Vingrau - ein kleines Dorf wehrt sich Seit beinahe acht Jahren kämpft das französische
400-Seelendorf Vingrau entschlossen gegen den Bau eines Steinbruches.
Die Einheimischen befürchten, dass durch den Steinbruch und die
daraus entstehende Kalkstaubentwicklung, der Rebbau massiv
beeinträchtigt und damit die Lebensgrundlage der meisten
Vingrauais zerstört würde. Neben dem Widerstand auf allen
politischen und juristischen Ebenen machen die Menschen aus Vingrau
immer wieder durch Blockaden und andere gewaltfreie Aktionen auf ihr
Schicksal aufmerksam. Aber was hat eigentlich Vingrau mit uns in der
Schweiz und im Aargau zu tun? Sehr viel, denn die Omya SA, die für
den Bau des Steinbruches die Verantwortung trägt, ist die
Tochtergesellschaft des Chemiemultis Plüss-Staufer AG der in
Oftringen domiziliert ist und sich im Besitz des Milliardärs Max
Schachenmann befindet. Oftringen 25. Juni 1997, morgens um 8.00 Uhr Eine Gruppe von gegen fünfzig gut ausgeschlafenen (?)
Personen blockieren das Hauptportal des Chemiemultis Plüss-Staufer
AG in Oftringen. Nach einer halben Stunde sind die regionalen Medien,
sowie natürlich die inzwischen alarmierte Kantonspolizei, vor
Ort. Einige Passantlnnen werden sich wohl verdutzt gefragt haben, was
denn hier los sei. Ein paar ältere Angestellte der Plüss-Staufer
wissen sofort um was es geht ("Aha, wieder eine Vingrau-Demo").
Trotz eines Verbotsschildes vom 11.11.96, das jegliches unbefugte
Betreten verweigert (zum Glück konnte niemand lesen), wird der
Haupteingang sofort versperrt. Es werden fleissig Flugblätter
verteilt, die Journalisten mit Infos eingedeckt und aus den Fenstern
gaffenden Sektretärinnen, Angestellten und Lehrlingen die Zunge
rausgestreckt. Die ganze Aktion verläuft friedlich und ohne
Zwischenfälle. Die anwesenden Polizisten verhalten sich
zurückhaltend und beobachten die Kundgebung aus angemessener
Entfernung. Nach gut zwei Stunden ist der Spuk schliesslich vorbei,
und in Oftringen zieht wieder eine trügerische Ruhe ein. Im nachfolgenden Artikel und der Chronologie könnt ihr Euch
ausführlich über die Hintergründe und Geschehnisse
rund um Vingrau informieren und erfahren, wieso es immer wieder zu
Protestaktionen gegenüber der Firma Plüss-Staufer AG kommt. No pasaran - Hier gibt es kein Durchkommen! Vingrau liegt im französischen Teil der Pyrenäen,
südlich von Perpignan. Die Geschichte dieses kleinen
Winzerlnnendorfes hat nicht nur in grün angehauchten Kreisen für
Aufsehen und Sympathie gesorgt. Irgendwie erinnert das Ganze beinahe
etwas an eine moderne Fassung von Asterix & Obelix, mit dem
kleinen Unterschied, dass die Vingrauais über keinen Miraculix
und dessen super kräfteverleihenden Zaubertrank verfügen.
Seit die Omya SA 1989 das erste Gesuch für einen
Marmorsteinbruch, der die Grundstoffe für die Produktion von
Zahnpasta liefern soll, eingereicht hat, sah sich die Firma mit
starkem Widerstand gegen dieses Projekt konfrontiert, und ein
Grossteil der betroffenen Dorfgemeinschaft machte klar, dass sie
einem solchem Projekt nicht tatenlos gegenüber stehen wird.
Hauptgrund für die grosse Opposition gegen den geplanten
Steinbruch ist der Kalkstaub, der bei einem allfälligen Abbau
unweigerlich entstehen würde. Diese Staubimmissionen hätten
eine massive Beeinträchtigung des Rebbaus zur Folge, und die
Vingrauais befürchten, dass die über Frankreich hinaus
bekannten einheimischen Weine "Domaine des chènes"
und "Muscat de Vingrau" an ihrer Qualität verlieren
und dadurch die wichtigste Existenzgrundlage vieler Dorfbewohnerlnnen
zerstört würde. Viele sehen auch nicht ein, wieso sie ihren
traditionellen Beruf aufgeben müssen, nur weil ein sturer
Grosskonzern sich einen Dreck um die Anliegen eines kleinen Dorfes
kümmert und nur Profite, Börsenkurven und Reingewinne im
Auge hat. Neben der zu befürchteten Zerstörung der
Rebkultur kommen noch schwere ökologische Bedenken hinzu, weil
sich auf dem 300 ha grossen Gebiet mehrere geschützte und vom
Aussterben bedrohte Vogel- und Pflanzenarten (z. B. das letzte
Habichtsadlerpaar der Ost-Pyrenäen) befinden, was auch den
Protest und das Engagement vieler Umweltschützerlnnen
herbeigerufen hat. Prominenteste Sympathisantin ist die seit diesem Sommer gewählte
neue französische Umweltministerin und Vorsitzende der
französischen Grünen, Dominique Voynet. Sie hat ein Dossier
in Bearbeitung, das die Unterschutzstellung des betroffenen Gebietes
vorsieht. Auf ihr ruht zur Zeit auch die grösste Hoffnung, dass
sich doch noch alles zum Guten wenden wird und ein Multi
ausnahmsweise mal einen kräftigen Tritt in den Arsch bekommt.
Bis es aber soweit ist, wird in Vingrau wohl noch ein paarmal Alarm
geschlagen und jung & alt werden sich zur Baustelle und der
Zufahrtsstrasse begeben, um den anrückenden Baggern,
Bauarbeitern und der Polizei friedlich - aber entschlossen - den Weg
zu versperren und ihnen klar zu machen: No pasaran - hier gibt es
kein Durchkommen! Max Schachenmann und Plüss-Staufer Graue Eminenz hinter dem Chemiemulti Plüss-Staufer AG ist der
81 Jahre alte Schweizer Milliardär Max Schachenmann, Enkel des
Firmengründers Gottfried Plüss-Staufer. Er gehört zu
den reichsten Schweizer Industriellen und gilt als einer der letzten
Unternehmer der "alten Schule". Reich wurde die Familie
Schachmann ursprünglich mit Füllstoffen und den in den
Nachkriegsjahren erworbenen Alleinvertriebsrechten der
Hoechst-Pharmaprodukte für die ganze Schweiz. Max Schachmann
selber scheut die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser,
was ihm in der englischen Presse den Übernamen "Silence"
- frei nach dem Western "ll Silenzio" - eingebracht hat.
Der Patron ist nur noch selten in Oftringen anzutreffen und hält
die Zügel seines Imperiums aus der Ferne, von London und seinem
Zweitsitz in Florida, fest in den Händen. Auch die Plüss-Staufer
AG gehört zu den verschwiegensten Grosskonzernen in der Schweiz,
was sogar innerhalb von Börsenkreisen zu Unverständnis
führt. So wurden in einem sehr kargen Communiqué für
das Jahr 1996 Umsatzzahlen von 420 Millionen und einen Reingewinn von
17,1 Millionen Franken bekanntgegeben. Weltweit sind 6438 (davon 681
in der Schweiz) Menschen bei der Firma beschäftigt. Seit
neuestem betreibt die Omya ein schmutziges Spiel, indem sie ihre
eigenen Arbeitnehmerlnnen und die Menschen in Vingrau gegeneinander
ausspielt und aufhetzt. Sie gibt den Omya Angestellten und ihren
Angehörigen, immerhin ca. 200 Familien, zu verstehen, dass,
falls der Steinbruch in Vingrau nicht realisiert werden kann, sie den
Arbeitsplatz verlieren würden (die meisten Omya-Leute sind zur
Zeit in einem anderen Steinbruch in der Region beschäftigt, der
in ein paar Jahren erschöpft sein wird). Nur so lässt sich
das zum Teil aggressive Verhalten und brutale Vorgehen einiger
Arbeiter anlässlich der Strassenblockaden und Protestaktionen
erklären, wo immer wieder friedliche Demonstrantlnnen
handgreiflich angegriffen wurden. Aber gerade dieses
Arbeitsplatzargument gilt es nicht zu unterschätzen - es könnte
zu einer Entsolidarisierung gegenüber den Vingrauais führen,
denn wo es um Arbeitsplätze, Sicherheit und Wohlstand geht, ist
meistens schnell Schluss mit Ökologie und Verständnis...
Eigentlich könnte das ganze Projekt nur ein paar Kilometer
weiter nach Osten verschoben werden, wie von einem unabhängigen
Geologen vorgeschlagen. Dort sind die selben geologischen
Voraussetzungen vorhanden wie in Vingrau, und die Omya hat sich auch
schon die nötigen Pachtrechte gesichert. Was aber einer
Verlegung im Wege liegt, weiss nur Max Schachenmann & Co. selber.
Es gibt böse Zungen, die behaupten, dass der gewonnene
Grundstoff für Zahnpasta dann nicht mehr so weiss wäre... Um was geht es wirklich? Trotz all dieser widrigen Umstände setzt die
Omya/Plüss-Staufer AG alles daran, den Steinbruch unbedingt zu
realisieren, egal wie hoch der Preis dafür sein wird. Der
Grosskonzern hat schon mehrfach gezeigt, dass er auch vor Toten nicht
halt machen wird (siehe dazu auch Chronologie). Was Plüss-Staufer
(und natürlich auch andere Multis) wohl am meisten beunruhigt,
ist der Symbolcharakter und der emanzipatorische Faktor, den Vingrau
besitzt. Wo käme denn die Menschheit hin, wenn es einem kleinem
Dorf gelänge, die Pläne eines Multikonzernes zu
durchkreuzen, wenn die Menschen auf die Idee kämen, ihr Leben
selber zu bestimmen und zivilen Ungehorsam auszuüben? Könnten
nicht auch andere Menschen durch das Beispiel von Vingrau Mut und
Lust bekommen, sich dem Ablauf und der Logik der Marktwirtschaft und
des Kapitalismus zu widersetzen? Vielleicht geht es Plüss-Staufer
und Omya gerade darum, das eigene Gesicht zu bewahren und allen zu
zeigen, wer das Sagen hat - um zu verhindern, dass das Beispiel
Vingrau Nachahmung findet. In der Schweiz und vor allem im Aargau
könnte sicher noch etwas mehr Druck - wie eben z. B. am 25. 6.
97 geschehen - auf die Oftringer Plüss-Staufer AG ausgeübt
werden, was aber bisher am üblichen Desinteresse und dem
"Lieber-in-der-eigenen-Suppe-schmoren" scheiterte. Gerade
am Beispiel von Vingrau könnte mensch aber zeigen, dass
"internationale Solidarität" keine leere Worthülse
ist. Michi Kontaktadresse für mehr Infos, Kontakt: Spenden gehen an: Zurück zur Hauptseite vom karnikl oder des KulturZentrums Bremgarten KuZeB
Comité de
défense,Jacques Bassou
5, Rue de stade, F-66600 Vingrau
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