karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Grosskundgebungen gegen den Front National

Über 50'000 Menschen (das Organisationskomitee sprach gar von 100'000) haben am Ostersamstag in Strassbourg gegen den Parteitag der Front National und deren Führer Jean-Marie Le Pen demonstriert. Es war die grösste Demonstration gegen den rechtsextremen FN in der Geschichte Frankreichs.

Da wir im Jura über Ostern gerade so was wie ein Polit-Weekend haben, und es vom Jura bekanntlich nicht allzuweit nach Strassbourg ist, kommt diese Grosskundgebung wie gerufen, um dem trockenen Theorieteil (Trocken? die Layouterin) auch etwas Praktisches beizufügen. So ist es beinahe ein Muss (?) ins schöne Elsass zu fahren, um wiedermal einen Blick über den alpenländischen Tellerrand zu wagen. Ohne nennenswerte Probleme erreichen wir Strassbourg, wo wir sogar pünktlich um 15 Uhr zur Demo eintrudeln!

Grund für diese Grosskundgebung ist der Parteitag der faschistischen "Front National", die im "Palais des Congrès" ihren 10. Parteitag abhält. über 2'200 FN-Delegierte reisen für diesen an. Schon Tage im voraus finden über hundert Gegenkundgebungen, Konzerte, Theater, Polit-Veranstaltungen, Lesungen und Ausstellungen gegen den Parteikongress des Front National statt. Vor allem auch die Sozialistische Bürgermeisterin von Strassbourg, Chaterine Trautmann, unterstützt diese Gegenkundgebung und ruft dazu auf, den Front National zu bekämpfen. Als sie sich noch 1992 weigerte, dem FN ein öffentliches Gebäude zur Verfügung zu stellen, wurde Trautmann für ihre Zivilcourage gebüsst. Also die gute Chaterine beim Wort (mit dem Kämpfen und so... der Tipper) genommen und ab nach Strassbourg!

Im Vorfeld der Grosskundgebung werden aber auch Stimmen laut, die den Sozis vorwerfen, mit ihrem Engagement gegen Le Pen und den Front National vor allem eigene Interesse zu verfolgen, um so ihr momentan ziemlich ramponiertes Ansehen in der Bevölkerung aufzubessern. "Die Sozialistische Partei spiele sich bloss plötzlich als grosse Retterin vor dem Front National auf, um so für die anstehenden Wahlen auf Stimmenfang zu gehen. Gerade sie, die während ihrer Regierungszeit mit teilweise rassistischer Immigrationspolitik von sich reden machte, und für z.T. drastische Verschärfungen im AusländerInnenrecht verantwortlich ist", war ein Vorwurf, der vielfach genannt wurde und wohl nicht von der Hand zu weisen ist... Wenn interessiert's... ist eh überall das gleiche mit den Sozis, oder?

Zur Manifestation gegen Jean-Marie Le Pen und seine Front National hatten zahlreiche politische, kulturelle und religiöse Gruppen und Vereinigungen aufgerufen. Antirassismus-Gruppen waren ebenso präsent, wie StudentInnenverbände, ausserparlamentarische Gruppen und Grüppchen, ebenso wie Teile der etablierten SozialistInnen, Grünen und KommunistInnen, aber auch Gewerkschaften, AnarchistInnen, Punks, Jugendverbände etc. Und auch sehr viele ImmigrantInnen mischten sich unters Volk. Auch aus dem Ausland sind zahlreiche Menschen und Gruppen angereist. Da sind natürlich mal Aarau & Bremgarten, aber auch die "Anti-Nazi-League" aus Grossbritannien ist ebenso da, wie die deutsche "AA/BO". Hunderte von Gruppen und zehntausende von Menschen beteiligen sich an dieser Grosskundgebung. Jede/r, läuft mit einem Plakat oder eine Fahne durch die Gegend, hält ein Schild, mit einem intelligenten Spruch in die Luft oder versucht sonstwie auf seine/ihre individuelle Art und Weise die Demo zu prägen. Immer mehr Menschen stossen zur Demo. Das totale Chaos! Niemand weiss, wo die Demo beginnt, wo vorne oder hinten ist...

Nach einer Stunde des Untätigseins bewegt sich die Demo das erste Mal ein paar Meter, nicht weiter. Alle Minuten geht es ein paar Meter vorwärts, um dann wieder eine Stunde blöd rumzustehen. Endlich nach einer weiteren Stunde des Wartens, setzt sich der Umzug endlich in Bewegung und wir können losmanifestieren. Es wird, wie in Frankreich üblich, blockweise gelatscht. Vor uns irgendeine Jugendorganisation. Hinter uns die CNF, eine anarchistische Gewerkschaft. Ach ja, wir sind übrigens im Antifa-Block. In dem vor allem auch viele Leute aus Deutschland präsent sind. Vor allem die AA/BO (Antifaschistische Aktion / Bundesweite Organisation) ist stark vertreten. So werden dann in diesem Block vorwiegend deutsche Parolen zum Besten gegeben (wir sprechen deutsch... der Tipper), was zumindest mir persönlich ziemlich schräg reinkommt. Auch ist der Block recht schlapp und nicht-so-super-powerfull-mässig drauf, so zieht es mich weiter nach vorne (schlapp war er definitiv nicht... die Layouterin), wo so richtig die Party abgeht! ALLE singen mit, es wird getanzt, gelacht, geklatscht etc.: der totale Wahnsinn! Einfach genial! Mensch kommt sich vor wie auf einem Zebda-Konzert (eine geile Band aus Toulouse, unbedingt reinziehen!). Irgendwann wird es aber sogar mir altem Partyhasen zuviel der Party, und es zieht mich wieder zurück in den Antifa-Block. So latschen wir gemütlich durch Strassbourg. Irgendwann wird dann noch mit dem selbstgebastelten Flugzeug, das die ganze Zeit auf dem Dach des Lautsprecherwagens mitfuhr, ein kleines Feuerchen gemacht. Was zumindest für ein paar Minuten erwärmt. Übrigens ist es trotz schönem Wetter arschkalt. Dummerweise haben ich in einem Mackeranfall irgendsoeiner meine schön-warme Jacke ausgeliehen (da sie ihre Jacke im Auto zurück liess, da diese gelb ist und dies bekanntlich nicht in einen schwarzen Block gehört... bla bla bla). Natürlich habe ich mir nicht anmerken lassen, dass ich mir den Arsch abfriere... Schliesslich ist man ja Mann. (Der Idiot outet sich sogar noch öffentlich, pfui... die mit der gelben Jacke)

Als dann ein Strassenschild auftaucht, das in Richtung "Palais des Congrès" weist und weit und breit keine Flics (französisch - Polizist... der Tipper) zu sehen sind, entschliesst sich ein Teil des Blockes spontan mal dort nach dem Rechten (Le Pen) zu sehen. Zögerlich und unentschlossen ziehen ein paar hundert ManifestantInnen in Richtung Kongressgebäude, wo die Versammlung des FN stattfindet. Von weitem erblicken wir die Flics, die uns schon sehnsüchtig erwarten. Die ersten Steine fliegen, die Flics ballern fleissig (beinahe wie in Zureich... der Tipper) Tränengas durch die Gegend und schon hat der Spuk ein Ende. Unterdessen war auch die offizielle Demo beendet.

Am Abend fand dann noch ein grosses Open-Air gegen Rassismus statt, an dessen Rande heftig randaliert wurde, worauf die Bullen den ganzen Platz (friedliche KonzertbesucherInnen, mit Kindern & Hunden...) mittels Wasserwerfer & Tränengaspetarden räumten. Bis spät in die Nacht hinein kam es in der Folge zu schweren Ausschreitungen und Plünderungen.


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