"Freihandel" - wo bleibt da
die Handlungsfreiheit? Tja, da haben wir's also: Was einst jahrzehntelangen
Wirtschaftsboom auslöste, zählt heute zur Ursache Nummer
eins der allgemeinen Sinnkrise: Die Arbeitslosigkeit wächst,
Umweltverschmutzung, soziale Probleme und die Masse der nutzlosen
Konsumgüter ebenso. Die Probleme, mit welchen sich unsere
Gesellschaft heute konfrontiert sieht, sind vielschichtig und
zahlreich, die Zusammenhänge schwer zu fassen. Die Wirtschaft
wird immer undurchsichtiger und komplizierter, und kaum eineR weiss
heute noch genau, wie sie wirklich funktioniert und vor sich hin
wirtschaftet, obwohl wir täglich konsumieren und kaufen, die
Produkte eben dieser Wirtschaft verbrauchen und ihr unsere
Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Doch was uns hier in den
wohlhabenden Industriestaaten einen Konsumrausch mit all seinen
negativen Konsequenzen beschert, hat andernorts viel gravierendere
Auswirkungen. Dieser Sachverhalt ist nicht neu, seit Jahrhunderten
profitiert die "Erste" von der Ausbeutung der "Zweiten"
und vor allem der "Dritten Welt". Neu ist auch nicht das
kapitalistische Wirtschaftssystem, in dem ohne Rücksicht
gewirtschaftet und Geld vermehrt wird. Relativ neu ist aber der
Neoliberalismus, das vermehrte Einfliessen von wirtschaftlichen
Interessen in die Politik. Und neu ist die WTO,
Welthandelsorganisation und massgeblich beteiligt an Globalisierung
und Handelsliberalisierungen, die einen sogenannten "Freihandel"
zum Ziel haben, der sozial und ökologisch absolut unverträglich
ist - und die grosse Mehrheit der Menschen alles andere als frei
macht. Die WTO Vom 18. bis 20. Mai '98 findet in Genf die 2.
MinisterInnenkonferenz der Welthandelsorganisation WTO statt. Die WTO
ist Nachfolgeorganisation des GATT, welches 1947 zum Wiederaufbau der
Wirtschaft gegründet wurde. Das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen GATT hatte ursprünglich zum Ziel, den Handel zu
vereinfachen, indem Abkommen über Zölle und andere
handelsbezogenen Einschränkungen betreffend Industriegüter
getroffen wurden; vor allem aber sollte es den freien Wettbewerb
stärken.
In der sogenannten Uruguay-Runde des GATT wurde nun eine neue Art
solcher Handelsliberalisierungen geschaffen. Laut diesem Abkommen ist
nun nicht nur der Handel mit Industriegütern betroffen, sondern
auch der Handel mit Agrarprodukten. Des weiteren gelten solche
Liberalisierungen auch für geistiges Eigentum, d. h.
beispielsweise, dass die Patentierung von Leben auf internationaler
Ebene möglich wird. Oder auch, dass auf Wissen, das schon seit
Jahrhunderten existiert, plötzlich Patente ausgestellt werden
können. Das bedeutet für Menschen, die dieses Wissen über
Generationen weitergegeben und angewendet haben (und deren
Lebensgrundlage von diesem Wissen abhängt), dass sie in Zukunft
dafür bezahlen müssen, weil irgend jemand sich die Rechte
auf dieses geistige Eigentum erworben hat. Die Rolle der WTO - und ihre Auswirkungen Die World Trade Organisation WTO ist quasi die Dachorganisation
dieser Handelsliberalisierungen. Sie regelt den weltweiten
"Freihandel", entwickelt neue Abkommen , führt diese
durch und ist somit wichtigstes Instrument des Neoliberalismus, der
Globalisierung, der Perfektionierung des bis anhin praktizierten,
kapitalistischen Wirtschaftssystems. Denn was sich da so verlockend
"Freihandel", "Handelsfreiheit" und
"Schrankenabbau" nennt, bedeutet nichts anderes, als eine
möglichst uneingeschränkte Ausbeutung von Mensch, Tier und
Natur. Die Handelsabkommen dienen dazu, Schranken abzubauen, die einzelne
Nationen zum Schutz der Bevölkerung oder der eigenen Wirtschaft
geschaffen haben. Die Einfuhrbeschränkungen, welche
beispielsweise die Schweiz vor billigen Agrarprodukten aus dem
Ausland schützt, werden bei fortschreitenden Liberalisierungen
entfallen - die Klein- und mittleren Bauern sind in ihrer Existenz
bedroht. Ähnlich verhält es sich bei der Ausfuhr: Immer
mehr Nationen werden gezwungen, überwiegend für den Export
zu produzieren, indem der Bevölkerung die Existenzgrundlage für
die Selbstversorgung entzogen wird. Die Eigeninteressen eines Landes
und deren Bevölkerung treten in den Hintergrund - durch
wirtschaftspolitisch geschickte Schachzüge wird die Produktion
in Bahnen gelenkt, welche dem weiteren "Wirtschaftswachstum"
dient, und vor allem natürlich den Interessen der
multinationalen (und immer mehr globalen) Konzerne, deren Gewinne ins
Unermessliche steigen. Die WTO ist demzufolge äusserst
demokratiefeindlich, weil sie die Autonomie eines Landes oder eines
Volkes nicht anerkannt und sich über Volksentscheide oder
Regierungsbeschlüsse hinwegsetzt.
Auch die indirekten Auswirkungen der Handelsliberalisierungen sind
so zahlreich wie tiefgreifend: Die hart erkämpften Arbeitsrechte
werden umgangen, die Betriebe ausgelagert - in den Osten, in
Drittweltländer, wo die Umweltschutzgesetzgebung lasch, die
Löhne tief und die Arbeitsbedingungen miserabel sind. Die
sozialen Errungenschaften werden weiter abgebaut, die arbeitende
Bevölkerung steht unter dem Druck, immer schlechtere
Arbeitskonditionen in Kauf zu nehmen. In gewissen "Drittweltstaaten"
geht dies schon so weit, dass ArbeiterInnen, die sich in
Gewerkschaften organisieren, entlassen werden. Ana Barahona , die als
Textilgewerkschafterin und Feministin für Menschenrechte in
Nicaragua kämpft, nennt es beim Namen: "Dies ist eine neue
Form der Versklavung!"
Ausländischen Firmen wird es leicht gemacht, in
Billiglohnländern zu produzieren, wo sie grössere Gewinne
erzielen können. Wer darunter zu leiden hat, ist einmal mehr die
einheimischen Bevölkerung, welcher die Existenzgrundlagen
entzogen werden. Davon sind Reisbauern und Bäuerinnen in Indien
genauso betroffen, wie etwa die Massen der landlosen Bevölkerung
Lateinamerikas, die sich auf den Kaffeeplantagen für ein
Butterbrot verkaufen müssen oder in den Slums der Grossstädte
ums Überleben kämpfen. Die WTO - Klub der Eliten Über die Bestimmungen der WTO debattieren und entscheiden
WirtschaftsministerInnen der bis zum jetzigen Zeitpunkt 130
Mitgliedsländer; die meisten Verhandlungen und Entscheide finden
fern ab von der Öffentlichkeit statt. So ist es denn auch nicht
verwunderlich, dass die WTO über ein eigenes Schlichtungsgremium
verfügt - ein Ausschuss der Konferenz der grauen Eminenzen -,
das darüber entscheidet, wer gegen die Regeln verstösst -
und demzufolge mit wirtschaftlichen Sanktionen bestraft wird. Je
nachdem, welchen Wirtschaftszweig diese Sanktionen betreffen, kann
dies für ein Land den Ruin bedeuten. Alles in allem also eine
kleine Elite, die, so scheint es, über den Gang der Welt
entscheidet WTO und Widerstand? Um dieser Entwicklung etwas entgegensetzen zu können, und
sich daher ebenfalls - wie die Weltwirtschaft - zu "globalisieren",
wurde die "Weltweite Aktion der Völker gegen den Freihandel
und die WTO" (kurz: WAV) ins Leben gerufen. Im Anschluss an das
"2. Interkontinentale Treffen für die Menschlichkeit und
gegen den Neoliberalismus", wurde eine Woche lang über die
organisatorischen Prinzipien der WAV diskutiert - herausgekommen ist
folgendes: Die WAV organisiert im Februar '98 eine Gegenkonferenz zur
WTO-MinisterInnenkonferenz im Mai, an welcher ein Manifest erarbeitet
werden soll, um den Widerstand gegen den "Freihandel" und
die WTO besser zu koordinieren und zu vernetzen. An dieser Konferenz
nahmen namhafte Organisationen teil, wie die FZLN (Zapatistisches
Bündnis zur nationalen Befreiung), die Landlosenbewegung
Brasiliens, indische Bauernvereinigungen mit mehreren Millionen
Mitgliedern und andere sozialen Bewegungen aus der ganzen Welt,
Feministinnen, ÖkologistInnen, Maori-, und Ogoniorganisationen
etc. Diese erste Gegenkonferenz (jedes zweite Jahr ist eine
vorgesehen - immer ungefähr drei Monate vor der
WTO-MinisterInnenkonferenz) findet vom 23. - 25. Februar '98 in Genf
statt. Die WAV ist weder Verein, noch Organisation, und es gibt nur
einige wenige Grundprinzipien, die wichtig sind: Eine klare Ablehnung
der WTO und aller Handelsliberalisierungen wird gefordert und der
Aufruf zu gewaltfreiem Widerstand gegen obengenannte. Dabei ist die
WAV organisatorisch so strukturiert, dass keine Hierarchien entstehen
können und keine Gruppe allzu prägenden Einfluss auf sie
haben kann (was sie positiv von anderen Versuchen des
institutionellen Widerstandes abhebt und meines Erachtens sehr
sympathisch ist). Es gibt kein fest stationiertes Sekretariat und die
Organisationen, welche die Konferenz einberufen und vorbereiten, sind
jedesmal andere. Die WAV soll inspirieren, gegen den "Freihandel"
in den verschiedensten Formen aktiv zu werden. Die UnterstützerInnen
der WAV können sich selbständig organisieren. Das bedeutet,
dass auch DU etwas dazu beitragen und aktiv werden kannst, gegen ein
System, das aus Tieren "Rohstoffe" macht, aus Menschen
abgestumpfte Marionetten und unsere Umwelt in eine deprimierende
Einöde verwandelt, die sich nur noch mit einem Konsumrausch
ertragen lässt. Willkommen ist natürlich jede Art von
Widerstand gegen die neoliberale Praxis, gegen das Wirtschaftssystem,
das unser ganzes Denken, unsere Werthaltungen und unser Empfinden
prägt, sich zunutze macht und den letzten Funken echter
Menschlichkeit in der alltäglichen grauen Normalität
ersticken lässt. In einer Welt, in welcher Ungleichheit zwischen
den Ländern Programm ist, in einer Welt, in der die einen im
Konsumrausch versinken und die anderen kaum das Nötigste zum
Leben haben, kann nämlich keine Gleichheit im Handel erreicht
werden. Ein solcher "Freihandel" , wie er von der WTO
vorangetrieben wird, dient einzig den finanziellen Interessen der
Banken und Grossfirmen - den Interessen des Westens hauptsächlich.
Ohne Rücksicht auf Verluste wird die Perfektionierung der
Maschinerie in Angriff genommen - es geht voran! Zurück bleibt
alles, was sich nicht verwerten lässt, alles, was sich nicht auf
irgend eine Weise in Geld umwandeln lässt. Zurück bleiben
alte Menschen, Behinderte, Frauen, Erwerbslose, unangepasste,
andersfarbige Menschen, ImmigrantInnen und Asylsuchende... zurück
bleibt die Menschlichkeit. Irene Das Manifest der WAV plus weitere Informationen zum Thema können
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