Pervertierter Allmachtstrieb Zum Unwort des Jahres 1997 wurde der Ausdruck "Wohlstandsmüll"
gewählt, der nicht etwa zur Bezeichnung irgendwelcher
materiellen Abfälle dient, sondern auf Menschen, welche
wirtschaftlich gesehen nicht produktiv tätig sind, verweist. Das
in diesem Sinn verwendete Unwort kam aus dem Mund von Herrn Maucher
vom Lebensmittelmoloch Nestlé und ist mehr als eine derbe
Beleidigung aller Invaliden, Kranken, RentnerInnen,
SozialhilfeempfängerInnen und Arbeitslosen, es ist Zeichen einer
zynischen Logik. Wenn jemand nichts produziert, ist er nicht nur zu
nichts nütze, sondern Unrat, Ab-fall, etwas, das eigentlich
bereits verbraucht, tot ist und üblicherweise einfach
weggeworfen, entsorgt wird. Diese Denkart, welche unschwer mit der neoliberalen in Verbindung
zu bringen ist, stellt offensichtlich den Wert von Menschen anhand
einer wirtschaftlichen Bilanz fest, um sie dann in Müll und
Nicht-Müll zu sortieren. Wer eine positive Bilanz aufstellt, das
heisst, wer wirtschaftlich gesehen mehr produziert, als, dass er/sie
verzehrt, ist es wert, zum Nicht-Müll zu zählen, wessen
Bilanz negativ ausfällt, wer mehr Kosten verursacht als
finanziellen Nutzen bringt, ist eine Belastung und muss daher vom
Positiven abfallen, getrennt gelagert und entsorgt werden. Dahinter
steckt eine sehr kühl berechnende Logik, deren Prinzip sich aus
dem Glauben an durch Zahlen festlegbare Werte nährt. Der
Ausstoss des oben genannten Unrats - pardon - Unworts ist nur im
Zusammenhang mit einer zynisch - krassen Instrumentalisierung, einem
Verkauf des Denkens an Zwecke, welche sich ausserhalb jeglicher
Vernünftigkeit befinden, erklärbar. Würden wir in
demselben rigiden Stil mit Herrn Maucher verfahren, müssten wir
ihm gemäss alter philosophischer Definition, wonach der Mensch
ein vernunftbegabtes Wesen ist, vermutlich ebenso das Menschsein
absprechen, wie er der bezeichneten Gruppe...
Was Herr Maucher von Nestlé ausgesprochen hat, ist aber
gewissermassen nur die Spitze des Eisbergs. Immer mehr Leute aus
Wirtschaft und Politik stimmen nämlich in denselben Reigen ein,
wenn auch in einer weniger scharfen Tonart. Der Neoliberalismus, eine
aus den USA stammende ursprünglich wirtschaftliche Lehre,
erfasst zunehmend alle Bereiche der Gesellschaft. Neoliberales Wort-
und Gedankengut wird von je länger je mehr BürgerInnen
dieses Landes angenommen, selbst, wer davon negativ betroffen ist,
kann sich gängigen Ausdrücken wie "Rationalisierung",
"Fokussierung", "Restrukturierung", "Effizienz",
"Schlankheitskur" etc. nicht einfach entziehen. Damit
einher geht eine reale "Restrukturierung", ein Umbau der
Gesellschaft, der im Wesentlichen in der Anwendung des
Kosten-Nutzen-Prinzips auf möglichst alle Bereiche der
Gesellschaft besteht. Dieses Prinzip wird von der Idee des freien
Marktes als eines sich selbst regulierendes Systems getragen. Recht
hat immer der Erfolgreiche (manchmal sogar die, oder? d. L.), weil er
sich unter dieser Bedingung durchgesetzt hat, sozusagen vom Markt zum
Erfolg auserwählt worden ist. In dieser sozialdarwinistischen
Konzeption1 ist das Recht nicht an Gerechtigkeit, sondern
an Stärke des Einzelnen gekoppelt. Recht ist etwas, das mensch sich
nimmt, nicht etwas, das gleichermassen für alle gilt. Dieses
Recht wird durch den Markt als Regulator, der gewissermassen die
"natürliche" Auswahl vornimmt, in Stand gesetzt. Der
Markt hat somit als oberstes Prinzip die Macht, über Sein und
Nicht-Sein der Individuen zu entscheiden, er ist die Norm, nach der
sich - in der Phantasie der Neoliberalen - ein möglichst grosser
Teil des gesamten gesellschaftlichen Lebens richten soll. Damit hat
das Marktprinzip für diese Menschen auch eine ethische Funktion:
Indem es bestimmt, wer bestehen kann und wer nicht, ist es
gewissermassen der Lebensspender des gesellschaftlichen Prozesses und
als solches oberstes ethisches Prinzip. Welch perverse Früchte diese Ethik tragen kann, wird uns uns
gerade am Beispiel von Herrn Maucher gezeigt. Seine Worte zeigen uns
die menschenverachtende "Rationalität" einer rein
ökonomischen Logik. Psychologisch kann von der Unterwerfung des
Selbst unter eine höhere Macht, den Markt, die Zahl, gesprochen
werden. Dabei setzt sich dieses Selbst nicht von sich aus vernünftige
Ziele, bestimmt nicht durch eigenes Nachdenken, in welche Richtung es
sich bewegen will, sondern es passt sich der Wucht des entfachten
Marktes an. Höchster Zweck ist das Weitertreiben eines immer
zynischer und sinnloser werdenden Spiels. Seit der Sinn einer
Unternehmung ausschliesslich darin besteht, Gewinn zu erzielen und
diesen zu vermehren, hat sich der letzte Rest einer Weltsicht, welche
vom Ganzen der Gesellschaft her denkt, aus der Wirtschaft
verabschiedet. Der Versuch der Durchsetzung des
Kosten-Nutzen-Prinzips in allen Bereichen der Gesellschaft zeugt von
einem gefährlich einseitigen, irrationalen Weltbild und kann
verheerende Folgen für die Gesellschaft mit sich bringen. Der Neoliberalismus ist ein kollektiv pervertierter Allmachtstrieb
des herrschenden Establishments. "Rationalisierung", das
Schlagwort des Neoliberalismus überhaupt, ist eigentlich alles
andere als rational, weil sie überhaupt keinen allgemeinen
Nutzen bringt. Sie ist nichts anderes als das Bestreben der Mächtigen
auf noch mehr Macht unter dem Deckmäntelchen des
"wirtschaftlichen Nutzens". Dieser Nutzen kommt aber leider
vor allem Leuten wie beispielsweise Helmut Maucher zu Gute und ist
daher sehr undemokratisch und ungerecht. Wer immer von
"Rationalisierung" spricht und sich nicht gleichzeitig
gebührend davon distanziert, betreibt schon die Sache der
Neoliberalen. "Worte können wirken wie Arsendosen." Diesen Satz
hat ein Deutscher Wissenschaftler im Zweiten Weltkrieg geschrieben.
Worte können vergiften, wenn sie ungeschützt aufgenommen
werden. Zuerst das Wort, dann die Tat. Wer weiss, was uns morgen als
"rational" verkauft werden soll? Vielleicht die radikale
Entsorgung allen Wohlstandsmülls? Dani 1 Sozialdarwinismus: "Theorie, die (...) die
menschliche Gesellschaft als den Naturgesetzen unterworfen begreift
und somit Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten o. ä. als
naturgegeben und deshalb als richtig ansieht." Zitat aus: Duden,
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