniert der damalige Umweltminister Brice Lalonde beim Präfekten (ist dieser Präfekt eigentlich eine Art Cäsar? - der Tipper) und fordert ihn auf, endlich das Verfahren für die Unterschutzstellung des Tales Tautavel-Vingrau einzuleiten... Anfang April findet ein grosses Kletterfest gegen den Steinbruch mit internationaler Beteiligung, darunter auch der Weltmeister Patrick Edlinger,statt

1993

Am 22. Dezember kommt das Verwaltungsgericht zu einem ersten Urteil: Der Zonenplan und die Baubewilligung werden widerrufen! Gleichentags werden Monique Balayer von der Katalanischen Botanischen Gesellschaft und Renaud Chastagnol, Vizepräsident vom "Comité de Défense", in Paris vom Umweltberater des inzwischen verstorbenen Präsidenten Mitterrand empfangen.

Eine Woche später kippen Vermummte tonnenweise Schutt vor den Hauseingang der Familie Balayer und durchschneiden die Telefonleitung. Es sind Fotos dieser Aktion vorhanden, die beweisen, dass mindestens ein beteiligtes Fahrzeug ein Firmenwagen der Omya war...

1994

Die Omya geht in die Offensive. Im Februar setzt Jean Crespon, Direktor der Omya, mit einem Fax mehrere einflussreiche Politiker unter Druck und fordert sie unverhohlen dazu auf, die geplante Unterschutzstellung des Tales von Tautavel-Vingrau zu sabotieren.

Am 8. März reicht die Omya das dritte Baugesuch ein. Unterdessen versucht der Maire vergeblich den Rat einzuberufen, um das längst überfällige Gemeindebudget zu verabschieden, bis schliesslich Vingrau, da immer noch ohne Haushaltsrechnung, der Direktverwaltung des staatlichen Rechnungshofes unterstellt wird. Ein vom Umweltministerium in Paris beauftragter Geologe kommt zum Ergebnis, dass auf einem, bereits im Besitz der Omya befindlichen Landstück, durchaus mit dem Standort Vingrau vergleichbare Vorkommen von Kalziumkarbonat vorhanden sind. Auch wäre das Gebiet ökologisch und siedlungstechnisch weit weniger empfindlich. Am 8. September teilt der Maire dem Präfekten eigenmächtig mit, dass er für das Steinbruchprojekt sei. Gegenüber dem Gemeinderat und der Dorfbevölkerung verweigert er dazu jede Stellungnahme und eine Woche später reicht er (endlich) seinen Rücktritt ein. Als die Gemeinde einen Monat später immer noch ohne politische "Führung" und damit auch gesetzlich handlungsunfähig ist, besetzen die Vingrauais für drei Tage das Gemeindehaus, um auf diese Weise Neuwahlen zu erzwingen. Ende Oktober versammelt sich die zuständige Steinbruchkommission in der Präfektur ohne Abgeordnete aus Vingrau selber -, da der Cäsar, äh Präfekt, immer noch keine Neuwahlen angesetzt hat! Kein Wunder, dass die Kommission sich wohlwollend zum geplanten Projekt äussert (!). Am 4. November bewilligt der Präfekt den Bau des Steinbruches, zwei Tage bevor er endlich Neuwahlen ansetzt! Die Wahl gewinnen die Anti-SteinbrüchlerInnen mit 68,5 % Die Liste der BefürworterInnen erreicht magere 19,8 %.

Am Morgen des 14. November rückt ein Konvoi aus Baumaschinen und Polizei an. Viele Leute aus dem Dorf stellen sich dem Tross entschlossen entgegen und hindern diesen am weiteren Vorrücken, und das Baugelände wird präventiv besetzt. Der neu gewählte Maire, Claude Bazinet, macht eine neue Gemeindeverordnung publik, die alle Arbeiten untersagt, solange die gesetzlich geschützten und vom Aussterben bedrohten Pflanzen auf dem Gelände nicht gesichert worden sind. Am 21. November verzeigt die Omya 23 Personen, die bei der Blockade gesehen wurden. Vorgeworfenes Verbrechen: "Behinderung der Gewerbefreiheit" (!). Einen Tag später findet eine Versammlung mit der "Steinbruchkommission" statt, und der anwesende Maire bekräftigt erneut die Opposition innerhalb des Dorfes gegen die Ausbeutung der Kalkfelsen. Unterdessen droht der Präfekt öffentlich, den Maire einzuklagen, wenn er es nochmals wage, eine weitere Verordnung zu erlassen. Zwei Tage später müssen die 23 Angeklagten vor Gericht erscheinen. Sie werden von 200 SympathisantInnen begleitet und zu einer Busse von jeweils 200 Francs (ca. sFr. 50.-) verurteilt. Ein Jahr später wird dieses Urteil aber von einem höheren Gericht annulliert.

1995

Das Verwaltungsgericht in Montpellier schützt sämtliche Beschlüsse der Präfektur und weist die Rekurse von Vingrau zurück. Am 9. April findet eine Demonstration auf dem bedrohten Gelände statt und es werden symbolisch 200 Bäume gepflanzt. Bei den offiziellen französischen Gemeindewahlen kann die Anti-Steinbruch-Liste ihr Ergebnis mit 82 % überwältigend bestätigen. Bei einer wegen den Atomtests auf dem Mururoa-Atoll einberufenen ausserordentlichen Dorfversammlung erklärt sich Vingrau mit der Kolonie Polynesien solidarisch und sendet einen scharfen Protestbrief an Staatspräsident Chirac. Im Sommer wird der Protest grenzüberschreitend und 50 Vingrauais reisen über 1000 Kilometer in die Schweiz, um beim Firmensitz in Zürich zu protestieren. Das hiesige Medienecho ist sehr gross. Fernsehen und Radio sowie sämtliche bedeutenden Zeitungen berichten über die Kundgebung. Zwei Tage später übergibt eine Delegation am Hauptsitz in Oftringen Protestbriefe aus der ganzen Welt, und Konzernchef Max Schachenmann wird aufgefordert, dem zerstörerischen Vorhaben ein Ende zu setzen. Am 16. Oktober erklärt sich Vingrau aufgrund der systematischen Weigerung der staatlichen Behörden, ihre demokratisch geäusserten Argumente anzuhören, zur Kolonie und droht bei einer Nichtintervention des Staatspräsidenten mit dem Austritt aus der Nation (!). Einen Tag später gibt das Umweltministerium bekannt, dass die beiden Pflanzenarten, die auf dem von der Omya beanspruchten Gelände wachsen, aus der Liste der geschützten Pflanzen gestrichen worden sind (na so ein Zufall).

Hunderte von Menschen aus ganz Frankreich, Spanien, Deutschland und der Schweiz demonstrieren am 21. Oktober gegen das Projekt. Schon einen Tag zuvor wurde der Zufahrtsweg zum Baugelände besetzt. Die Polizei hält sich vorläufig noch im Hintergrund. Am folgenden Morgen stürmen aber schwerbewaffnete Sondereinheiten der Gendarmerie das Baugelände. Die BesetzerInnen werden sofort verhaftet und die Leute, die aus dem Dorf zu Hilfe eilen wollen, werden brutal zusammengeknüppelt und vertrieben. 21 Personen, zumeist ältere Personen, werden beim Einsatz verletzt, sechs müssen sich in Spitalpflege begeben und ein 62-jähriger Dorfbewohner schwebt sogar tagelang in Lebensgefahr! Am gleichen Tag fordern mehrere Europaabgeordnete in Strasbourg den sofortigen Baustopp. Aus Protest gegen das harte Vorgehen der Polizei tritt der Maire in einen unbefristeten Hungerstreik und mehrere DorfbewohnerInnen schliessen sich ihm an. Nachdem das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium eingelenkt hat und drei Vermittler nach Vingrau schickt, brechen die Hungerstreikenden nach beinahe drei Wochen ihre Aktion ab. Das Stammhaus Plüss-Staufer fühlt sich offenbar von der intensiven Berichterstattung in den Medien zu einem PR-Gegenschlag genötigt und lädt zu einer gross inszenierten Pressekonferenz nach Zürich. Zu diesem Zweck wird sogar eine Delegation aus Frankreich eingeflogen. Inhaltlich hat der Chemiemulti nicht viel Neues zu berichten, und entsprechend bescheiden ist die Medienresonanz.

1996

Im April wird vom "Comité de Défense" ein Rundbrief an französische Schulen verschickt, der zum Boykott von Omya-Schulmaterial (z.B. Kreiden und Farbstifte) aufruft. Der Präsident des Französischen Naturschutzbundes und Fauna-Experte, Antoine Reille, kommt anlässlich einer Begutachtung in Vingrau zum Schluss, dass der Steinbruch mit den Naturschutzbestimmungen nicht zu vereinbaren ist, und dass verschiedene geschützte Vogel- und Pflanzenarten durch das Projekt bedroht sind. Bei einer weiteren internationalen Kundgebung im umstrittenen Gelände nehmen über 300 UmweltschützerInnen aus Frankreich, der Schweiz, Spanien und Deutschland teil. Ebenfalls anwesend ist der SP-Nationalrat Jean Ziegler und die Genfer Kantonsrätin Erica Deuber-Pauli. Kurz darauf reicht Ziegler, unterstützt von der SP-Fraktion, in Bern eine Interpellation ein, die den Bundesrat auffordert, bei der Oftringer Firma zu intervenieren.

Am 17. Juni stattet eine 20-köpfige Delegation aus Vingrau Oftringen eine Stippvisite ab und droht mit einem kollektiven Asylgesuch, falls ihre Lebensgrundlage in ihrer Heimat zerstört würde. Am folgenden Tag begibt sich die Gruppe nach Bern ins Bundeshaus, wo sie über ihr Anliegen informieren und die heiligen Hallen vorübergehend in eine Weinschenke verwandeln. Selbst Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz lässt es sich nicht nehmen, sich am Stand zu informieren und einen "Muscat de Vingrau" zu geniessen (Tja, was würde der gute Jean-Pascal nicht alles für ein Glas Wein machen... der Tipper).

Am Appellationsgericht in Bordeaux beantragt der zuständige Staatsanwalt am 27. Juli den sofortigen Entzug der Baubewilligung, weil weder die gesetzlich vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung eingereicht noch berücksichtigt wurde. Im weiteren wird die offensichtliche Fehleinschätzung und das Übergehen diverser Umweltbestimmungen durch den Präfekten verurteilt. Eine Woche später folgt das Appellationsgericht vollumfänglich den Anträgen und schützt damit den Rekurs und annulliert die Baubewilligung mit sofortiger Wirkung! Trotzdem werden die Arbeiten auf der Baustelle fortgesetzt. Erst durch mehrfache Interventionen werden die Bauarbeiten schliesslich eingestellt. Inzwischen kündigt die Omya an, das Urteil nicht zu akzeptieren und dagegen in Berufung zugehen. Am 10. Juli fordert eine Delegation aus Vingrau, das schweizerische Unterstützungskomitee, Greenpeace-VertreterInnen und der Generalsekretär der Bauerngewerkschaft UPS einen endgültigen Verzicht auf den Steinbruch, und die Europäische Kommission entscheidet am 22. August, die ein gereichte Strafklage weiterzuverfolgen und gegen Frankreich ein Verfahren wegen Verstosses gegen die Umweltschutz-Direktive zum Schutz wild lebender Vögel zu eröffnen.

Anfang September kündigt Omya einigen Angestellten und gibt bekannt, dass sie ihre Aktivitäten teilweise nach Italien verlegen wird. Schuld an den Entlassungen sei der Widerstand in Vingrau. Gleichzeitig wird ein viertes (!) Gesuch angekündigt. Im "Le Monde" erscheint ein halbseitiges Inserat (Kostenpunkt: ca. 150'000 FF), in dem der Chemiemulti das "Comité de Défense" als einige Dutzend falsche Ökologisten verunglimpft, welche die Medien manipulieren, Menschen bedrohen und Arbeitsplätze in Gefahr bringen würden.

Am 17. September reicht die Omya - kaum 2 Monate nachdem das dritte vom Appellationsgericht abgeschmettert worden ist - ein viertes, unverändertes (!) Baugesuch ein. Da erwartungsgemäss dem Einspruch der Gemeinde Vingrau durch den Präfekten keine aufschiebende Wirkung zugestanden wird, kann die Omya die Bauarbeiten wieder ungehindert aufnehmen. Der französische WWF, France Nature Environnement, LPO (Vogelschutz) und das "Comité de Défense" rufen die Umweltministerin Corinne Lepage auf, einen vorsorglichen Baustopp zu verfügen, bis die hängigen Rekurse behandelt sind. Einen Tag später, am 7. November, bewilligt der Präfekt, Monsieur Bonnet, das Baugesuch der Omya. Um weitere Zerstörung der Naturlandschaft und eine Wiederaufnahme der Bauarbeiten zu verhindern, werden darauf die Zufahrtsstrassen besetzt und ein Zeltlager errichtet. Der Französische Staatsrat, die oberste Rekursinstanz, heisst die Beschwerde der Omya gut, womit nach Ansicht der Firma Plüss-Staufer dem Abbau nichts mehr im Wege steht (?). Das "Comité de Défense" kündigt seinerseits an, das Verfahren an den "Europäischen Gerichtshof" nach Strasbourg weiterzuziehen.

1997

Anfang Jahr strahlt das französische Fernsehen einen viel beachteten Spezialreport über Vingrau aus. Die Sendung, die unter anderem brutal prügelnde Flics zeigt, sorgt in vielen Wohnstuben in Frankreich für grosse Empörung und Betroffenheit. Nach dieser Sendung wird das Weindorf von VertreterInnen der kommunistischen und sozialistischen Parteien besucht und bekommt von beiden Unterstützung zugesagt. Am 15. Februar wird bei kaltem und stürmischem Wetter der 100. Besetzungstag der Zufahrtswege gefeiert. Anfang März besucht Luc Hofmann, Präsident des WWF Frankreich, die BesetzerInnen und überreicht ihnen einen Check von FF 20'000.-. Und auch die Grüne Dominique Voynet (heutige Umweltministerin in Frankreich) besucht Vingrau. Für Ende April kündigt Omya die Weiterarbeit am Steinbruch an und am Morgen des 29. April fahren mehrere Baumaschinen, begleitet von Polizei auf, müssen aber, da es kein Durchkommen gibt, unverrichteter Dinge abziehen. Am nächsten Tag erfahren die Leute aus Vingrau, dass es der Omya doch gelungen ist, sämtliche schweren Baumaschinen auf den Platz zu bringen und zwar über einen Privatweg einer Konkurrenzfirma, die ihr dies ausdrücklich verboten hatte. Am 5. Mai werden die Arbeiten wieder aufgenommen. Da aber die Zufahrtsstrassen weiterhin besetzt sind, müssen das Wachpersonal und die Arbeiter zu Fuss an ihren Arbeitsplatz gehen und Treibstoff und Baumaterial werden per Helikopter eingeflogen.

Das Gericht in Montpellier erteilt dem Rekurs von Vingrau aufschiebende Wirkung, d. h. die Omya hat von diesem Zeitpunkt an keine gültige Baubewilligung mehr. Es wird trotzdem weiter gearbeitet, worauf 50 Leute das Areal besetzen. Die Linke gewinnt in Frankreich die Parlamentswahlen vom 1. Juni und die Vingrauais schöpfen neue Hoffnung. Vor allem in die grüne Umweltministerin Dominique Voynet werden nun grosse Erwartungen gesetzt.

Am 2. Juni tauchen etwa 50 Omya-Arbeiter, beschützt von 15 Privatbullen in schwarzen Uniformen und mit Hunden, auf. Sie überrennen gewaltsam die Barrikaden und verletzen dabei einige Leute. Danach wird den ganzen Tag auf der Baustelle gearbeitet. Anlässlich einer Vollversammlung wird beschlossen, die Besetzung nach 206 Tagen aufzugeben, um so eine gewalttätige Konfrontation mit den Arbeitern zu verhindern, da sich der Kampf nicht gegen die Arbeiter, sondern gegen die Direktoren richtet. Anfangs Juni müssen 10 Personen, vor allem Mitglieder des Gemeinderates, vor Gericht erscheinen. Sie erhalten die Auflage, sich nicht mehr auf den Zufahrtswegen aufzuhalten und Frankreich vorläufig nicht zu verlassen (!). Bei Zuwiderhandlung droht eine Busse von bis zu FF 300'000.- oder gar Gefängnis.

Am 25. Juni um 8 Uhr morgens blockieren unter dem Motto "Hände weg von Vingrau" beinahe 50 SympathisantInnen aus der Schweiz für zwei Stunden den Eingang zum Hauptsitz des Grosskonzerns Plüss-Staufer AG in Oftringen. Die ganze Aktion verläuft friedlich. Ebenfalls anwesend sind vier Frauen aus Vingrau, die für diese Protestkundgebung angereist waren und ausserhalb des Firmengeländes Journalisten Red und Antwort standen.

Die grüne Umweltministerin Dominique Voynet bemüht sich, das betroffene Gebiet unter Naturschutz zu stellen. Anfang September erklärt Omya, dass sie die im Mai unterbrochenen Arbeiten wieder aufnehmen werde. Am 14. September rückt die Firma mit Baggern an, aber auch diesmal kommen sie nicht weit, denn ein Teil der DorfbewohnerInnen blockiert wieder friedlich die Strasse. Anfang Oktober wird erneut ein Verbot für weitere Bauarbeiten bis Mitte Dezember 97 erlassen. Unterdessen reicht die Omya SA eine Zivilklage von 4 Millionen Francs gegen mehrere AktivistInnen des "Comité de Défense" ein. In dieser Klage stellt sie sämtlichen Mehraufwand (wie z. B. die Kosten für die Bewachung des Geländes), in Rechnung.


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