"Frauen bildet Banden!" Seit dem Herbst '95 gibt es in Bern eine FrauenAntifa, die
Fantifa. Sie ist eine der zahlreichen, im linken
ausserparlamentarischen Spektrum tätigen Gruppen, welche aus der
Reitschule Bern hervorgegangen sind. Aus welchen Motiven und vor welchem Hintergrund wurde die
Fantifa gegründet? Der Auslöser war die Wut und Betroffenheit, welche zwei kurz
aufeinanderfolgende Vergewaltigungen und eine versuchte
Vergewaltigung in der Reitschule ausgelöst haben. Dieser
extremen Form von Gewalt gegen Frauen liegt eine allgemeine
sexistische Haltung zugrunde, welche potentielle Täter schützt.
Vor diesem Hintergrund entschieden einige Frauen, sich in einer
Gruppe zusammenzuschliessen, um Gewalt gegen Frauen in und ausserhalb
der Reitschule zu thematisieren und ihr konkrete Aktionen
entgegenzusetzen. Angefangen haben wir mit Nachtwachen. Bei jedem
Konzert, jeder Veranstaltung in der Reitschule war bis zum Schluss
mindestens eine Fantifa-Frau anwesend, um bei Belästigungssituationen
einzugreifen, die Frau zu unterstützen und ihr bei Bedarf den
Nachhauseweg zu organisieren. Es handelt sich also nicht um eine Antifa im ursprünglichen
Sinne die hauptsächlich gegen faschistische Tendenzen in der
Gesellschaft und oftmals nur gegen deren krasseste Auswüchse
(Strassenfaschos etc.) agiert? Nein. Weshalb nennt Ihr Euch FrauenAntifa? Weshalb ist es Euch so
wichtig, eine Verbindung zwischen Antifaschismus und Antisexismus
herzustellen? Wir denken, es ist inkonsequent, sich gegen faschistische
Tendenzen auszusprechen, ohne sie im Zusammenhang mit sexistischer
Gewalt zu sehen. Beiden Unterdrückungsformen liegt der gleiche
Ausgrenzungsmechanismus zugrunde: Menschen werden aufgrund ihrer
Herkunft/Kultur, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung
diskriminiert. Die Unterdrückung der Frauen ist integraler
Bestandteil von Gewaltherrschaften. Das kommt beim NS-Faschismus
besonders zum Ausdruck. Während der Nazizeit nahm die
Emanzipation der Frau einen Rückschritt, die bisher erkämpften
Rechte wurden wieder abgebaut ( Geburtenkontrolle, Rollenverteilung
etc.). Sowohl Faschismus als auch Sexismus basieren auf einer
ungleichen Machtverteilung. Faschismus ist nicht unbedingt die
logische Konsequenz einer patriarchalen Gesellschaft, aber er ist
eine Möglichkeit, die bestehenden patriarchalen Machtgefälle
auszuweiten. Ich sehe hauptsächlich Parallelen von Frauenunterdrückung
und Rassismus. Viele Formen von Rassismus und Sexismus werden
gesellschaftlich akzeptiert und reproduziert. Die Gesellschaft trägt
solche Strukturen subtil in sich. Also den Mechanismus des
Ausschliessens und Unterdrückens einer Menschengruppe von einer
andern. Wir denken, Sexismus wird nicht nur auf gesellschaftlicher,
sondern auch auf staatlicher Ebene praktiziert. Nicht nur subtil,
denn der Staat basiert auf einer patriarchalen Struktur. Der Staat
unterstützt die Frauenunterdrückung nicht nur passiv, er
ist auch ausübend. Denken wir beispielsweise daran, wie er mit
der Verjährungsfrist sexueller Ausbeutung von Kindern umgeht:
Vor kurzem betrug die Verjährungsfrist noch fünf Jahre!
Vergewaltigung in der Ehe wird erst seit einigen Jahren als
Sexualdelikt behandelt. Den Frauen in der Schweiz wurde die
politische Mitbestimmung bis 1971 verweigert (in einigen Kantonen
sogar noch länger!). Was bezweckt ihr mit Eurer Arbeit? Was sind Eure Ziele? Wir wollen auf Sexismus aufmerksam machen, Frauen dazu ermutigen,
sich zu wehren und sich untereinander solidarisch zu verhalten.
Männer wollen wir mit ihren eigenen sexistischen
Verhaltensweisen konfrontieren. Innerhalb der Reitschule heisst das,
ein Klima zu schaffen, in dem Frauen sich frei bewegen können.
Antifaschistische Arbeit gehen wir aus einer feministischen
Perspektive an. Versucht Ihr, dies nur in der eigenen Szene umzusetzen, oder
auch die "Normalgesellschaft" zu erreichen? Beides, wir arbeiten reitschulintern und regional. Dazu machen wir
vor allem Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit. Frauen innerhalb
und ausserhalb der Szene sind gleichermassen persönlich von
Sexismus betroffen, daher auch eher erreichbar. Die Männer in
der Szene zu sensibilisieren ist oft genauso schwierig, wie das Thema
in die "bürgerliche Öffentlichkeit" zu bringen.
Mit Infoveranstaltungen und Plakataktionen in der Reitschule
versuchen wir, vor allem "linke Männer" und
Konsumenten zu erreichen. Durch unsere kontinuierliche Arbeit, unser
Beharren auf frauenspezifische Anliegen haben wir sicher schon
einigen Männern Denkanstösse gegeben. Wir lehnen es jedoch
ab, in eine Erzieherinnenrolle gedrängt zu werden und erwarten
von Männern, sich untereinander zu organisieren. Wie arbeitet Ihr konkret? Im letzten Jahr haben wir eine Infoveranstaltung mit Frauen vom
Xenia (Beratungsstelle für Prostituierte) zum Thema
Strassenprostitution organisiert. Wir befassten uns mit "Frauen
in der rechtsextremen Szene" und veranstalteten dazu einen Info-
& Diskussionszyklus. An gemischten Demos und Aktionen weisen wir immer wieder auf
frauenspezifische Anliegen hin. So sind wir zum Beispiel im
"Aktionskomitee gegen das neue Polizeigesetz" aktiv (Dieses
Gesetz berechtigt unter anderem männliche Polizeibeamte, Frauen
im körperlichen Intimbereich zu untersuchen!). Mit der Infobroschüre "Frauen wehrt euch" haben wir
Selbstverteidigungstips, Adressen von Hilfsorganisationen, sowie
juristische Aspekte zum Thema sexuelle Gewalt zusammengefasst. Das
Büchlein wird ab Sommer 98 in überarbeiteter Auflage wieder
erhältlich sein. Innerhalb der Reitschule machten wir mit Tischsets (in der
Reitschule befindet sich die Genossenschaftskneipe "sous le
pont", d. T.), Dias im Kino und Wandsprüchen auf Gewalt
aufmerksam. Auch ausserhalb der Reitschule betreiben wir
Öffentlichkeitsarbeit: Letztes Jahr gab es in der Stadt Bern
sechs Vergewaltigungen, die öffentlich gemacht wurden. Jedesmal
haben wir mit Aktionen darauf reagiert, haben Kundgebungen oder
Mahnwachen organisiert, Transpiaktionen gemacht etc. Durch die
kontinuierliche Arbeit werden wir und unsere Anliegen von der
Öffentlichkeit auch immer mehr wahrgenommen. Die Zeitungen
drucken immer längere Auszüge aus unseren Pressecommuniqués
ab. Die Aktionen am 25. November (Internationaler Tag gegen Gewalt an
Frauen) und am 8. März (Internationaler Frauenkampftag) sind auf
reges Interesse gestossen. Stosst Ihr auf Widerstände innerhalb der Reitschule? Ja, schon. Dies war vor allem zu Beginn unserer Aktivitäten
so. Als wir die Nachtwachen organisiert haben, bekamen wir so wenig
Unterstützung von den Arbeitsgruppen der Reitschule, dass wir
nach einigen Monaten abbrechen mussten. Wir alleine hatten nicht die Kapazität, längerfristig
bei jeder Veranstaltung präsent zu sein. Teilweise werden wir
nicht ernst genommen. Für gewisse Leute sind wir zu jung, zu
offensiv, zu radikal. Dies wird zwar nur selten offen geäussert,
wir bekommen aber manchmal einfach keine Solidarität. So nach
dem Motto: "Wir haben doch keine Probleme hier". Dies hat
sich in letzter Zeit allerdings etwas verbessert. Und von anderen Antifas? Von der Antifa Bern bekommen wir Unterstützung und arbeiten
punktuell mit ihr zusammen. Arbeitet Ihr noch mit anderen Gruppen zusammen? Wie steht es
mit Bündnispolitik? Mit der Frauenkoordinationsgruppe der Reitschule haben wir alle
eineinhalb Monate eine gemeinsame Sitzungen. Zur Xenia haben wir gute
Kontakte, aber ist es vor allem eine informelle Zusammenarbeit. Dass
wir im "Aktionskomitee gegen das neue Polizeigesetz" aktiv
sind, haben wir bereits erwähnt. Gibt es auch Männerprojekte/Gruppen in der Reitschule, die
sich mit Sexismus auseinandersetzen oder politisch daran arbeiten? Während den Frauendiscos gab es jeweils eine Männerkrippe
(von Männer für Männer), an dem Sexismus thematisiert
wurde. Ab März 98 wird ein neuer Versuch gestartet, die
Männerkrippe wieder zu beleben. Die dort aktiven Männer
waren wohl mit der Zeit über das geringe Interesse frustriert. Seid Ihr überregional organisiert? In der Schweiz gibt es keine anderen Fantifas. Die Fantifas in
Deutschland organisieren regelmässig bundesweite Treffen, an
denen wir auch teilnehmen. Diese beinhalten vor allem einen
Informationsaustausch über den Umgang mit
Sexisten/Vergewaltigern in der Szene. FRAUEN BILDET BANDEN! Kontaktadresse: Zurück zur Hauptseite vom karnikl oder des KulturZentrums Bremgarten KuZeB
Fantifa Bern, Postfach 5053, 3000 Bern
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