Frauenhausen/Frauenstock - Interview KI. Im Juli 95 besetzen 7 Frauen ein 90-jähriges Haus in
Kriens (LU), da die legale Suche nach bezahlbarem Frauengrosswohn- &
Kulturraum erfolglos blieb. Der Besitzer des Hauses erklärt sich
angesichts der wohl nicht ganz ernst zu nehmenden Hausfrauen vorerst
zu Verhandlungen bereit. Auf konkrete Vertragsvorschläge seitens
der Frauen wird aber nicht eingegangen - die Frauen kriegen ein
Ultimatum & ziehen auf das angesetzte Datum nach drei Monaten
Besetzung aus. Am Abend desselben Tages besetzt eine gemischte Gruppe
das Haus, die es dann auch acht Monate bewohnt. Im Gegensatz zu den
Frauen haben diese keine Probleme beim Verhandeln - ihnen wird auch
keine Räumung angedroht. Die Frauen aber sind erneut auf der
Suche nach bezahlbarem Wohn-, Kultur- & Arbeitsraum, der gross
genug ist für die Gruppe. Einen Monat nach dem Auszug aus dem
Haus an der Degenstrasse treffen sich ca. 50 Frauen zu einer
Sauvage-Matinee im Schilldruckgebäude, um eine Halle & das
Wohnhaus zu besetzen. Der Besitzer taucht einige Tage später auf
& fordert die Frauen auf, das Gebäude zu verlassen. Als
diese seiner Forderung nicht nachkommen, wird er rabiat & schlägt
mit dem Beil die Haustür ein, worauf die Besetzerinnen das Haus
übers Dach fluchtartig verlassen. Weiter geht's mit dem
leerstehenden Hotel Bären in der Altstadt, das nach einer
12-stündigen Besetzung schon wieder dem Zu(oder besser Ver-)fall
überlassen werden muss. Tags darauf ziehen die Frauen in der
Neustadtstrasse 17 ein, wo sie dann vorerst auch bleiben können.
Da die Besitzerin aber (wie schon der Besitzer des Hauses an der
Degenstrasse) vor allem versucht, Kapital aus den unerwünschten
Bewohnerinnen zu schlagen, stehen die Frauen zum 4. Mal auf der
Strasse & haben die Nase so ziemlich voll. Vor allem aber haben
die vergangenen Ereignisse eines bewiesen: Die Forderung nach
Frauenraum ist absolut legitim! Solange mit Frauen auf diese Art und
Weise umgesprungen wird, solange Frauen nicht ernst genommen &
ihre Anliegen derart penetrant ignoriert werden, ist es dringend
notwendig, für diese zu kämpfen! So liessen sich denn auch einige der Frauen die Energie nicht
nehmen & besetzten am 15. August 96 eine Etage des sonst gemischt
besetzten Schlösslis Schönegg unterhalb des Gütsches -
den FRAUENSTOCK. Das folgende Interview wurde mit Trix (T) & Janine (J)
geführt, die beide von Anfang an bei den Besetzungen dabei
waren. Da sie mich so ziemlich plattgelabert (& damit das ganze
Konzept über den Haufen geworfen) haben, musste ich etwas
zusammenstreichen. Das Gespräch war total interessant, verlief
aber leider zu chaotisch, um alles genau zu rekonstruieren. Wie ist die Besetzerinnengruppe entstanden, resp. wie habt ihr
euch gefunden? T: Die Besetzerinnengruppe bildete sich auf die Initiative von ein
paar Frauen hin, durch persönliche Kontakte. Die Frauen kamen
dann auch aus verschiedenen Kreisen: Aus dem Zefra (Frauenzentrum
Luzern, d. T.)-Umfeld, aus der Lesbenszene, den Kunstizusammenhängen
etc. Wie ist die Idee einer Frauenbesetzung zustande gekommen? Aus
welchem Bedürfnis? J: Hier in Luzern gibt es praktisch keinen vernünftigen
Frauenkulturraum. Das Zefra ist zu teuer & zu stier, da kann
nicht wirklich etwas wachsen. Dann gibt es noch das Uferlos, in dem
die Lesben einen Tag im Monat in Untermietung der Schwulen etwas
veranstalten. Das ist auch schon alles. Es gibt keinen Ort, wo
Frauenkultur entstehen kann, wo sich etwas bewegen, wachsen kann,
ohne dass kommerzielle Forderungen erfüllt werden müssen. Ausserdem sind die Besitzverhältnisse abstrakt verschoben.
Dies ist natürlich in vielen Beziehungen der Fall. Aber ich
betrachte das jetzt mal aus der Frauenperspektive. Und von da aus
gesehen wird der Besitz v. a. unter Männern verschoben.
Besitzer, sowie auch die, welche die Besitzverhältnisse
schützen, sind Männer. Beim Besetzen hast du mit
Bürgermeistern zu tun, mit Polizisten, Hausverwaltern etc.
Deshalb finde ich es legitim, den Männern von diesem Besitz
etwas wegzunehmen, um die Verteilung der Güter etwas gerechter
zu gestalten.
T: Für mich war es klar, dass etwas getan werden muss.
Erstmal ganz emotional, aus dem Gefühl heraus, dass etwas
ungerecht läuft. Als ich von der geplanten Frauenbesetzung
erfuhr, war die Begeisterung also eher gefühlsmässig. Das
Besetzen an sich halte ich nicht für feministisch, wichtig war
mir vor allem, etwas mit Frauen zusammen zu machen; das stand ganz
klar im Vordergrund. Das Besetzen an sich war zuvor also kein Thema? T: Nein, eigentlich nicht.
Auf der Suche nach geeignetem Wohnraum seid ihr oft auch mit
sexistischen Gesellschaftsstrukturen konfrontiert worden. Wenn Frauen
besetzen scheint das gewisse Menschen weit mehr zu stören, als
wenn dies Männer tun. Frauen, die sich ihrer angepassten Rollen
nicht fügen & darüber hinaus sogar die Frechheit
besitzen, den Raum in Anspruch zu nehmen, den sie brauchen, das ist
schlicht zuviel. Mann hat euch z. T. nicht ernst genommen &
'rumgeschubst'. Was hat das bei euch bewirkt? J: Es hat schon an der Motivation gezerrt. Wir waren halt zuwenig
radikal drauf, haben unseren Forderungen zuwenig Nachdruck verliehen.
Sie haben es geschafft, uns durch Drohungen immer wieder
hinauszuekeln. Und wir haben uns genau so verhalten, wie es Frauen
gelernt wird, wir haben uns 'rumschubsen' & einschüchtern
lassen - das kotzt uns vor allem an. T: Gesellschaftlich wirst du als Frau für deine Ohnmacht ja
noch gelobt - als Mann für deine Macht & Dominanz, dafür,
dass du die Ohnmacht anderer ausnutzt... Habt ihr noch andere politische Inhalte, an denen ihr arbeitet,
als 'nur' den Feministischen? J: Nun ja, ich finde es ein bisschen komisch, wenn du so nach
anderen politischen Themen fragst. Für mich gibt es nicht
verschiedene Problematiken, für mich haben alle den selben
Ursprung. Das Problem sind die Machtverhältnisse, das wirkliche
Problem ist für mich das Patriarchat. Es ist primär die
Macht-, Geld- & Verteilungsfrage. Die restlichen Probleme, so z.
B. Rassismus, soziales Gefälle etc. folgen aus diesem
Ungleichgewicht der Verteilung von Gütern & Möglichkeiten.
Und diese Welt, mit all diesen Ungerechtigkeiten, sie wird von
Männern gemacht. Sie gehört nicht mir, nicht meiner Mutter,
gehörte nicht meiner Grossmutter. Erst seit 20 Jahren dürfen
Frauen politisch mitbestimmen, in Strukturen, die Männer
aufgebaut haben & die während Jahrtausenden Frauen
unterdrückt haben. Was denkt ihr darüber, dass Frauen innerhalb der
Strukturen versuchen, etwas zu verändern?
T: Ich denke, dass wenn Frauen vermehrt in diese Machtstrukturen
reingehen, sich auch einiges an diesen ändern wird. J: Klar wird sich etwas ändern, aber nicht genug. Will eine
Frau diese Strukturen verändern, braucht sie eigene
Frauenzusammenhänge, die den Boden bilden für ganz andere
Umgangsformen unter den Menschen. Diese Frauenstrukturen sollten dann
öffentlich werden & in die Politik eingehen. Solche
Frauenzusammenhänge könnten z. B. durch Frauenkulturzentren
gestärkt werden. Ein Frauenkulturzentrum in jeder Stadt, das
wäre schön - oder am besten gleich zwei, drei... Doch die
Stadt kürzt Gelder bei Frauen, das Frauenhaus beispielsweise ist
überbelegt. (Anm. d. T.: Die Zahl der misshandelten &
sexuell ausgebeuteten, vergewaltigten Frauen nimmt, im Gegensatz
dazu, NICHT ab! Und physische Gewalt ist natürlich nur die
Spitze des Eisberges der Diskriminierung & Reduktion auf den
Körper, mit dem die meisten von uns Frauen täglich
konfrontiert werden.) Frauenbewegung war immer irgendwie Luxus bis
jetzt. T: Es gibt aber auch noch viel Arbeit schon nur auf
parlamentarischer Ebene zu tun. Nach wie vor haben Frauen Nachteile,
die gesetzlich zementiert sind. Einige Gesetze sind sexistisch, z. B.
haben wir nicht mal das Recht, über unseren eigenen Körper
zu bestimmen... J: Nur innerhalb der institutionellen Politik versuchen etwas zu
verändern, reicht aber nirgends hin. Eine Revolution, eine
tiefgreifende Veränderung braucht beides. Der "Kick",
der Auslöser kommt von unten. Von Frauen, die nicht in den
Strukturen sind. Die französische Revolution beispielsweise ist
v. a. von Frauen ausgegangen. Durch den "Brotstreik"
(Frauen gingen auf die Strasse, weil sie für ihre Familien
nichts mehr zu essen hatten) ist viel ins Rollen gekommen. Er hat den
Ausschlag gegeben für eine Veränderung, die dann in
liberté, fraternité & égalité (Tjach,
das hatte damals noch eine andere Bedeutung! d. T.) endete... Es stellt sich auch die Frage, wie das Patriarchat auf der
persönlichen Ebene bekämpft werden kann. Die Kleinfamilie
als "Urzelle" des Systems, des Patriarchats, ist einzig
systemerhaltend. Ich denke, dass es möglich ist, das Patriarchat
& seine Wurzeln sowohl von innen (z. B. freie Entfaltung
innerhalb der Ehe), als auch von aussen (z. B. keine sexuellen
Kontakte mit Männern mehr - politisches Lesbisch sein) zu
bekämpfen. Ich könnte jetzt von niemenschem fordern,
lesbisch zu leben oder so. Zurück zur Besetzung: Weshalb versucht ihr nicht,
politische Forderungen in gemischten Gruppen einzubringen? Besteht
bei einer solchen Abgrenzung nicht die Gefahr, dass frau den Einfluss
auf gemischte Zusammenhänge verliert, & dass sich somit in
den Köpfen v. a. der Männer nicht allzu viel ändert? T: Die Arbeit in der Auseinandersetzung mit dem Thema
Frau/Feminismus sollen die Männer selber tun. J: Keine Bemutterung, keine Pionierarbeit mehr. Den Anstoss zur
Auseinandersetzung geben wir ja als alltäglich präsenter
Frauenstock mit unseren Forderungen. Oft stösst die Abgrenzung der Frauen bei Männern, die
sich in linken Strukturen bewegen & sich der Thematik gegenüber
für sensibilisiert halten, auf Unverständnis. Es wurde auch
schon der Vorwurf laut, dass frau sie ausschliessen würde. Wie
geht ihr mit solchen Vorwürfen & Positionen um? T: Damit hab' ich überhaupt keine Probleme. Wenn ich z. B. in
eine Beiz gehe, fühle ich mich auch oft ausgeschlossen, ganz
einfach, weil die Beiz voll von Männern ist. Männer
definieren den Platz, das Gespräch, eigentlich den ganzen Raum.
Als Frau musst du da unverhältnismässig viel Energie
aufwenden, um überhaupt als gleichwertige Person wahrgenommen zu
werden. Praktisch der ganze öffentliche Raum wird von Männern
dominiert. Ich finde es da absolut gerechtfertigt, sich als Frau
einen Raum zu nehmen, wo für einmal ohne Männerdominanz
gelebt werden kann. Ihr wohnt ja eigentlich in einer gemischten Besetzung. Gibt es
da nennenswerte Probleme? Wenn ja, entstehen diese aufgrund
verschiederner politischer Ansprüche, oder sind es eher
geschlechtsbezogene Konflikte?
T: Die Konflikte betreffen v. a. die Auffassungen über die
Autonomie des Hauses. Zwar ist sich in diesem Punkt selbst die FrauV
(FrauenVersammlung - abgeleitet von VV = Vollversammlung, d. T.)
nicht einig, aber der Rest des Hauses möchte z. B. keine Gelder
von der Stadt annehmen. Da ging eine grosse Polemik innerhalb des
Frauenstockes los, da die einen der Meinung waren, für gewisse
Veranstaltungen Kulturgelder der Stadt zu beantragen. Dies v. a. aus
der Überlegung, dass Frauen sonst schon genug Gratisarbeit
leisten & ein Recht auf Frauenförderung von Seiten der
Gesellschaft hat, da diese die Scheisse ja auch verantwortet. Während
dieser Auseinandersetzung wurde dann die Autonomie des Frauenstocks
innerhalb des Hauses erreicht. Stehen aber Entscheidungen zur
Debatte, die das ganze Haus betreffen, sind Konflikte unausweichlich. Stösst ihr innerhalb des Hauses auch auf sexistische
Strukturen? J: Die Bewohner und auch die Bewohnerinnen in diesem Haus sind in
sexistischen Strukturen gross geworden. In vielen Situationen liegt
es an uns, auf Missverhältnisse zu reagieren. Auch hier ist von
Männern, z. T. auch von Frauen, nicht selbständiges Denken
& Handeln zu erwarten, was die sexistischen Strukturen betrifft. Wie verhalten sich die Männer im Haus zum "Zutrittsverbot"
im Frauenstock? T: Zu Beginn war es nicht ganz einfach, klar zu machen, dass wir
im Frauenstock keine Männer haben wollen. Inzwischen haben sie
es aber akzeptiert. Es ist ja auch so, dass sie eigentlich schon
"reindürfen", nur an Veranstaltungen nicht, da ist der
Frauenstock Frauenstock. Aber auch dann verhalten sie sich anders als
anderswo, weniger dominant, bleiben nicht so lange... Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass ihr gemischt besetzt
habt? Entspricht das gegenwärtige Projekt überhaupt euren
Ansprüchen, Wünschen, Visionen... oder ist es in jedem Fall
ein Kompromiss, in einer gemischten Besetzung zu wohnen? T: Nach den vier erfolglosen Besetzungen hatten fünf von
sieben Frauen die Nase voll vom Besetzen. Es waren also noch zwei,
die weitermachen wollten. Nun ja, zu zweit kannst du ja wohl kein
Haus besetzen - so haben wir halt beschlossen, bei der anderen Gruppe
mitzumachen - mit der Bedingung, dass wir einen Stock für uns
haben können. Natürlich wäre es schön, ein
eigenes Frauenteil zu machen, denn die übrigen Frauen halfen
zwar bei der Besetzung & auch jetzt noch aktiv bei der Gestaltung
des Frauenstockes mit, wollen aber nicht in einer gemischten
Besetzung wohnen. Wie ist das Verhältnis zu den anderen Frauen in der
Besetzung? Sie kommen uns ab & zu besuchen, scheinen aber keinen Raum
beanspruchen zu wollen, der von Frauen gestaltet wird. Versucht ihr aktiv neue Frauen zu finden, die sich engagieren
wollen? Seid ihr offen für andere Frauen? T: Eigentlich war & ist es bis jetzt ziemlich persönlich
geblieben, schon bedingt durch die Entstehungsgeschichte. Während
den Besetzungen sprach es sich dann aber 'rum, so dass neue Frauen
dazukamen. Ausserdem haben wir nach dem Einzug im Frauenstock
verschiedenste Flugis gemacht, um damit auch andere Frauen
anzusprechen.
T: Es sollte eigentlich schon grösser werden, aber momentan
ist unsere Energie etwas auf Sparflamme - durch das ewige Besetzen,
Rausfliegen, Wiederbesetzen. Das einzige Projekt, womit wir im Moment
an die Öffentlichkeit treten, ist der Fraueninfoladen, die
DEguTante. Und natürlich die Bulletins nach jeder Sitzung, in
denen kurz umrissen wird, was wir gerade machen oder beschlossen
haben. Habt ihr auch Kontakt mit anderen, ähnlichen
Frauenprojekten? Findet ein Austausch statt? T: Frauenprojekte in dieser Form gibt es eigentlich kaum. In
Zürich wurde vor ungefähr einem Jahr ein Haus von Frauen
besetzt, mit denen hatten wir Kontakt. Ausserdem waren wir (zwei
Frauenstockfrauen) dieses Jahr in Paris, im Frauensquat TOXINE.
Dieser wird aber unter den Pariser BesetzerInnen nicht so recht
akzeptiert & deshalb können sie es sich aus
Solidaritätsgründen gar nicht leisten, nur
Frauenveranstaltungen zu machen. Sie sind gewissermassen vom Goodwill
der restlichen BesetzerInnenszene abhängig, die natürlich -
wie überall - nach wie vor stark von Männern dominiert
wird. Tja, das wär's. Die Frauen hatten noch viel mehr zu sagen,
aber aus Platzgründen lass' ich den nicht minder interessanten
Rest weg. Geht doch selbst mal im Frauenstock vorbei und besucht den
Infoladen!
Nachtrag: Das Schlössli existiert seit dem Herbst 97
nicht mehr. Der Fraueninfoladen ist bis auf weiteres im Exil. Was
Frauenraum betrifft, gibt es aber folgendes Erfreuliches mitzuteilen:
Das Frauenzentrum ZeFra öffnet im August 98 seine Tore mit einem
neuen Konzept an der Vonmattstrasse in Luzern. Es kann als
Infoladen/Café von Frauen benützt werden; die
Öffnungszeiten sind jedoch noch nicht klar. Zurück zur Hauptseite vom karnikl oder des KulturZentrums Bremgarten KuZeB
© 1997, 2012 Copyright beim Verein KulturZentrum Bremgarten KuZeB some rights reserved (Creative Commons BY-SA). Geändert am 31. Mai 2009. Erstellt von Kire.