karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Zweites Interkontinentales Treffen
für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus

Diesen Sommer fand vom 25. Juli bis zum 3. August das "2. Interkontinentale Treffen für eine menschliche Gesellschaft und gegen den Neoliberalismus" in Spanien statt. Der Einladung der EZLN (Zapatistische Befreiungsarmee) und der diversen Solidarität-Komitees sind beinahe 4'000 Menschen aus der ganzen Welt gefolgt, um während einer Woche gemeinsam zu diskutieren und neue Handlungsperspektiven zu entwickeln.

Anreise und Eröffnungsfeier

Während Anna- und Otto-NormalverbraucherIn in den Süden reisen, um die Umsatzzahlen der Sonnencrèmeindustrie zu fördern, entschloss sich ein Teil der karnikl-Redaktion, den Sommer 97 nicht wie üblich auf Ibiza zu verbringen, sondern sich intellektuell ein wenig weiterzubilden und deshalb am "2. Interkontinentale Treffen gegen den Neoliberalismus und für eine menschliche Gesellschaft" teilzunehmen. Ich möchte Euch lieben LeserInnen also anhand dieses Reiseberichts vom Treffen, von meinen Eindrücken und Erlebnissen berichten.

Los ging es am Abend des 24. Juli. Via Zürich, Bern und Genf fuhren wir, in einem schönen, schwarzen Car des alternativen Busbetriebes Zugvogel, in Richtung Spanien. Nach 23-stündiger Reise (und wenig Schlaf) erreichten wir Madrid, oder genauer geschrieben San Sebastian de los Reyes, ein schmucker Vorort der spanischen Hauptstadt. Bei einem örtlichen Gymnasium war der offizielle Empfang eingerichtet. Es herrschte eine Art organisiertes Chaos (also das läuft beim Club Med. schon besser). Alle TeilnehmerInnen mussten sich akkreditieren und bei den verschiedenen Tischen/Camps einschreiben. Eigentlich hatten wir schon im voraus das Thema "Marginalisierung" (Ausgrenzung) gewählt, wo es Untertische zu Schwerpunkten wie Tierrechte, Homosexualität, "Behinderte", Arbeitslosigkeit, alte Menschen etc. gab. Da wir uns aber für keinen dieser Schwerpunkte erwärmen konnten, entschlossen wir uns, die Akkreditierung aufzuschieben. Folgende Tische (spanisch: Mesas), die über ganz Spanien verteilt waren (Madrid, Barcelona, Ruesta, Almuñecar, El Indiano), standen zur Wahl:

Tisch 1: "Ökonomie" (Arbeit & Arbeitsmittel/alternative Währungs- und Marktsysteme);
Tisch 2: "Unsere Welt - ihre Welt" (Globalisierung/Menschen & Identität/Immigration & politische Flüchtlinge);
Tisch 3: "Kultur/Erziehung/Information";
Tisch 4: "Patriarchat" (Kämpfe der Frauen/Kämpfe gegen das Patriarchat);
Tisch 5: "Landfrage" (Landkämpfe/bäuerliche Realität/Besitz und Kampf ums Land/Zerstörung der Erde) und eben
Tisch 6: "Marginalisierung".

Geschlafen wurde in San Sebastian, auf einem zum Zeltplatz umfunktionierten Fussballfeld. Am Abend gab es die erste kleine Fiesta mit Live-Band, Infoständen und erstaunt stellten wir fest, dass in Spanien die Cerveza aus 1 Liter Becher getrunken wird!

Am zweiten Tag setzte sich das organisatorische Chaos weiter fort. Niemensch wusste so genau, was eigentlich programm-technisch läuft (oder waren wir einfach zu doof um es rauszufinden ?). So fuhren wir am Nachmittag nach Madrid, wo wir bei schweinischen 40°C im Schatten (welcher Schatten?) schwitzend rumwanderten. Auf der Rückfahrt am Abend landeten wir per Zufall bei der Stierarena, wo gerade die offizielle Eröffnungsfeier (wieso hat uns niemensch was gesagt?) begonnen hatte. Delegierte aus den verschiedenen Kontinenten und der EZLN begrüssten die zahlreichen TeilnehmerInnen und wurden nach ihren Reden mit Viva Zapata-Rufen und viel revolutionärer Romantik abgefeiert.

Am nächsten Tag, dem 27.7., hiess es früh aufstehen, um uns endlich zu akkreditieren. Überraschend flüssig und ohne administrative Probleme gelang uns dies und wir bekamen einen Ausweis mit Foto (!) und schrieben uns bei Tisch 2 "Unsere Welt - ihre Welt" ein. Am Nachmittag fuhren alle nach Madrid, wo wir etwa mit 5'000 Menschen an einer Kuba-Solidemo (in der gleichen Woche waren in Havanna die 14. Weltjugendfestspiele) teilnahmen. Die Stimmung an der Demo war fantastisch. In sprachlicher Vielfalt wurden Parolen gerufen und alte Partisanenlieder zum besten gegeben. Gegen Abend ging es mit mehreren Cars (diesmal "nur" 7 Std.) nach Ruesta, wo die Mesa 2 war. Ruesta ist ein altes, zerfallenes Pyrenäendorf in Aragon, das vor Jahren wegen dem Bau eines Staudammes verlassen wurde. Später wurde es von einer anarchistischen Gewerkschaft besetzt und wird momentan wieder aufgebaut. Zur Finanzierung des Aufbaus unterhält die Gruppe einen Zeltplatz, wo auch wir (insgesamt etwa 400 Leute) einquartiert waren.

Arbeitstisch in Ruesta

28.7.: Unser erster richtiger "Arbeitstag". Nach einer kurzen Begrüssungsrede und ein paar administrativen Anweisungen wurden die Untertische vorgestellt. Ich entschied mich für die Arbeitsgruppe "Lügen der Demokratie, zivile Rechte, Konsum- und Zivilgesellschaft". Unsere AG umfasste über 70 Personen. Die ganzen Diskussionen fanden im Freien statt und wir setzten uns in den spärlichen Schatten der Bäume auf den grasbewachsenen Boden, in angemessener Hörweite zu unserem Deutsch-Spanisch Übersetzer. Zuerst wurde die Diskussionsform festgelegt, und wir einigten uns darauf, dass die Moderation für die Einhaltung der Redezeiten sorgt. In den folgenden drei Tagen sprachen wir intensiv über den Demokratiebegriff, über mögliche internationale Aktionsformen und über den Sinn und Zweck eines weltweiten Vernetzung. Zwischen den Debatten gab es immer wieder sehr interessante Vorträge über die jeweiligen Verhältnisse und über die praktizierten Widerstandsformen in den verschiedenen Ländern. Im Vordergrund stand vor allem der Informations- und Erfahrungsaustausch und kein konkretes Ergebnis oder gar ein Konsens, dazu gab es teilweise innerhalb unseres Themenblockes doch zu grosse politische Differenzen. Im Laufe der ganzen Gespräche hatte sich auch die Erkenntnis herauskristallisiert, dass sich die Kämpfe und Unterdrückungsformen in den Industriestaaten grundlegend von den geführten Kämpfen im Trikont unterscheiden, und von daher logischerweise andere politische Ansätze existieren.

Gearbeitet wurde morgens und abends, dazwischen wanderten wir an den nahegelegenen Stausee, um zu planschen und um unsere überhitzten Körper abzukühlen. An den Abenden gab es noch Redebeiträge - es besuchten uns zwei offizielle VertreterInnen der EZLN und am folgenden Abend Isaac Velazco, der Europavertreter der Tupac Amaru/MRTA. Danach waren bis spät nachts Kulturelles & Fiesta angesagt, was ein paar französische Ökos und -as dazu bewegte, einen Protestbrief an die AGs zu verfassen, worin sie sich beschwerten, dass einige TeilnehmerInnen bis in die frühen Morgenstunden singen & feiern und so ihre Nachtruhe stören würden (...).

Am dritten Tag in Ruesta diskutieren wir den Aufbau eines weltweiten Netzes, um den Neoliberalismus besser bekämpfen zu können. Diese Idee einer globalen Vernetzung wurde scheinbar dann auch in allen anderen Camps diskutiert. Für mich persönlich war dieser Diskurs wenig realitätsbezogen, wenn ich bedenke, dass bei uns im Heidiland schon lokale Vernetzungen beinahe ein Ding der Unmöglichkeit sind... Grosse Hoffnung wird vor allem in neue Technologien, wie das Internet gesetzt, wodurch weltweit ein besserer Informationsfluss möglich wäre (und dann können wir die bösen KapitalistInnen via Mausklick bekämpfen?). Am Morgen des vierten Tages in Ruesta, dem 31. Juli, fand das Abschlussplenum des Camps statt, wo die verschiedenen Beschlüsse und Ergebnisse der Untertische vorgetragen wurden. Neben der Arbeitsgruppe in der ich war, gab es folgende Tische: Nord-Süd/Krieg als Geschäft/Solidarität, Internationalismus, NGOs/Nationalismus & Identität. Am Nachmittag hiess es Zelte abbauen, das romantische Ruesta verlassen und wiederum Bus fahren. Diesmal ging es ganz in den Süden Spaniens, genauer geschrieben nach Puerto Serano ins südliche Andalusien oder anders ausgedrückt: Schon wieder 17 ermüdende Stunden unterwegs! Wir fuhren die ganze Nacht durch und kamen gegen Mittag in Andalusien an. Im Gegensatz zum angenehmen Klima in den Pyrenäen herrschte in Puerto Serano eine mörderische Hitze und mensch kam sich wirklich beinahe vor wie in Mexiko. Da scheinbar für den Rest des Tages keine Aktivitäten geplant waren, verzogen wir uns ins örtliche Schwimmbad. Am Abend fand noch ein spontaner Umzug statt (mit griechischem Fronttransparent), danach gab es im lokalen Fussballstadion Massenverpflegung, Begrüssungsreden (unter anderem vom Bürgermeister Puerto Seranos) und eine Fiesta.

Das Schlussplenum

Das eigentliche Abschlussplenum war am nächsten Tag in El Indiano, das zu Fuss etwa eine halbe Stunde von Puerto Serano entfernt ist. El Indiano ist ein besetzter, selbstverwalteter Landwirtschaftsbetrieb. Schon um 10 Uhr morgens war die Hitze absolut unerträglich (zumindest für mich Alpenmensch). Endlich wurden die ersten Resultate der einzelnen Mesas vorgestellt. Die Ergebnisse der Camps waren sich meistens sehr ähnlich und das Verlesen der Resolutionen zog sich ins Endlose hin. Auch nicht gerade förderlich für meine Aufmerksamkeit war, dass es mit dem Dolmetschen, im Gegensatz zu Ruesta, nicht so richtig klappte. Irgendwann wurde die Harmonie noch unterbrochen, als ein deutschsprechender Mann im Rollstuhl auf die Bühne kam und eine französische Tierrechtsgruppe beschuldigte, an ihrem Infostand Bücher von Peter Singer aufzulegen. Der australische Tierrechtler und Anthropologe Peter Singer propagiert unter anderem das Töten von "behinderten" Kindern und erachtet "behindertes" Leben als minderwertig. Als die beschuldigte Tierrechtsgruppe eine Gegendarstellung abgeben wollte, kam es vor dem Podium zu tumultartigen Szenen und einem längeren Unterbruch. Letztendlich (nach einer Stunde Zwangspause) endete das Intermezzo damit, dass sich beide Seiten als Faschisten beschimpften (...). Na ja, irgendwie roch das Ganze arg nach Lynchjustiz, auch wenn logischerweise ein Buch von Peter Singer an einem solchen Treffen nichts zu suchen hat. Sehr interessant war danach der Frauentisch, der sich positiv von den anderen monotonen Zusammenfassungen abhob. Schliesslich fand das Abschlussplenum mit mehrerer Stunden Verspätung doch noch ein Ende, wobei hier anzumerken ist, dass der Grossteil der Leute (inkl. dem Schreiber) schon lange vorher, mit rauchenden und vollen Köpfen, nach Puerto Serano zurückgekehrt waren.

Die Abschlussfeier - Retten Punk-Rock und Ska die Revolution?

Am Abend war eine Grande Fiesta angesagt. Eröffnet wurde die Abschlussfeier durch eine kubanische Salsa-Band. So langsam füllte sich nun auch das kleine Fussballstadion mit Einheimischen und uns PolittouristInnen. Je später die Nacht, um so fröhlicher und ausgelassener wurde die Stimmung. Gut zu gefallen wusste eine Punk Band aus Spanien, wozu jung & alt fleissig vor der Bühne pogten. Absoluter Höhepunkt war dann die letzte Gruppe, eine baskische Ska-Band, die um 5.30 Uhr (!) zu spielen begann und erst um 7 Uhr morgens ihren Auftritt beendete, wobei hier noch anzumerken ist, dass sich das Konzert mitten im Dorf stattfand... Ein riesiger Pogopulk, Rumgehüpfe und Parolen. Als die ganze Meute im Morgengrauen "Bella Ciao", ein altes italienisches Partisanenlied, anstimmte, wurde der Gedanken des Zapatismus lebendig... Totaler Kult!

Nach ein paar Stunden Schlaf und mit einem dickem Kater fuhren wir nach Madrid, wo wir in einem besetzten Fabrikareal pennten und von dort aus ging es am nächsten Tag zurück in die Schweiz.

Fazit

Für mich war das Bewegendste und Schönste an diesem "2° Encuentro Intercontinental por la Humanidad y contra el Neoliberalismo" die Begegnung mit Menschen aus den verschiedensten politischen Bewegungen und Ländern. Genau dieser Pluralismus, diese Vielfalt machte das Treffen und die Idee des Zapatismus für mich so eindrücklich. Jung & alt, UreinwohnerInnen und BäuerInnen aus Süd- und Mittelamerika, StudentInnen, ehemalige Guerilleros/-as, AnarchistInnen, Squatters (HausbesetzerInnen), Autonome, Soli-Komitees, Grüne etc. arbeiteten gemeinsam (oder versuchten es zumindest) an der Vision einer gerechten Welt. Und gerade die Gespräche abseits der Diskussionstische, am Mittagstisch oder bei einem Bierchen am Abend, waren sehr bereichernd und interessant. Sehr beeindruckt hat mich auch die basisdemokratische Gesprächskultur und das angenehme zwischenmenschliche Klima. Und nicht zuletzt war dieses Treffen auch für die EZLN wichtig, um der Weltöffentlichkeit zu zeigen, dass sie immer noch imstande ist, international für "ihren" Kampf zu mobilisieren und dass die Idee des Zapatismus - von einer Welt, in der viele Welten Platz haben - nichts von seiner Faszination verloren hat.

Enttäuschend war sicher, dass nur etwa 6 % der TeilnehmerInnen aus Lateinamerika, Asien und Afrika kamen und daher das Treffen sehr westeuropäisch geprägt war. Die Diskussion wurde teilweise recht intolerant und ich-bezogen geführt. Ein weiterer Negativpunkt war das ewige Rumgekurve (Mobilitätswahn pur). Insgesamt hatten wir, mit Hin- und Rückfahrt, 79 Std.(!) im Autocar verplempert. Wahrscheinlich bin ich mit einer typisch westlichen Konsumhaltung an dieses Treffen gefahren, in der Erwartung, dass sowieso alles fest verplant und durchorganisiert ist und war dann erstaunt, dass Selbstorganisation und Mitdenken gefordert waren. Sicher gab es einerseits einige organisatorische Mängel, anderseits wäre ohne die vielen Stunden Gratisarbeit der spanischen Leute ein solches Treffen gar nicht erst möglich gewesen; schliesslich galt es, mehrere tausend Menschen unterzubringen und zu verpflegen.

Rückblickend wurde mir einmal mehr bewusst, dass wir diese unsere Welt nur verändern können, wenn es uns gelingt, Basisgruppen aufzubauen, die Menschen bei uns in der Schweiz, im Herzen der Bestie, in Bewegung zu setzen, und dass letztlich nicht nur Ideologien im Kopf zählen, sondern auch die konkrete, praxisorientierte Handlung an sich.

Michi


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