Keine Auslieferung von Patricio Ortiz Vor über drei Monaten, am 4. September, wurde der
33jährige chilenische Flüchtling Patricio Ortiz an seinem
damaligen Aufenthaltsort von der Kantonspolizei Zürich
verhaftet, kurz nachdem die chilenische Regierung ein offizielles
Auslieferunsbegehren an die Schweiz gestellt hatte. Seither befindet
sich Patricio Ortiz im Auschaffungsgefängnis Kloten. Wer ist Patricio Ortiz? Patricio Ortiz war in der zweiten Hälfte der 80er Jahre bei
der Guerillabewegung FPMR (Frente Patriotico Manuel Rodriguez) aktiv
am Widerstand gegen die Militärdiktatur unter Pinochet
beteiligt. Im Jahre 1986 verübte die FPMR ein Attentat auf
General Pinochet, das aber misslang. Nach dieser gescheiterten Aktion
spaltete sich die FPMR in zwei Gruppen. Zwar hatte Patricio Ortiz
nach dem Anschlag weiterhin Kontakt mit dem bewaffneten Flügel,
beteiligte sich aber nicht an dessen Aktionen. Anfangs 1991 wurde
Ortiz verhaftet, wobei es bei seiner Festnahme zu einem Schusswechsel
kam und ein Polizist aus bis heute ungeklärten Gründen ums
Leben kam. Nach seiner Verhaftung wurde er im
Hochsicherheitsgefängnis von Santiago de Chile inhaftiert. Im
Oktober 1992 gelang ihm, zusammen mit anderen politischen Gefangenen,
die Flucht. Die Gruppe wurde aber kurz darauf gestellt und obwohl
sich alle Geflohenen bereits ergeben hatten, eröffneten die
Sicherheitskräfte das Feuer. Ortiz überlebte diese
Hinrichtung nur dadurch, weil die Soldaten davon ausgingen, dass alle
Geflüchteten tot seien. Schliesslich wurde er von den später
am Tatort eintreffenden Zivilbehörden aufgefunden und
schwerverletzt ins Spital transportiert. Die Flucht nicht überlebt
hat Patricios Bruder Pedro, der sich ebenfalls am Ausbruch beteiligt
hatte. 1995 verurteilte ihn ein Militärgericht wegen
Körperverletzung mit Todesfolge zu einer zehnjährigen
Haftstrafe. Dies obwohl Patricio Ortiz jegliche Tatbeteiligung
bestritt und die Beweislage äusserst dürftig war.
Desweiteren kann in keiner Weise von einem fairen Verfahren
gesprochen werden. Die Verurteilung von Ortiz verstiess gegen diverse
Menschenrechtskonventionen. So wurde er in Chile nicht von einem
Zivilen, sondern von einem Militärgericht verurteilt. Die
Richter waren nicht unabhängig, das Verfahren nicht öffentlich
und der Angeklagte wurde in seiner Abwesenheit verurteilt. Weiter
litt Ortiz bei seiner einzigen erfolgten Einvernahme noch unter den
Folgen der vorangegangenen Folter. Einem ballistischen Gutachten, das
es für fragwürdig hielt, dass die betreffenden Schüsse
aus Ortiz' Waffe stammten, wurde vom Militärgericht überhaupt
keine Beachtung geschenkt. Am 30. Dezember 1996 gelang Patricio Ortiz zusammen mit drei
weiteren Compañeros eine spektakuläre Flucht, indem sie
mit einem Helikopter aus dem Hochsicherheitsknast von Santiago de
Chile befreit wurden. Dieser Jahrhundertausbruch hat in ganz
Südamerika für grosses Aufsehen gesorgt, weshalb die
Auslieferung von Patricio Ortiz für die chilenische Behörden
vor allem zu einer Prestigefrage geworden ist. Und die bürokratischen Mühlen mahlen... Momentan bearbeitet das Bundesamt für Polizeiwesen (BAP) das
Auslieferungsgesuch der chilenischen Regierung. Falls Patricio Ortiz
tatsächlich ausgeliefert wird, droht ihm erneut Folter, und ob
für sein Leben garantiert werden kann, ist äussert
fraglich. Die Bundesanwaltschaft hatte schon wenige Tage nach Patricio
Ortiz' legaler Einreise in Schweiz die zuständigen chilenischen
Stellen darüber informiert, wie ein Auslieferungsverfahren
abzufassen sei, damit es nicht den Anschein erwecke, der Fall habe
etwas mit Pinochets Militärdiktatur zu tun... Unbestritten ist
ebenfalls, dass das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) noch
vor Einreise des Chilenen das BAP über Ortiz' Absichten
informierte, in der Schweiz ein Gesuch einzureichen. Das BAP
seinerseits reichte dann, wie schon erwähnt, diese Information
weiter nach Chile und setzte somit das Auslieferungsverfahren erst in
Gang (!). Ob dieses Vorgehen vom BAP und dem BFF legal war, kann
ernsthaft bezweifelt werden. Inzwischen ist deshalb auch eine
Beschwerde gegen das BAP beim zuständigen
Datenschutzbeauftragten eingereicht worden. Menschlich gesehen ist
das Verhalten der Schweizer Behörden eine Riesenschweinerei,
denn anstatt Patricio Ortiz in der Schweiz Schutz vor Folter und
Verfolgung zu gewähren, wird versucht, ihn möglichst
schnell an Chile auszuliefern. Seit Mitte Juli bearbeitet nun das BFF das Asylgesuch von Patricio
Ortiz. Würde das BFF Patricio Ortiz als politischen Flüchtling
anerkennen und ihm in der Schweiz Asyl gewähren, müsste er
unverzüglich auf freien Fuss gesetzt werden und eine
Auslieferung an Chile käme nicht mehr in Frage. Obwohl das BFF
seit längerem im Besitz der benötigten Unterlagen ist, und
der Fall aufgrund der Auslieferungshaft automatisch beschleunigt
behandelt werden müsste, wird das Verfahren weiterhin verzögert. Pinochet und das heutige Chile Zwar gilt Chile heute formal als demokratischer Staat,.Tatsache
ist aber, dass ein Grossteil des Machtapparates, insbesondere
Polizei, Justiz und natürlich die allgegenwärtigen
Streitkräfte, immer noch von Pinochet und seiner Militärjunta
kontrolliert werden. Laut Menschenrechtsbeauftragten der UNO und
Amnesty International sind Folter und Übergriffe in den
Militärgefängnissen Chiles heute noch gang und gäbe.
Zwar rief die demokratische "Übergangsregierung" 1990
eine "Wahrheitskommission" ins Leben, um die begangenen
Verbrechen unter Pinochet und seiner Militärdiktatur
aufzuklären. Da aber Pinochet und seine Schergen - in der von
ihnen selber ausgearbeiteten Verfassung von 1980 - sich gnädigerweise
eine Generalamnestie gewährten, gab es letztendlich für
nachweislich 3197 Mordfälle (die Dunkelziffer dürfte um ein
Vielfaches höher liegen) lächerliche fünfzehn
Verurteilungen, wobei heute gerade einmal noch zwei (!) Abgeurteilte
im Gefängnis sitzen. Gleichzeitig sind weiterhin hunderte
politischer Gefangener in Chile inhaftiert. General Pinochet, der immer noch oberster Befehlshaber der
chilenischen Streitkräfte ist, kam 1973 mittels eines sehr
blutigen Militärputsches gegen den demokratisch gewählten
Sozialisten Salvador Allende an die Macht. Der Umsturz wurde vom
US-Geheimdienst CIA mit mehreren Millionen Dollar unterstützt.
Schon in den ersten Tagen fielen den Mordkommandos Pinochets tausende
Menschen zum Opfer, darunter auch Allende selbst. Für viele
Menschen in Südamerika ist das Trauma von der blutigen
Zerstörung des sozialistischen Chiles bis heute nicht
überwunden. Ob Pinochet für seine Verbrechen jemals zur
Rechenschaft gezogen werden kann, ist sehr fraglich. Zwar wird der
greise Obermilitär im März 1998 sein Amt abgeben, geniesst
danach aber den Status eines "Senators auf Lebenszeiten",
wodurch er in den Genuss der parlamentarischen Immunität kommt
und sich auf diese Weise der irdischen Gerichtsbarkeit entzieht. Breite Solidarisierung für Patricio Ortiz Die im September in der Schweiz angelaufene Solidaritätskampagne
"Freiheit für Patricio Ortiz" hat ein breites Echo
gefunden. Mitte September ist die chilenische Menschenrechtsanwältin
Julia Urquieta in die Schweiz gereist und hat bei Treffen mit
ParlamentarierInnen, BehördenvertreterInnen, der Presse und der
Öffentlichkeit in Zürich, Bern und Genf über die
aktuelle Menschenrechtssituation in Chile und über den unfairen
Prozess gegen Patricio Ortiz informiert. Die SP-Fraktion des Kantons
Zürich hat bei Bundesrätin Ruth Dreifuss und Bundesrat
Moritz Leuenberger für die Freilassung von Patricio Ortiz
interveniert. In Lausanne, Genf, Bern und Zürich haben sich
lokale Solidaritätsgruppen gebildet, in denen sich unter anderem
viele Chileninnen und Chilenen engagieren, und am 22. November gab es
in Bern eine Demo für die sofortige Freilassung von Patricio
Ortiz, an der rund 800 Leute teilnahmen. Aber auch international hat
die Verhaftung des Chilenen durch die Schweizer Behörden für
Unverständnis und Aufregung gesorgt, und in Italien, Spanien,
Belgien, Deutschland, Schweden, Kanada, Mexiko, Puerto Rico,
Brasilien und sogar den USA engagieren sich ebenfalls Komitees für
die sofortige Freilassung von Patricio Ortiz. Der Fall Ortiz ist exemplarisch für die unmenschliche
Ausschaffungspraxis der Schweiz. Das BFF schreckt nicht davor zurück,
Menschen in Kriegsgebiete wie Algerien, Kosova, Kurdistan oder Sri
Lanka zurückzuschicken. Zehntausende von Menschen aus
Ex-Jugoslawien und Sri Lanka sind momentan akut von einer
Auslieferung an ihre Herkunftsländer bedroht. Dass es sich bei
Patricio um einen politischen Flüchtling handelt, dürfte
wohl allen klar sein. Falls er tatsächlich nach Chile
ausgeliefert würde, wäre das Schweizer Asylgesetz wohl
nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem es geschrieben ist. Seit dem Inkrafttreten der Zwangsmassnahmen im
ÄusländerInnenunrecht kommen die betreffenden
Ausschaffungsknäste immer wieder durch
Menschenrechtsverletzungen oder durch die Hungerstreiks ihrer
Insassen in die Schlagzeilen. So verweigerten z. B. anfangs November
Häftlinge in Kloten ihre Nahrungsaufnahme, um unter anderem
gegen die Aussagen der Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer
(natürlich von der SVP) zu protestieren. Diese hatte sich
ernsthaft Gedanken gemacht, Menschen, die aus verschiedensten Gründen
nicht ausgeliefert werden können, kurzerhand lebenslänglich
einzuknasten (!). Spendenaufruf Die Kampagne für die Freilassung von Patricio Ortiz kostet
Geld. Alleine für die Anwaltskosten mussten bisher rund 10'000
Franken ausgegeben werden. Hinzu kommen weitere Ausgaben von ca.
13'000 Franken (Übersetzung von offiziellen Dokumenten, Reise
von Julia Urquieta, Versände, Druckkosten etc.) Bisher sind
durch Spenden, Benefizanlässe etc. rund 6'000 Franken
zusammengekommen. Um die Arbeit weiterführen und um die
restlichen Kosten decken zu können, ist das Komitee dringend auf
Spenden angewiesen. Michi Spendenkonto: Zentralamerika-Solidaritätsfonds, Zürich
PC 80-60518-0 (Vermerk: P. Ortiz) Wer mehr Informationen über den Fall Ortiz, den alle 14 Tage
erscheinenden Info-Rundbrief oder sich gar aktiv an der Kampagne
beteiligen möchte, wendet sich am besten gleich an folgende
Adresse: Komitee "Freiheit für Patricio Ortiz", Postfach
8721, 8036 Zürich
Der Demo-Highlight Am 22. Oktober fand in Bern eine Demo für die Freilassung und
Asyl für Patricio Ortiz und für ein Recht auf Asyl für
alle Flüchtlinge statt. Die Beteiligung war mässig
(immerhin betrifft das Thema die ganze Schweiz), das journalistische
Interesse noch mässiger, obwohl trotz der Kälte bis zu 800
Menschen (in den Medien wurde von 400 berichtet) daran teilnahmen.
Dafür hat Bern wieder einmal mit originellen Ideen brilliert: An
der Demo tauchte das seit zwei Wochen vermisste Transparent der
Ausstellung "A Walk on the Wild Side" wieder auf. Seit dem
12. September gastiert die Ausstellung, welche Jugendbewegungen von
den 30er Jahren bis heute porträtiert, im Historischen Museum in
Bern. Diese liess sich ihre Werbung (das schöne Transparent)
auch ganze 8000 Franken kosten! Doch das augenfällige Transpi
zierte nicht lange die Fassade des Museums. Am 8. Oktober wurde es
von der "Wilden 13" entführt und mit einem anderen
vertauscht, welches unter anderem für die Demo warb und
seinerseits schon einen Tag später polizeilich entfernt wurde.
Auf den darauf folgenden vorgeschlagenen Tauschhandel der "Wilden
13" ging die Leitung des Historischen Museums jedoch nicht ein:
Die nächtlichen TranspiklauerInnen würden das edle Stück
umgehend retournieren, würde ihr eigenes innert 48 Stunden
wieder aufgehängt, ansonsten könne nicht für dessen
Sicherheit garantiert werden... (Tauschhandel? Das ist glatte
Erpressung!) Da der Vorfall wunderbar zur Thematik der Ausstellung passt, waren
die Belege der (aus meiner Sicht) sehr gelungenen Aktion hübsch
aufgereiht bis am 7. Dezember im Museum zu begutachten. Jedenfalls hat das Historische Museum seit dem 22. Oktober sein
Transpi wieder, geschadet hat im der kleine Ausflug nix - es ist im
Gegenteil noch viel schöner geworden. Und was uns ganz speziell
freut: Die Telecom, die Allgemeine Plakat Gesellschaft und sogar das
Schweizer Fernsehen unterstützen, wie wir auf Bild 5 und 6 sehen
können, unsere Anliegen und haben sich angesichts des grossen
Loches in der Kampagnenkasse entschlossen, diese zu sponsern. (Wer
hätte das gedacht...!)
Irene Zurück zur Hauptseite vom karnikl oder des KulturZentrums Bremgarten KuZeB
© 1997, 2012 Copyright beim Verein KulturZentrum Bremgarten KuZeB some rights reserved (Creative Commons BY-SA). Geändert am 31. Mai 2009. Erstellt von Kire.