Frauenbewegung und Rassismus S/M. Weil wir (das Zeitungskollektiv) der Ansicht sind,
dass in unser schönes Heftli auch Frauensachen gehören,
habe ich folgenden Text von der Rosa Antifa Wien übernommen, da
ich sowieso genau zu diesem Thema was schreiben wollte, und ich ihn
genial finde. Ich nehme mal an, dass frau/man mir deswegen nicht böse
sein wird... Ich habe das zweifelhafte Vergnügen Schweizer Staatsbürgerin
zu sein. Zweifelhaft deswegen, weil ich natürlich NICHT stolz
darauf bin, KEINERLEI patriotische Gefühle hege und NICHT
versuche, mich wie "der/die typische Schweizerin" zu
verhalten. Aber dieses Vergnügen ist auch aus einem anderen
Grund äusserst zweifelhaft: Als schweizerische Staatsbürgerin
habe ich gewisse Rechte, besser gesagt Privilegien, und ich habe sie
auf Kosten anderer. Ich bin privilegiert: meine Hautfarbe ist weiss,
ich bin nicht von Rassismus und rassistischen Gesetzen betroffen, ich
darf eine lange Ausbildung machen, ich habe die Möglichkeit mich
zu bilden, ich lebe in der "1. Welt", ich darf meine
westliche Kultur ungehindert ausleben, um mich herum schwimmen die
Konsumgüter etc. Diese Privilegien habe ich, auch wenn ich keine
Patriotin bin. Diese Privilegien habe ich gegenüber schwarzen
Menschen (unter "schwarz" verstehe ich nicht die Hautfarbe,
sondern als Bezeichnung für Menschen afrikanischer Herkunft. Er
ist daher als politischer Begriff zu verstehen, und auch als
Adjektiv.) gegenüber TürkInnen, JugoslawInnen, Menschen aus
Asien, gegenüber allen, die von rassistischer Unterdrückung
betroffen sind. Mein Weg um diese Situation zu verändern, darf nicht das
Ausüben dieser Privilegien sein (z. B. das "von oben herab"
helfen wollen), sondern muss über den Kampf zur Abschaffung
dieser Privilegien gehen, die mit Hilfe von Rassismus entstanden
sind.
Zwei Anmerkungen noch: Erstens: Diese "Selbstanalyse" habe ich nicht gemacht,
um mich als Opfer darzustellen, sondern um aufzuzeigen, dass auch ich
als Frau von Rassismus "profitiere". Zweitens: Der folgende Artikel beschäftigt sich mit der
Unterdrückung schwarzer Frauen, da es sich bei den Quellen
hauptsächlich um die Erfahrungen afro-amerikanischer Frauen
handelt. Einzelne Inhalte können aber auch auf die Beziehung
zwischen schweizerischen Frauen und MigrantInnen in der Schweiz
bezogen werden. Zunächst: Was ist unter dem Begriff der "Rasse" und
des "Rassismus" zu verstehen? Die "Rasse" ist ein soziales Konstrukt, unter dem eine
Gruppe von Menschen verstanden wird, die aufgrund von äusseren
Merkmalen auch bestimmte Verhaltens- und Charaktereigenschaften
besitzt. Sie wird für eine quasi natürliche Gemeinschaft
gehalten, die bestimmte soziale und kulturelle Eigenschaften besitzt
und sich auch dadurch von anderen "Rassen" unterscheidet. Von Rassismus können wir dann sprechen, wenn sich eine Gruppe
von Menschen, die sich selbst als "Rasse" bezeichnet, höher
stellt als eine andere, die als minderwertig betrachtet wird UND wenn
sie genügend Macht besitzt, um diese Definition durchzusetzen zu
können. Dies geschieht durch rassistische Gesetze (z. B. in der
Schweiz die Zwangsmassnahmen im AusländerInnenUnrecht oder das
sogenannte 3-Kreise-Modell), erzwungene kulturelle Anpassung,
diskriminierendes Verhalten, Gewalt gegen MigrantInnen (z.B. durch
Rechtsextreme oder die Polizei) durch die Verweigerung von Rechten
für MigrantInnen (z.B. Stimm- und Wahlrecht, Arbeitsverbot für
Flüchtlinge). Obwohl Frauen im Patriarchat (Männerherrschaft) insgesamt
eine unterdrückte gesellschaftliche Gruppe darstellen, so
bestehen doch zwischen den Unterdrückungserfahrungen einzelner
Frauen grosse Unterschiede: beschäftigt mensch sich also mit
Unterdrückungsmechanismen, denen in unserer Gesellschaft Frauen
ausgesetzt sind, so ist eine differenzierte Sicht angebracht. Eine
weisse, mittelständische Frau macht aufgrund ihrer
privilegierten sozialen Stellung gänzlich andere
Lebenserfahrungen als z. B. eine schwarze Arbeiterfrau aus dem
Trikont ("3. Welt"), die wegen ihrer Klassenzugehörigkeit
und Hautfarbe in völlig anderen historischen, politischen und
sozialen Verhältnisse lebt. Dass es unterschiedliche Interessen,
Lebensumstände und Erfahrungen innerhalb der sozialen Gruppe der
Frauen gibt, und dass diese in der Vergangenheit selbst von der
Frauenbewegung, die überwiegend aus weissen intellektuellen
Feministinnen aus dem Mittelstand besteht, kaum thematisiert wurden,
ist die Kritik schwarzer Feministinnen. Die Erfahrungen von
bestimmten weissen Frauen dürfen nicht auf schwarze übertragen
werden, da es sonst zu Diskriminierungen und Verfälschungen der
Lebensweise anderer Frauen kommt. Obwohl die offene rassistische
Unterdrückung schwarzer Frauen durch weisse Frauen der
Vergangenheit angehört (und durch Gesetze zumindest
"theoretische Gleichheit" geschaffen wurde), so ist doch
der Rassismus ein Teil unserer Gesellschaft, zu der auch die
Frauenbewegung gehört, wie Elizabeth Spelmann in ihrem Aufsatz
"Theorien über Rasse und Geschlecht: die Ausgrenzung
schwarzer Frauen" beschreibt: "Weisse halten sich für
Nicht-Rassisten, weil sie keine Sklaven besitzen oder Schwarze nicht
hassen: Das negiert jedoch nicht die Tatsache, dass ein grosser Teil
dessen, was das weisse Selbstwertgefühl konstruiert, auf dem
Rassismus und seiner unfairen Verteilung von Vor- und Nachteilen
zwischen Weissen und Schwarzen beruht." Weisse Frauen tragen zur
Beibehaltung rassistischer Realität sowohl in der Gesellschaft
bei, wenn sie nicht aktiven Widerstand gegen die angebliche
Überlegenheit und Verschiedenheit der Weissen leisten, als auch
auf persönlicher Ebene, sei es durch das Haben von Vorurteilen,
gedankenloses Wiederholen von Stereotypen, Übergehen
von Meinungen schwarzer Frauen, oder durch Konstruktion einer
feministischen Theorie und Praxis, die den Blick auf den Rassismus
ausspart. Den Ruf nach Schwesterlichkeit der weissen Feministinnen (das
meint die Verbindung von Frauen in der Frauenbewegung; diese Idee des
Bündnisses gründet allzuoft auf die Idee des
Gemeinsam-Unterdrückt-Werdens, des Opfer-Seins, der
Machtlosigkeit Männern gegenüber, also Schwesterlich auf
Schwäche aufbauend, und nicht aufgrund gemeinsamer Stärke),
werten viele Frauen als Hohn: sind doch Frauen in sich eine
gespaltene Gruppe, die von Sexismus, Rassismus, Klassenunterdrückung,
Antisemitismus etc. betroffen sein können. Durch die Darstellung
aller Frauen als "Opfer" wird von Frauen ausgeübte
Unterdrückung an anderen Frauen nicht aufgearbeitet, ja sogar
negiert. Erst eine Bewegung, die auf gemeinsamer Solidarität,
gemeinsamen Interessen und dem Willen aufbaut, alle die Frauen
trennenden Unterschiede zu bekämpfen und abschaffen zu wollen,
ist für sie ernst zu nehmen. Zeigt sich doch aus der amerikanischen Geschichte, dass die Frauen
der BürgerInnenrechtsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert (aus
denen sich die heutige Frauenbewegung entwickelte) sich von der
eingehenden Analyse des Rassismus abwandten, als sie sich ihrer
Schuld als Frauen bewusst wurden - sowohl in der Geschichte als auch
in der Gegenwart - und konzentrierten sich auf den Kampf gegen den
Sexismus, der als primäre Form der Unterdrückung gesehen
wurde/wird. So haben weisse Frauen Befreiungsbewegungen mitgestaltet,
die ihre Interessen favorisieren und die anhaltende Unterdrückung
anderer Gruppen unterstützt. Schwarze Frauen sind noch immer am
schärfsten von sexistischer, rassistischer und kapitalistischer
Unterdrückung betroffen. Hingegen können weisse Frauen zwar
von Sexismus betroffen sein, aber Rassismus verleiht ihnen die
Fähigkeit der Unterdrückung. Weiter besteht die
Möglichkeit, sich mit weissen Männern zu verbünden (ob
als Partnerinnen oder in einer anderen Beziehung) und in einer
untergeordneten Position an der Macht der Männer teilzuhaben.
Obwohl das einer Scheinherrschaft gleichkommt, können die Männer
doch in ihren Entscheidungen beeinflusst werden. Nicht nur das Faktum, das weisse Frauen noch immer von ihren
sozialen Stellungen profitieren und sich nicht mit ihrem Rassismus
grundlegend auseinandersetzen, lässt viele schwarze Frauen an
der Ernsthaftigkeit der Idee der sogenannten "Schwesterlichkeit"
zweifeln. Es ist dies nämlich die Idee weisser,
mittelständischer Frauen, die von ihrer Lebenssituation
ausgehen, ohne den spezifischen Erfahrungen anderer Frauen Beachtung
zu schenken. Doch führt eine solche Haltung, so die Kritik
schwarzer Frauen, nur zu gegenseitigen Affirmation und
Geringschätzung anderer - eine solche Beziehung ähnelt
jener zwischen Frauen im Patriarchat: es sind unsolidarische
Konkurrenz-Beziehungen, der einzige Unterschied ist das gemeinsame
Interesse am Feminismus. Die Autorin Bell Hooks über den Fehler
weisser Frauen, ihre Erfahrungen als allgemeingültige
darzustellen: "Die Kraft, die es weissen feministischen
Autorinnen erlaubt, rassistische Identität in ihren Büchern
über Frauen, die in Wirklichkeit über weisse Frauen sind,
nicht zu identifizieren, ist dieselbe, die jede Autorin, die
ausschliesslich über schwarze Frauen schreibt, dazu veranlasst,
deren rassistische Identität explizit auszuweisen. Diese Kraft
ist Rassismus..., denn es ist die dominante Rasse, die ihre
Erfahrungen als repräsentativ darstellen kann." Nicht zu
vergessen im Konflikt zwischen schwarzen und weissen Frauen ist die
historische Komponente die direkte und indirekte Unterdrückung
schwarzer Frauen durch weisse. Differenzen bei aktuellen Themen
zwischen Frauen gibt es gerade wegen der Geschichte der Versklavung
Schwarzer Männer, Frauen und Kinder: Ein Beispiel dazu sind die
unterschiedlichen Bewertungen zum Thema Vergewaltigung, die aus den
unterschiedlichen Erfahrungen weisser und schwarzer Frauen
resultieren. Weisse Feministinnen beschwerten sich jahrelang über
die ausbleibende Solidarität schwarzer Frauen bei
Vergewaltigungen. Schwarze Frauen haben bei diesem Thema aber eine -
aus historischen Gründen - gänzlich andere Sichtweise: Die
Jahre nach 1890 (vorher fand eine Verbesserung der Lebenssituation
schwarzer Menschen statt: Politik-Mitbestimmung, Gründungen von
eigenen Betrieben etc.) waren in den USA geprägt durch
rassistische Gesetze und Lynchmorde des KKK (Ku-Klux-Klan). Diese
wurden im Namen von weissen Frauen geführt; Frauen bezichtigten
tausende schwarze Männer ("Kreaturen unkontrollierter
Lust") der Vergewaltigung. Aus diesem Grund stehen viele
schwarze Feministinnen auch heute noch schwarzen, emanzipatorischen
Männern näher, mit denen sie gemeinsam gegen Rassismus (und
auch Sexismus) kämpfen, als beispielsweise weissen Frauen, die
einen "Separatismus" vertreten, wie es die Frauen des
"Combahee River Collective" beschreiben: "Unsere
gemeinsame Unterdrückung macht es notwendig, dass wir als Rasse
solidarisch sind. Diese Solidarität mit Männern brauchen
weisse Frauen natürlich nicht, es sei denn unter dem negativen
Vorzeichen einer Solidarität der UnterdrückerInnen". Der Vorwurf weisser Frauen der "Männerfixierung"
wird also zurückgewiesen, ausserdem bestehen Schwarze darauf,
dass diese Diskussion, ob mensch sich mit schwarzen Männern
solidarisiert oder nicht, unter Schwarzen selbst geführt werden
muss. Unterschiedliche Meinungen gibt es auch bei sozialen Anliegen der
Frauenbewegung: Ziele, wie erhöhte Sozialhilfe für
alleinstehende Mütter oder Tagesstätten für Kinder,
sowie Aktionen gegen Zwangssterilisation werden in den USA von
schwarzen Frauen stärker befürwortet als von weissen. Die oben thematisierten Konflikte zwischen weissen und schwarzen
Feministinnen führten wohl dazu, dass die Frauenbewegung vor
allem von privilegierten, weissen, mittelständischen Frauen aus
der westlichen Welt getragen wird, und dass sich schwarze Frauen
weitgehend keiner weissen, feministischen Bewegung angeschlossen
haben. Schwarze Frauen haben hingegen versucht, sich in eigenen
Zusammenschlüssen mit ihrer Situation in der Geschichte,
Gesellschaft, Wirtschaft... auch eigene Art und Weise
auseinanderzusetzen, und sowohl Sexismus als auch Rassismus
thematisiert. Viele von ihnen haben sich nicht als an der Peripherie
der weissen Frauenbewegung empfunden, sondern diese eher isoliert von
ihrer Eigenen wahrgenommen. Die Zukunft des Feminismus: Um dem Grundanspruch, nämlich dass alle Frauen von
Unterdrückung frei und selbstbestimmt leben können, gerecht
zu werden, müssen sich auch weisse Frauen jenen Formen der
Unterdrückung zuwenden, die sie nicht unmittelbar betreffen. Sie
müssen sich ihres eigenen und des gesellschaftlichen Rassismus
bewusst werden, um ihn bekämpfen zu können. Blosses
gegenseitiges Unterstützen im Einleben in die "Opferrolle"
darf nicht mit wirklicher Solidarität, die auf gemeinsamen
Interessen, Überzeugungen und Zielen aufbaut, verwechselt
werden. Probleme mögen noch so unterschiedlich sein, wenn
gegenseitiger Respekt, offene Kritik und der Mut zur Selbstkritik
vorhanden sind, können sie von Frauen, die Verständnis für
einander aufbringen können, gelöst werden. Dazu müssen
Frauen fähig sein, konkurrenzlos miteinander zu reden, ihren
Frauenhass zu überwinden, um in ihrer Verschiedenheit eine
Einheit bilden zu können. Warum für weisse Feministinnen die Beschäftigung mit
Rassismus und der Kampf gegen ihn unerlässlich ist, erklärt
Barbara Smith so: Warum es sich mit Feminismus und Rassismus
auseinandersetzen gilt, ergibt sich aus der Definition von Feminismus
als Theorie und Praxis zur Befreiung aller Frauen: Also farbiger
Frauen, Arbeiterinnen, armer und behinderter Frauen, lesbischer
Frauen, ebenso wie privilegierter, heterosexueller, weisser Frauen.
Alles andere ist nicht Feminismus, sondern nur weibliche
Selbstbeweihräucherung. Hier nochmals einen herzlichen Dank an die Rosa Antifa in Wien für
ihre Vorarbeit! Wer mehr über diese Gruppe wissen möchte, hier die
Kontaktadresse: Rosa Antifa c/o Rosa Lila Tip, Linke Wienzelle 102,
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Von
der Schwierigkeit nicht rassistisch zu sein.
© 1997, 2012 Copyright beim Verein KulturZentrum Bremgarten KuZeB some rights reserved (Creative Commons BY-SA). Geändert am 31. Mai 2009. Erstellt von Kire.