karnikl nagt an den Wurzeln
Polit-, Kampf- und Spassblatt aus dem Rüebliland

Autonome Freiräume - Häuserkampf
Eine kurze Einführung

Liebe Leute

Hier also der Einführungsteil, wie es sich für eine Zeitung mit hohen wissenschaftlichen Ansprüchen gehört (...). Wie ihr unschwer feststellen könnt (wenn ihr nicht nur die Fotos anschaut), ist diese Ausgabe vor allem dem Schwerpunktthema "Autonome Freiräume" gewidmet. Unter "autonomen Freiräumen" versteht mensch Orte, die unabhängig von Staat & Kapital etc. verwaltet werden. Also selbständig, "frei" und halt eben autonom sind.

Wieso aber eigentlich dieses Schwerpunktthema? Der eine Grund dafür ist einerseits, dass in der Aarauer BesetzerInnen-Szene seit der Herzogstrasse die Luft wohl momentan ziemlich draussen ist und wir die Hintergründe etwas näher betrachten möchten. Andererseits feierte die selbstverwaltete Kleiderfabrik in Bremgarten vor kurzem das 5-jährige Jubiläum. Deshalb sind wir, das Zeitungskollektiv, der Ansicht, dass wir uns mit dem Thema ruhig etwas intensiver beschäftigen sollten.

Wir wollen im karnikl Nr. 1 über Sinn und Zweck von autonomen Freiräumen philosophieren, über die Geschichte und Inhalte der BesetzerInnenszene erzählen, über die momentane Situation in der Schweiz, über Probleme, mit denen sich AktivistInnen rumschlagen müssen etc. Wir wollen aber auch das eine oder andere hinterfragen und kritisch ins Auge fassen. Eigentlich sollte an dieser Stelle nun ein kleiner Abriss des Häuserkampfes folgen, da die Anfänge aber nicht so leicht ausfindig zu machen sind, wollen wir nur einige der bekanntesten Besetzungen in Europa erwähnen, welche schon seit einigen Jahre existieren.

Eine kleine historische Reise zurück in die Vergangenheit

Bekannte Beispiele für autonome Freiräume sind wohl die Hafenstrasse in Hamburg (FC St. Pauli in den UEFA-Cup... der Texter), das Christiania, ein besetzter und selbstverwalteter Stadtteil(!) in Kopenhagen und das Leoncavallo in Milano, um nur ein paar zu nennen.

In der Schweiz gab es anfangs der 80-er Jahre eine sehr starke AJZ-Bewegung. In Zureich gingen immer wieder tausende von jungen (und auch älteren) Menschen auf die Strasse, um ihrer Forderung nach einem selbstverwalteten Jugendzentrum Ausdruck zu verleihen.

Dabei kam es mehrfach zu schweren Krawallen, die als "die Jugendunruhen von Zureich" in den hiesigen Geschichtsbücher der herrschenden Platz fanden, und weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen sorgten. Infolgedessen entstand auch in anderen schweizer Städten eine Autonomie-Bewegung und es kam auch ausserhalb von Zureich zu Besetzungen und Unruhen. Bekannteste Überbleibsel aus dieser Zeit sind die Reitschule in Bern, sowie die Rote Fabrik in Zureich, wobei bei letztgenannter schon lange nicht mehr von "autonom" gesprochen werden kann, da diese sehr früh von der Stadt institutionalisiert wurde, und heute wohl nur noch einer der vielen Konsumtempel mit alternativem Anstrich ist...(aber trotzdem viele gute Konzerte organisiert... die Layouterin). Ebenfalls in Zureich befand sich die legendäre Wohlgroth, die bis zu ihrer Räumung vor 3 Jahren autonom blieb und sich auf keinen Deal mit der Stadt und dem Kapital einliess. Leider längst Geschichte und beinahe schon vergessen sind z.B. das Zaffaraya1, ein Hüttendorf in Bern, oder die Stadtgärtnerei in Basel.

Zur Zeit gibt es in der Schweiz immer noch ein paar kleinere oder grössere AJZs. So in Biel, Bremgarten, La Chaux-de-Fonds, Genf, Lausanne, Luzern, Winterthur oder im Tessin, sowie zahlreiche Hausbesetzungen zu Wohnzwecken.

Für die weniger Bewanderten unter uns und die, welche sich immer wieder fragen, weshalb diese jungen "ChaotInnen" immer wiedermal gesetzeswidrigerweise in ein Gebäude eindringen um lautstark autonome Freiräume zu fordern, die Fassaden mit viel Farbe verzieren, mit Parolen beschmieren und ihre Bettwäsche aus den Fenstern hängen, seien hier kurz Sinn & Zweck des Häuserkampfes erläutert.

Um was geht es überhaupt?

Da Wohnbesetzungen in einem separaten Beitrag behandelt werden, widmen wir uns im folgenden Teil vorwiegend den Bestrebungen, Raum für Kultur in Anspruch zu nehmen. Die Forderung nach Autonomie (also Unabhängigkeit) wird logischerweise immer dann gestellt, wenn eine Abhängigkeit besteht. In diesem Fall ist es die Abhängigkeit von Staat und Kapital. Es sind dies zwei Faktoren, welche unser Leben weitgehend bestimmen und somit auch - als lustvoller Ausdruck dessen - unsere kulturellen Aktivitäten. Durch die allgegenwärtige Präsenz des Kapitals und die Ausrichtung unserer Aktivitäten auf dieses, kann sich keine Kultur entwickeln, die nicht kommerziell orientiert ist und MacherInnen nicht von KonsumentInnen trennt. Das Bedürfnis nach unabhängigem (Kultur-)Raum, der von BenützerInnen selbst verwaltet und gestaltet wird, ohne Konsumzwang und wirtschaftliche Orientierung, hat die AJZ-Bewegung geboren.

Es ist der Versuch, wenigstens unsere Kultur nicht dem System und den damit verbundenen gesellschaftlichen Zwängen zu unterwerfen, indem wir sie selbst definieren und machen. Es ist der Versuch, nach selbstbestimmten Prinzipien zu leben, die auf gegenseitigem Respekt, Verantwortlichkeit und freier Entfaltung aller beruhen. Es kann aber nicht der Sinn eines autonomen Freiraums sein, bloss als kulturelles Rückzugs- und Erholungsgebiet von den wahren Problemen abzulenken. Er sollte eigentlich vor allem als Ausgangspunkt und Infrastruktur für weitere Autonomie-Bestrebungen dienen, die alle Lebensbereiche umfassen. Die meisten von uns können sich ihr Arbeitsverhältnis nicht selber gestalten und müssen, für ein Minimum an Selbstbestimmung, für jemand anders arbeiten - die Arbeitskraft verkaufen. Es ist nicht gerade einfach, sich diesen wirtschaftlichen Zusammenhängen zu entziehen. Wo, mit wem und in welcher Form wir aber unsere freie Zeit verbringen, können wir selber entscheiden. (Ausserdem können aus Kulturprojekten ja auch ganze, selbstverwaltete Siedlungen oder Stadtteile entstehen, in die der Arbeitsprozess natürlich integriert ist). Wenn wir hirnlos konsumieren, um den Alltagsfrust zu vergessen, helfen wir mit, das kapitalistische System aufrecht zu erhalten (das natürlich weiterhin frusten wird, weswegen wir immer mehr konsumieren müssen...). Wir können aber auch den Arsch hochkriegen und Stück für Stück unser Leben wieder in die eigenen Hände nehmen - Autonome Freiräume könnten dazu ein Anfang sein!

Zum Abschluss ein paar kritische (und persönliche) Gedanken

Nun zum Abschluss doch noch ein paar kritische Gedanken und Anmerkungen. Ganz ehrlich gesagt bin ich (wie gesagt, meine ganz persönliche Meinung) nicht allzu traurig, dass es z.B. in Aarau kein AJZ gibt (mir macht es auch nicht wirklich viel aus, dass es dem FC. St. Pauli nicht für den UEFA-Cup reicht... die Layouterin). So ein Ding ist immer auch mit viel Arbeit und Ärger verbunden. Viele BesetzerInnen von früher wissen nicht nur positives zu berichten. Neben dem ganzen Stress mit den Behörden, Bullen und der Nachbarschaft, werden vielfach andere Sachen unterschätzt. Sich den Arsch aufzureissen für ein Projekt, das dann doch nur zu einem Treffpunkt für ein paar Konsumzombies mutiert, wo mensch in Ruhe einen Joint rauchen, nach Mitternacht noch ein Bier reinkippen und sich kulturell befriedigen kann. Sich mit DealerInnen, Dummpunks und anderen IdiotInnen rumzuärgern, gehört leider in vielen autonomen Projekten zum Alltag. Nein Danke! Darauf habe ich keinen Bock! Wenn ich mitbekomme, wieviele Leute sich in solchen Projekten "verheizen" lassen (und liessen), wieviel Power draufgeht, oder wie eine unzufriedene Jugend sich durch ein AJZ besänftigen und kaufen liess und lässt... Wenn ein besetztes Haus zum einzigen politischen Inhalt verkommt, wenn es nur noch darum geht, sich seine kleine, heile Welt in diesem Scheiss-System aufzubauen und zu "sichern", haben wir dann nicht schon im voraus verloren? Ich denke, politische Widerstandsarbeit ist auch ohne ein AJZ möglich. Mensch hat mehr Zeit und Power für andere, wichtige(re) Themen. Vielmehr sollten unsere Träume nicht ein, nicht zehn, nicht hundert Häuser, sondern ALLES sein!!!

In Erwägung, dass da Häuser stehen,
während ihr uns ohne Bleibe lässt,
haben wir beschlossen, jetzt dort einzuziehen,
weil es uns in unseren Löchern nicht mehr passt.

Bertolt Brecht

1 Entgegen der Darstellung im Artikel erfreut sich das Zaffaraya bester Gesundheit - und ist weder Geschichte noch vergessen. Zum Zeitpunkt dieser Korrektur freuen sich die BewohnerInnen auf den bevorstehenden 20sten Geburtstag!


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