Illegalisierte Hausangestellte in der
Schweiz Solidarität mit Migrantinnen Im Frühjahr 1996 entstand in Zürich die Arbeitsgruppe
"Solidarität mit illegalisierten Frauen". Sie setzten
sich zum Ziel, die menschenunwürdigen Lebensumstände der
illegalisierten Migrantinnen, die in der Schweiz arbeiten,
aufzuzeigen und zu verändern. Frauen aus verschiedensten
Organisationen (Frauenhaus Zürich, Frauen-Informationszentrum
FIZ, Aqui Nosotras, Xenia Bern, ZAGJP-Gassenarbeit und viele mehr)
gründeten dieses Netzwerk. 1997 wandten sie sich den
spezifischen Situationen in privaten Haushalten zu und organisierten
dieses Jahr am 8. März einen Veranstaltungsnachmittag zum Thema
"Illegalisierte Hausangestellte in der Schweiz." Schweizer Gesetze fördern die Ausbeutung Die globale Entwicklung, die Asyl- und AusländerInnen-Politik
der Schweiz und die geschlechterspezifische Situation der Frauen
dieser Welt haben zur Folge, dass auch bei uns immer mehr
illegalisierte Frauen leben. Durch unsere ausländerInnenrechtlichen
Bestimmungen (Drei-Kreise-Modell) erhalten Personen aus den Ländern
Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas keine
Arbeitsbewilligung. Da aber Migrantinnen im sexuellen und
haushälterischen Bereich wieder sehr gefragt sind, werden sie
als legalisierte Ehefrauen, halblegalisierte Cabaret-Tänzerinnen
und illegalisierte Hausangestellte oder Sexarbeiterinnen toleriert.
Es sind jedoch unsichere Migrationsverhältnisse, die oft zu
Illegalisierung führen, sei es, weil sich ihr Schweizer Ehemann
vor Ablauf der Fünfjahresfrist scheiden lässt (womit ihr
"Aufenthaltszweck" dahinfällt), oder weil ihr
Artistinnenvisum abgelaufen ist, und sie ihrer Agentur immer noch
Geld schuldet, oder eben ihr Hausangestelltenverhältnis
"gekündigt" worden ist. In der Schweiz können
Migrantinnen keine Arbeitsbewilligung erhalten und haben auch keine
rechtlichen Chancen, eine qualifizierte Arbeit - zum Beispiel in
ihrem erlernten Beruf - zu finden. Das kommt vielen ArbeitgeberInnen
sehr gelegen. Hausangestellte mit Bewilligung könnten
Sozialleistungen einfordern, sich organisieren und wären deshalb
teurer. Die Migrantinnen werden oft wie der letzte Dreck behandelt.
Meistens arbeiten diese Frauen zwölf Stunden am Tag und bekommen
einen mickrigen Lohn (ca. 8-10 Fr. als Kindermädchen / 10-15 Fr.
für Hausarbeit). Illegalisierte Frauen sind in vielen Bereichen
ungeschützt, sie werden ausgebeutet, erpresst und sind dauernd
von der Ausschaffung bedroht. Sie haben auch nicht die Möglichkeit,
eine Krankenversicherung abzuschliessen und müssen daher die
Spital- und Arztrechnungen selber bezahlen. Emanzipieren sich die einen Frauen auf Kosten der anderen? In Europa ist die Nachfrage nach Arbeitskräften im Haushalt,
in der Kinderbetreuung und in der Alterspflege wieder extrem gross.
Ein wichtiger Grund dafür ist sicher, dass wir die gerechte
Arbeitsteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern
und Frauen immer noch nicht geregelt haben. Laut einer Studie der WochenZeitung WoZ vom 14. Juli 97 beträgt
die jährlich von Frauen geleistete Gratisarbeit in Franken
umgerechnet rund 120 Milliarden, was einem Drittel des
Bruttoinlandproduktes entspricht. Die von Männern geleistete,
unbezahlte Arbeit beträgt jedoch umgerechnet nur 42 Milliarden
Franken. So findet jährlich eine riesige Umverteilung zu
Ungunsten der Frauen statt. Die meisten Männer haben ihren Teil
an der Hausarbeit nicht übernommen, obwohl immer mehr Frauen
erwerbstätig geworden sind. In diese Lücke springen immer
häufiger Frauen aus dem Trikont. Warum kämpfen einige
Frauen einerseits für die Aufwertung der Reproduktionsarbeit,
möchten aber andererseits möglichst wenig davon selber
verrichten? Um das weisse, feministische Gewissen zu entlasten, wird
aufgewertet, so kann frau sich bedenkenlos in die Karriere stürzen,
ohne aber dabei auf Kinder sowie höheres Einkommen verzichten zu
müssen! Emanzipieren sich also die einen Frauen auf Kosten der
anderen? Wie sieht eine Strategie aus, welche auf die Befreiung
beider Gruppen von Frauen zielt? Diese Fragen wurden in
Arbeitsgruppen diskutiert. Die Organisatorinnen der Veranstaltung
inszenierten eine Art Theater zur Debatte. In unserer Arbeitsgruppe
kamen wir zum Punkt, dass es keine Lösung gibt, wo wir voll
dahinterstehen könnten. Wir haben in zwei Ebenen unterteilt: 1. Ebene: Wir als Schweizerinnen müssen unseren politischen
Kampf gegen unsere eigene Unterdrückung weiterführen, aber
solidarisch mit Migrantinnen. 2. Ebene: Es gibt viele illegale und legale Migrantinnen, die auf
Arbeit angewiesen sind. Was tun wir? Stellen wir sie ein (immerhin
ist Putzarbeit noch besser als Sexarbeit)? Wenn ja, zu welchen
Bedingungen? Wir müssen Strukturen schaffen, in denen sie sich
selber organisieren können und für die Hausarbeit gerechte
Lösungen suchen. Für uns, die sich an der Diskussion beteiligt haben, war
eines unumstritten: Für die Frauen aus dem "dritten Kreis"
ist es sicher kein Fortschritt, wenn sie nebst Ehepflichten und
bezahlter Sexarbeit, jetzt auch noch Putzarbeit verrichten dürfen!
Es spiegelt sich eine tiefe Geringschätzung gegenüber
Frauen aus dem Trikont. Migration ist zu 99% eine Kombination von
gewaltsamer Vertreibung und gewalttätiger "Nachfrage!" Rückblick aufs Programm Neben der szenischen Darbietung und den anschliessenden
Arbeitsgruppen wurde noch ein Dokumentarfilm zur Situation von
philippinischen Hausangestellten in der Schweiz gezeigt. "Das
Schweigen brechen.... aus der Dunkelheit ans Tageslicht" hiess
das Projekt von Babaylan Switzerland. Danach hörten wir ein
Kurzreferat von Gabriela Gwerder, Rechtsanwältin, über die
rechtliche Lage in Zürich und sahen uns ein Video an, in dem
junge Migrantinnen über ihre Erfahrungen als Haushaltshilfen in
Schweizer Familien erzählten. Zum Abschluss hielt Stella Jegher
(Frauenrat für Aussenpolitik, FrAu) einen Vortrag zu Fragen im
internationalen, politischen und ökonomischen Kontext. Meines Erachtens war es eine sehr gute und interessante
Veranstaltung zu einem wichtigen Thema, welches leider sonst
totgeschwiegen wird. Vielen Frauen, die anwesend waren, verlieh der
Nachmittag einen Denkanstoss. In den Diskussionen gab es verschiedene
Meinungen, aber über eines waren sich alle einig: So wie es im
Moment läuft, kann und darf es nicht weitergehen! Corinne Wer sich näher mit diesem Thema befassen möchte, kann
unter folgender Adresse Infomaterial bestellen: FEMINA: Kultur- und Bildungshaus für Migrantinnen Mit einer Spende kannst Du Frauen in Notsituationen unterstützen!
Notfonds, 8004 Zürich, PC 20-418515-1 Zurück zur Hauptseite vom karnikl oder des KulturZentrums Bremgarten KuZeB
Rückblick auf die Veranstaltungen vom 8. März
98 in der Roten Fabrik, Zürich
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