karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

YA BASTA - es reicht!
Zapatistischer Aufstand in Mexiko

Der Aufstand

1. Januar 1994: Die Reichen und Superreichen Mexikos wollen das Inkrafttreten der NAFTA (Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko) und somit ihren Eintritt in den Olymp der westlichen Industrienationen feiern. Diese neoliberal gewürzte Suppe wird ihnen aber kräftig versalzen. In ganz Mexiko traute mensch seinen/ihren Augen nicht, als am Neujahrstag 1994 ein vermummter Guerillero auf dem Fernsehbildschirm zu sehen war, der vom Balkon des Regierungsgebäude der Stadt San Cristobal de Las Casas aus, der mexikanischen Armee und der machthabenden Regierung kurzerhand den Krieg erklärte. Was war geschehen? Zwar gab es seit längerem Gerüchte über eine geheimnisvolle Guerilla, die im lakandonischen Urwald aktiv sei, doch so recht Glauben schenken wollte diesen niemensch und die Gerüchte wurden als Hirngespinst ein paar "bekiffter Indianer" abgetan. In jener Silvesternacht wurde Mexiko jedoch eines besseren belehrt. Im Bundesstaat Chiapas waren hunderte KämpferInnen einer Gruppe, die sich EZLN (Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung) nennt, in den fünf wichtigsten Städten der Region einmarschiert. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei den meisten Aufständischen um Menschen indianischer Herkunft handelt. Nach dem Einmarsch kam es während zwölf Tagen zu schweren Zusammenstössen zwischen der modern ausgerüsteten Armee und der mehr schlecht als recht bewaffneten EZLN. Bei den Gefechten soll es nach unabhängigen Schätzungen mehrere hundert Tote gegeben haben. Es wurden unter anderem auch Schweizer Pilatusflugzeuge, die offiziell für zivile Zwecke nach Mexiko geliefert wurden, gegen die Aufständischen eingesetzt. Im weiteren kam es zu zahlreichen Übergriffen der Bundesarmee gegen die Zivilbevölkerung und gegen gefangene Zapatistas (Folter, willkürliche Verhaftungen, Massenhinrichtungen, Verschwindenlassen etc.), die u. a. von Amnesty International bestätigt wurden. Um weitere unnötige Konfrontationen zu vermeiden und angesichts der militärischen und zahlenmässigen Überlegenheit der Bundesarmee zog sich die EZLN schliesslich in den lakandonischen Urwald zurück. Auf massiven Druck der mexikanischen Bevölkerung und aus dem Ausland sah sich die seit siebzig Jahren regierende PRI (Partei der institutionalisierten Revolution) zu Verhandlungen und einem Waffenstillstandsabkommen mit der EZLN gezwungen. Die indigenen KämpferInnen hatten ihr erstes Ziel erreicht. Sie hatten weltweit für Aufsehen gesorgt und auf ihre Forderungen nach Land, Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie aufmerksam gemacht.

Vorgeschichte und Hintergründe

Chiapas ist der südlichste mexikanische Bundesstaat. Obwohl er sehr reich an Bodenschätzen (z. B. Erdöl und Erdgas) ist und ein beträchtlicher Anteil des mexikanischen Exports von Kaffee, Fleisch und Mais aus Chiapas kommt, lebt der Grossteil der Menschen in bitterer Armut. Zwei Drittel der Bevölkerung leiden an chronischer Unterernährung, jährlich sterben 15000 Menschen an heilbaren Krankheiten, die meisten Campesinos/-as sind abhängig von den gierigen Grossgrundbesitzern, und vielen sind Strom, sanitäre Einrichtungen und der Zugang zum Gesundheitsdienst verwehrt. Diese miserable soziale Situation betrifft, ähnlich wie in anderen mexikanischen Bundesstaaten, vor allem die Menschen indianischer Abstammung, die zwei Drittel der 3,5 Mio. EinwohnerInnen Chiapas' ausmachen. Doch die indigenen Nachkommen der Mayas, Tzotzilas, Tzetlas, Cholas u. a. m. haben von 500 Jahren Unterdrückung, Rassismus und Ausbeutung genug. Genug davon, von Modernisierung, Globalisierung und den Grossgrundbesitzern an den Rand der Gesellschaft getrieben zu werden. Lange Zeit wurde auf die "Demokratie" gesetzt, Protestmärsche nach Mexiko-City organisiert, versucht, mit der regierenden PRI den Dialog zu führen - ohne Erfolg. Bis zu jenem geschichtsträchtigen 1. Januar 1994, als es durch die ganze Welt "¡Ya Basta! - es ist genug" hallte. Es ist kein Zufall, dass der Aufstand genau an dem Tag begann, an dem die NAFTA in Kraft trat, denn die Auswirkungen dieses Freihandelsabkommens auf die KleinbäuerInnen sind verheerend und verschlechtern ihre (Über-)Lebensbedingungen noch weiter.

Die EZLN und Subcomandante Marcos

Die EZLN (Ejercito Zapatista de Liberacion National), die sich auf den mexikanische Revolutionär und Volkshelden Emiliano Zapata beruft, unterscheidet sich stark von den marxistisch geprägten, revolutionären Guerillas der 70er Jahre. Der bewaffneten Kampf wird nicht als einzige Lösung, sondern als letzter notwendiger Schritt angesehen. Die Forderung der EZLN nach Land, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und nach einem menschenwürdigen Leben kann leicht nachvollzogen werden. Die EZLN verzichtet auf ideologisch geprägte Kampfparolen und lässt sich politisch nicht ohne weiteres in die üblichen Schubladen einordnen. Sie setzt auf Pluralismus, die Organisierung und den Dialog mit der Zivilgesellschaft, auf basisdemokratische Grundsätze und auf eine Welt, in der viele Welten Platz haben sollen. Gerade dieses Konzept hat der EZLN einen sehr starken Rückhalt in der ganzen chiapanekischen Bevölkerung eingebracht. Ihr Slogan "Für alle alles - für uns nichts" zeigt, dass es ihr nicht nur um Autonomie oder um die Verbesserung der Lebensgrundlage der indigenen Bevölkerung geht, sondern dass ihre Forderungen viel weitreichender sind und für einen Wandel zu einem wirklich demokratischen Mexiko stehen.

Natürlich entstand die EZLN nicht aus dem Nichts. Vorausgegangen waren dem Aufstand eine über zehnjährige Vorbereitungsphase im lakandonischen Urwald. In diesen Jahren haben sich immer mehr indigene Gemeinden, junge Männer und Frauen entschlossen, sich der Befreiungsarmee anzuschliessen. Gerade die Frauen haben - in einem Aufstand vor dem Aufstand - eine neue gleichberechtigtere gesellschaftliche Rolle bekommen. Viele Männer mussten (und müssen immer noch) lernen, dass es keine Befreiung ohne die Befreiung der Frauen geben kann.

Wer das Wort Zapatismus in den Mund nimmt, kommt nur schwer an Subcomandante Marcos vorbei. Der Revolutionär, Poet und Sprecher der EZLN, der durch seine zynisch, bissig und blumig verfassten Communiques die Herzen der Menschen bewegt, ist für viele Leute in Süd- und Mittelamerika inzwischen zu einer Art Symbolfigur geworden, ähnlich wie Che Guevara. Von der mexikanische Regierung und den Medien wird Subcomandante Marcos, der für viele LiteraturkritikerInnen, mit seinen Geschichten vom alten Antonio oder vom heldenhaften Käfer Durito, als einer der besten heutigen Schriftsteller Lateinamerikas gilt, zum unumstrittenen "Maximo Lider" der zapatistischen Bewegung hochstilisiert. Und demzufolge zeichnen sie das Bild vom Kopf einer Schlange, den es abzuschlagen gilt. Doch wer ist dieser geheimnisvolle Marcos, der sich nur vermummt mit einer Pasamontana (eine Art Wollmütze) in der Öffentlichkeit präsentiert? Schon mehrfach hat die Regierung die Gefangennahme oder Erschiessung des Subcomandante bekanntgegeben, was sich im Nachhinein immer als peinliche Pleite für die Geheimpolizei erwies. Nach neuesten Erkenntnissen soll es sich beim Subcomandante Marcos um den weissen, 40-jährigen ehemaligen Soziologie- und Kommunikationswissenschaftler Rafael Sebastian Guillen Vicente handeln... Dieses Outing, wenn es denn so ist, konnte, wie von der Regierung erhofft, den Mythos rund um den Sub aber bisher nicht zerstören.

Die Verhandlungen und der Krieg gehen weiter

Mitte Februar 94 kam es zwischen der Regierung und den Aufständischen zu ersten Gesprächen. Die Verhandlungen verliefen jedoch erfolglos, da die Regierung versuchte, die Aufständischen mittels Angeboten und Geld für soziale Verbesserung ruhig zu stellen. Statt dessen trat die EZLN in Kontakt mit anderen oppositionellen Gruppierungen in Mexiko und lud zu einem ersten Treffen ein. Die Idee war es, gegen die korrupte PRI ein breites Bündnis aufzubauen. Während dem Waffenstillstand führte die Regierung einen Krieg niedriger Intensität. Der Gürtel um den lakandonischen Urwald, wo die EZLN stationiert ist, wurde immer enger gezogen. Repression gegen die Zivilbevölkerung waren und sind an der Tagesordnung. Es sind auch "Guardias Blancas" im Einsatz. Diese paramilitärischen Einheiten, die von den Grossgrundbesitzern finanziert werden, terrorisieren ganze Gemeinden. Da viele ausländische Kapitalgeber den Konflikt in Chiapas als Investitionshindernis ansehen, brach die mexikanische Regierung den Waffenstillstand und begann am 9. Februar 95 erneut mit einer Offensive gegen die Zapatistas, die vor allem die Unterstützungsdörfer hart traf. Ganze Dorfgemeinschaften sahen sich gezwungen, in den Regenwald zu flüchten. Unterdessen demonstrierten in Mexiko-City mehrere hunderttausend Menschen für eine friedliche Lösung des Konfliktes. Die Regierung sah sich erneut gezwungen, den Dialog mit der EZLN wieder aufzunehmen. In San Andres kam es nach langen Verhandlungen zu einem ersten Abkommen, das für die Aufständischen ein Mindestmass an Autonomie bezüglich ihrer indigenen Kultur und ihren Rechten zugestand. Gleichzeitig wurde aber der Krieg niederer Intensität weitergeführt. Ein weiteres Schwergewicht der Zapatistas ist ihre Medienarbeit. Immer wieder versucht die EZLN, sich aus ihrer Isolierung zu lösen und die Weltöffentlichkeit zu erreichen. Auch steht sie permanent im Dialog mit der Zivilgesellschaft. So entstanden zahlreiche Unterstützungskomitees, die sich mit der FZLN (Zapatistisches Bündnis zur Nationalen Befreiung) eine basisdemokratische Struktur gegeben haben. Die FZLN, die ausdrücklich keine Partei ist, versucht die MexikanerInnen in die politischen Entscheidungen miteinzubeziehen und ein breites Widerstandsnetz innerhalb der Gesellschaft und gegen die PRI aufzubauen.

Die aktuelle Lage

Wie prekär und explosiv die Lage in Chiapas immer noch ist, zeigte das Attentat auf die zwei bekannten mexikanischen Bischöfe und Befreiungstheologen Samuel Ruiz und Raul Vera, die sich seit Jahrzehnten für die Belange der Indios einsetzen. Am 4. November geriet ihr Fahrzeugkonvoi in einen Hinterhalt und drei Begleiter der Bischöfe wurden angeschossen. Hinter dem Anschlag steckt die "Pay y Justicia", eine paramilitärische Gruppe, die der PRI nahesteht und von dieser finanziert wird. Mitte September ist nun die FZLN, nach einer zweijährigen Probezeit, in Mexiko-City offiziell gegründet worden. Zu diesem Anlass reisten 1'111 Zapatistas, unbewaffnet aber vermummt, von Chiapas in die Hauptstadt (ins Herz der Bestie), wo sie von über hunderttausend Menschen begeistert empfangen wurden. Gleichzeitig protestierten sie mit ihrem Marsch dagegen, dass der Vertrag von San Andrés über mehr Autonomie und Rechte für die indigene Bevölkerung bis heute nicht eingelöst wurde.

Massaker in Chiapas

Kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns die traurige Nachricht eines Massakers in Chiapas. Am 22. Dezember 97 wurden in einem Flüchtlingslager in Acteal 45 ZivilistInnen von Paramilitärs niedergemetzelt. Unter den Opfern befinden sich v. a. Frauen und Kinder, die zuvor aus ihrem Dörfern vertrieben wurden und nach Acteal geflohen waren.

Die Flüchtlinge hatten sich in einer Kirche zu einer Messe zusammengefunden, als gegen hundert schwerbewaffnete und uniformierte Männer die Kirche umstellten. Während fünf Stunden wurden die wehrlosen Menschen mit halbautomatischen Waffen und Buschmessern massakriert. Die beim Überfall benutzten Waffen stammen aus Armeelagern und wurden von der lokalen PRI-Gemeinderegierung an die Paramilitärs verteilt.

Inzwischen wurden über 30 der Täter verhaftet, darunter auch mehrere Mitglieder der regierenden PRI.

Einmal mehr haben die Herrschenden bewiesen, wer die wirklichen Terroristen und Meuchelmörder sind...

Michi

Quellen:

Für weitere Publikationen: Direkte Solidarität mit Chiapas, Postfach 8616, 8036 Zürich


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