karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Ziviler Widerstand in Mexiko

Das folgende Interview wurde in El Indiano am Schlussplenum des 2. interkontinentalen Treffens gegen Neoliberalismus und für die Menschlichkeit, welches der EZLN (Zapatistische Armee zur nationalen Befreiung) in Spanien organisiert hat, geführt. Da Leute aus Europa oft nur über einen Aspekt des Widerstandes in Mexiko, nämlich den bewaffneten Kampf, informiert sind, wollte ich wissen, wie die politische Arbeit der Zivilgesellschaft aussehen kann. Berenice ist seit 1994 in der FZLN - Frente Zapatista por la Liberacion Nacional (Zapatistisches Bündnis zur nationalen Befreiung) akiv. Sie arbeitet als Psychoanalytikerin und Dozentin für Psychologie in Mexiko Stadt und stand mir trotz erheblichen Sprachschwierigkeiten und 40°C im Schatten geduldig Red und Antwort.

Wie und aus welchen Zusammenhängen ist der FZLN entstanden?

Die Forderung, den FZLN zu gründen, ging ganz klar von der EZLN aus. In der 4. Deklaration aus dem lakandonischen Urwald, wo die bewaffneten Zapatisten stationiert sind, wurde gefordert, einen politischen Arm der Guerilla zu gründen. Es sind Leute aus der CND (Convenion Nacional Democratica) und aus der FALN (Frente Ampio de Liberacion National) und natürlich viele, die vorher noch nie politisch aktiv waren. Es gibt viele, eigentlich die meisten, die mit dem EZLN nur emotional verbunden sind. Viele sind politisch unerfahren und werden erst durch den FZLN politisiert. Es ist also eine absolut nicht-homogene Gruppe von Leuten, die etwas verändern wollen, die eine Demokratie wollen.

Wie ist die FZLN strukturiert? Wann wurde sie gegründet?

Die Gruppen der FZLN sind regional organisiert. Nachdem zu Beginn einige politisch erfahrene Leute die ersten Fäden gesponnen und eine Gruppe organisiert haben, wurde diese erste Struktur aufgehoben und dezentralisiert. Inzwischen gibt es so zwischen 150 und 200 Komitees, die in ganz Mexiko verteilt sind. Die Leute von einem Komitee treffen sich wöchentlich, die Komitees untereinander alle paar Wochen. Seltener gibt es Treffen zwischen EZLN und FZLN, wo die Zusammenarbeit und die Arbeit der FZLN an sich diskutiert werden. Die EZLN animiert die Zivilbevölkerung mit verschiedenen Fragestellungen in den Bereichen Arbeit, Land, Gesundheit, Bildung, Information und Freiheit. Im September wird wieder ein solches Treffen stattfinden. Diesmal, um festere Strukturen für die Frente festzulegen. Er ist momentan nicht sehr strukturiert, so dass mensch fast sagen könnte: Eigentlich gibt es ihn noch gar nicht. An ein solches Treffen gehen alle, die in irgendeinem Komitee sind. Es gibt also keine Delegierte, alles läuft basisdemokratisch ab und wird im Plenum entschieden.

Was ist die Funktion der FZLN? Welche Rolle spielt sie gegenüber der EZLN? Arbeitet Ihr auch im Hinblick darauf, die Autonomie der Bevölkerung zu fördern?

Zum Einen ist der FZLN dazu da, die EZLN zu unterstützen. Diese Arbeit besteht hauptsächlich aus zwei Teilbereichen. Der erste ist die Verbreitung von Informationen. Wir informieren die Bevölkerung über den Kampf, den die EZLN führt, da die Massenmedien und die Regierung Lügen darüber verbreiten oder schlicht und einfach verschweigen, was passiert. Wir veranstalten Informationsabende, Demos, drucken Bücher und Broschüren, machen Seiten im Internet, gehen am Sonntag in den Park und stellen Büchertische auf. So machen wir auch Druck auf die Politiker. Gäbe es nur einen militärischen, und keinen zivilen Kampf, wäre die EZLN innert kurzer Zeit durch die mexikanische Regierung, unterstützt von US-Militärs (und mit dem Einsatz von Schweizer Pilatusflugzeugen...! d. T.) vernichtet worden. Für den bewaffneten Kampf ist die (auch internationale) Öffentlichkeit wichtig. Chiapas soll in allen Köpfen bleiben. Damit die Leute nicht einfach wegschauen und zum Alltag übergehen. Die zweite grosse Arbeit ist die direkte Unterstützung. Wir organisieren die medizinische Versorgung des EZLN, beschaffen beispielsweise Kleider. Aber eigentlich helfen wir dem EZLN vor allem, sich selbst zu erhalten. Das heisst, dass wir beispielsweise nicht bloss einen Schuhmacher schicken, wenn er gebraucht wird, sondern jemand, der ihnen zeigen kann, wie mensch Schuhe flickt. Wir fördern ihre Autonomiebestrebungen. Aber natürlich haben sie nicht nur materielle Bedürfnisse, sondern auch viele psychische Probleme. Ich z. B. gebe Kurse in Frauengesundheit, Psychologie und Suchtprävention. Ich kann ja nicht die ganze Zeit dort sein. Deshalb zeige ich ihnen, wie sie sich selbst helfen können. Die eigentliche Hauptarbeit ist aber das Fördern der Selbstorganisation der Zivilgesellschaft. Die Leute lernen, dass sie gewisse Dinge besser machen können, als der Staat das tut. Sie merken z. B., dass eine Schule viel besser funktioniert, wenn sie sich selber darum kümmern, als wenn sie abhängig sind vom Staat. Dadurch wird wiederum der EZLN stärker, wenn die Zivilgesellschaft stärker ist; es handelt sich dabei also auch um eine Unterstützung - eine indirekte allerdings.

In welcher direkten Beziehung steht die EZLN zum FZLN? Hat er Einfluss auf die Guerilla, oder schreibt diese vor, was zu tun ist?

Der EZLN "führt" eigentlich den FZLN. Die zapatistische Front ist ja auch auf die Forderung der Guerilla hin entstanden. Allerdings gilt auch hier das Konzept "mandar obedeciendo", auf deutsch etwa: gehorchend führen. Darunter verstehen wir, dass die, welche führen, der Bevölkerung, welche sie führen, gehorchen müssen. Der FZLN hat also Einfluss auf den EZLN. JedeR Einzelne, der oder die etwas sagen will, kann das tun und wird angehört. Die Entscheidungen können nicht alleine von der EZLN gefällt werden. Die Zivilbevölkerung wird immer miteinbezogen. Das sagt ja schon der Slogan der Zapatisten: TODO PARA TODOS - NADA PARA NOSOTROS (alles für alle - nichts für uns).

Gibt es inhaltliche Differenzen zwischen den bewaffneten und den zivilen ZapatistInnen?

Nein, das glaube ich nicht. Nicht schwerwiegende. Aber innerhalb der Frente gibt es schon welche. Das kommt daher, dass die Leute aus verschiedenen Parteien und Organisationen sind. Sie haben deshalb auch verschiedene Ideen.

Was denkst du über Cardenas? Über seine die Wahl zum Stadtpräsidenten von Mexiko? Wird sich etwas ändern, wenn er regiert?

Cardenas ist Cardenas, er ist nicht typisch für seine Partei, ziemlich konsequent. Und offener als der Rest der PRD. Aber das bedeutet nicht, dass er auch das machen wird, was er vielleicht machen möchte. Zuerst muss er sich beweisen. Ihm sind die Hände gebunden, die Macht hat er noch lange nicht, nur weil er gewählt wurde. Es könnte auch passieren, dass er Opfer von Intrigen oder Rufmordkampagnen wird. Zum Teil wurde ja auch schon versucht, ihn in ein schlechtes Licht zu rücken - auf dem Lande zum Beispiel. Sie haben verbreitet, dass er gestohlen habe, als er Gouverneur war...

Ist die indigene Bevölkerung in Mexiko von Rassismus betroffen?

Gegen Indigenas als solche gibt es keinen Rassismus. Aber gegen arme Leute (Natürlich sind die meisten Indigenas eher arm). In Acapulco z.B. kannst du nicht in eine Disco gehen, wenn du nicht aussiehst, als ob du Geld hast.

Wie stehen die gemeine Bevölkerung und die Medien zu den ZapatistInnen?

Die öffentlichen Medien sind bezahlt dafür, schlecht zu reden über die EZLN. Aber ich weiss nicht, ob diese Menschen wirklich so denken, wie sie schreiben. Die EZLN hat gezeigt, dass sie vieles besser kann als die Regierung. Sie hat gezeigt, dass sie viele Leute mobilisieren kann, dass sie sogar internationale Treffen wie dieses hier organisieren kann, mit einigen tausend Leuten. Aber natürlich gibt es immer Leute, die an den Neoliberalismus glauben. Sie haben Angst, ihren Job oder ihre Vorteile zu verlieren, wenn es eine Veränderung gibt. Sie sind Opfer des Neoliberalismus. Das System will, dass sie so denken, und nicht sie selber.

Möchtest du noch etwas sagen zum Schluss?

Ja, etwas eher Allgemeines: Wir haben dasselbe Problem überall auf der ganzen Welt. Wir haben die Hoffnung auf Veränderung. Aber das Schwierigste ist, selber etwas zu machen. Fast alle wollen wir eine bessere Welt. Ich glaube, es hat etwas mit der psychischen Struktur einer Person zu tun, ob du dafür kämpfen kannst oder nicht. Es muss etwas in dir sein, dass dir die Angst nimmt, gegen den Strom zu schwimmen. Ich hoffe, dass nicht alle dasselbe denken. Pluralismus ist besser. Auch an diesem Treffen gab es Leute, die überzeugt sind, dass ihr Weg der einzig richtige ist und alle anderen unrecht haben. Wir sollten aber trotz den Differenzen gemeinsam gehen, weil wir alle vom Neoliberalismus betroffen sind. Ich freue mich, wenigstens in meiner kleinen Welt etwas zu verändern - es ist besser, als nichts zu machen.

Muchas gracias, Berenice, für das Interview

Irene


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