Manifest zu Repression, Gesellschaft
und Drogen Obwohl die Abstimmung schon vorbei ist, möchten wir hier
einen Beitrag zum Thema Repression abdrucken - zumal sich immerhin 28
Prozent der WählerInnen für die Initiative ("Jugend
ohne Drogen") aussprachen. Die SchülerInnenkoordination Bern (SIKB), welche auf der
Berner Bundesterrasse Sonntag für Sonntag eine Gassenküche
mit warmem, vegetarischem Essen organisiert, hat sich anhand der
Drogenproblematik mit der Repressionsproblematik auseinandergesetzt.
Diese kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, unter
anderem der des Antifaschismus, des Antimilitarismus, des Feminismus,
der Arbeitsbedingungen, der Ökologie, der "neuen Armut",
des politischen Häuserkampfes, des Zapatismus... oder eben des
Antiprohibitionismus. Das Manifest liefert gesellschaftspolitische
Hintergründe zur Repression im allgemeinen und ist zugleich
Aufruf, sich mit der aktuellen Drogenpolitik als Teil der
gesellschaftlichen und repressiven Strukturen auseinanderzusetzen. "Im ersten Teil des Manifestes haben wir uns mit
grundsätzlichen Fragen zu Staat, Gesellschaft, sozialen Normen,
Leistungsdruck, Konsumismus, Freiräumen, Perspektivenlosigkeit
und Isolierung beschäftigt. Zusammenfassend sind wir zu
folgenden Schlüssen gekommen: Da alle Menschen in Wechselwirkung zur Gesellschaft stehen, führen
neben individuellen Gründen v. a. gesellschaftliche,
wirtschaftliche und politische Ursachen zu Suchtverhalten. So ist
eine gesellschaftspolitische Analyse notwendig, um der Thematik Sucht
gerecht zu werden. Die meisten Menschen sehen im Staat eine Schutzstruktur, die sie
vor anderen Menschen beschützen soll. Der moderne Staat hat in
den meisten Fällen noch ein zusätzliche Funktion erhalten:
er soll als "Sozialstaat" seine Bürgerlnnen vor den
negativen Folgen des Kapitalismus bewahren und allen ein
menschenwürdiges Leben garantieren, wobei er bestimmt, was
menschenwürdig ist und was nicht. Der Staat legitimiert sich
indem er angeblich soziale Sicherheit und persönlichen Schutz
garantiert und von der Gesellschaft gestaltet wird. Dass von der
Mitgestaltung Ausländerlnnen, Minderjährige und bis vor
nicht allzu langer Zeit auch Frauen ausgenommen sind, scheint dabei
niemanden gross zu stören. Im Gegenzug zu diesen
Dienstleistungen liegt ein Grossteil der Macht und Gewalt beim Staat.
Wer nicht nach den Gesetzen dieser Macht und Gewalt lebt, sie
hinterfragt, kritisiert oder gar angreift, kann als FeindIn der
Menschen, der sozialen Sicherheit und der Gesellschaft bekämpft
werden. Mittels sozialer Normen (also Regeln und Massstäben der
Gesellschaft) werden Ordnung, stillschweigender Gehorsam und maximale
Produktivität garantiert. Dies geschieht über Moral, Gesetz
und Ideologien. Wer sich nicht an die Normen hält, wird
moralisch oder juristisch bestraft. In kapitalistischen Gesellschaften wird von den Einzelnen
gefordert, dass sie dieses Wirtschaftssystem mittragen. Unter dieser
Forderung verstehen wir den Leistungsdruck, der auf den Einzelnen
lastet: Für möglichst wenig Geld, bzw. Lohn, soll möglichst
viel Arbeit geleistet werden, denn die kapitalistische
Marktwirtschaft ist an einer ständigen Profiterhaltung, bzw.
-steigerung, interessiert. Leistungsdruck beschränkt sich nicht
auf den Berufsalltag, er trifft alle Generationen und Bereiche der
Gesellschaft: Schulen, Sportclubs, Militärdienst usw., denn in
einer hierarchischen Gesellschaft versuchen alle, immer eine
möglichst hohe "Stufe" zu erreichen. Das
kapitalistische Wirtschaftssystem ist darauf angewiesen, dass immer
gekauft, also konsumiert wird, da es sonst zusammenbricht. Dafür
muss der Leistungsdruck hoch gehalten werden. Zum Konsum angeregt
wird durch den Konsumismus, also der Ideologie, wonach sich ein
Individuum nach den Gütern definiert, die es besitzt. Die
einzige Perspektive in einer kapitalistischen Gesellschaft ist die zu
konsumieren und in der Hierarchie aufzusteigen. Wer sich nicht fügen
kann oder will, wird zwangsläufig ausgegrenzt. Leistungsdruck
und der Mythos der Chancengleichheit führen dazu, dass jedes
Problem und jeder Missstand als selbstverschuldet gelten. Die
Einbildung der Selbstverschuldung führt zu
Minderwertigkeitsgefühlen und die Fehler werden nicht beim
gesellschaftlichen System sondern bei sich selbst gesucht. Der
ständige Erfolgszwang und die Angst zu versagen, verhindern
jegliche Diskussion zum Thema "Scheitern". Betroffene
werden mit ihren Schuldgefühlen in die Isolation gedrängt. Im zweiten Teil des Manifestes haben wir versucht, den
Zusammenhang zwischen der Ideologie der Prohibition und der Praxis
der Repression aufzuzeigen. Wichtig scheint uns diese Unterscheidung,
weil die beiden Begriffe immer wieder unkritisch gebraucht und
durchmischt werden. Prohibition entspringt einer Weltanschauung, wonach den Menschen
Dinge verboten werden dürfen und müssen. Prohibition ist
eine autoritäre Ideologie, die das Recht jedes Menschen auf
Selbstbestimmung und freie Lebensgestaltung verneint.
Prohibitionistlnnen behaupten, das "Suchtproblem" könne
und solle mit dem Verbot der suchterzeugenden Substanz gelöst
werden nach der Logik "keine Drogen, kein Drogenproblem"
und vernachlässigen so sämtliche gesellschaftlichen,
wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Da es aber genau
diese Verhältnisse sind, die das Bedürfnis nach Rausch
erzeugen können, kann nur eine radikale Veränderung dieser
Verhältnisse das Bedürfnis vermindern. Eine solche
Veränderung würde für den Staat bedeuten, dass seine
Macht stark beschränkt oder gar aufgehoben würde. Da sich
aber der Staat ja gerade durch das Machtmonopol kennzeichnet, hat er
natürlich kein Interesse an dieser Veränderung und setzt
daher auf Prohibition. Repression ist grundsätzlich Zwang. Repression ist das
Zwangsmittel, mit dem der Staat die Ideologie der Prohibition
durchsetzt. Immer wenn der Staat vor einem Problem steht, das nur mit
der Abgabe von Macht "gelöst" werden könnte,
greift er zur Repression. Repression hat auch den Zweck, von
gesellschaftlichen Problemen und von der Tatsache abzulenken, dass
der Staat selbst für verschiedene Missstände verantwortlich
ist. Mit der Prohibition wird ähnlich wie mit dem Rassismus ein
Feindbild geschaffen, damit dieses mittels Repression bekämpft
werden kann. Nachdem wir kurz die Folgen der Repression auf der Gasse
zusammenfassend dargestellt haben, machten wir uns Gedanken zu
möglichen Strategien im Kampf gegen die Prohibition und die
Repression. Ursprünglich ist dieses Manifest mit der Absicht entstanden,
direkt auf die Initiative "Jugend ohne Drogen" zu
reagieren. Diese Initiative fordert eine "restriktive, direkt
auf Abstinenz ausgerichtete Drogenpolitik" und ist massgeblich
von der Psychosekte "Verein zur Förderung der
psychologischen Menschenkenntnis VPM" formuliert und lanciert
worden. Doch davon sind wir nun abgekommen und wollen jetzt hingegen
in der radikalen Linken eine grundsätzliche Diskussion anreissen
über Drogenpolitik, Prohibitionismus und Repression. Uns
scheint, dass selbst in linken Kreisen unklare, widersprüchliche
und kleinbürgerliche Vorstellungen verbreitet sind zu Sucht,
Drogenkonsum und -politik. Über die konkrete Drogenpolitik
hinaus können anhand dieser Thematik gut die staatlichen und
gesellschaftlichen Repressionsmechanismen aufgezeigt werden. So sind
auch Genosslnnen zu dieser Diskussion aufgerufen, die nicht direkt
aus dem drogenpolitischen Lager stammen, sich aber aus anderen
Blickwinkeln mit Repression beschäftigen." Wer Interesse an einer Weiterführung dieser Diskussion hat,
das Manifest bestellen will, eine Veranstaltung zum Thema
organisieren möchte, weitere Infos zu unseren Tätigkeiten
oder Material wünscht, kann dies alles mit einem Schreiben an: Schülerlnnenkoordination Bern (SIKB) AG Anti-JoD der SIKB Zurück zur Hauptseite vom karnikl oder des KulturZentrums Bremgarten KuZeB
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© 1997, 2012 Copyright beim Verein KulturZentrum Bremgarten KuZeB some rights reserved (Creative Commons BY-SA). Geändert am 31. Mai 2009. Erstellt von Kire.